Das Pressegespräch zur Notunterkunft im Wortlaut

Flüchtlinge in Bork

Rund zweieinhalb Monate nach Eröffnung der Notunterkunft in Bork mit ihren 1000 Unterbringungsplätzen gab es am 9. November erstmals Gelegenheit für die Presse, die Zeltstadt zu begehen und aus der Unterkunft zu berichten. Vorher gab es ein Pressegespräch mit zahlreichen Entscheidern. Wir dokumentieren sie hier im Wortlaut.

BORK

, 10.11.2015, 19:04 Uhr / Lesedauer: 7 min

Unser Redakteur Tobias Weckenbrock schrieb das Pressegespräch in weiten Teilen mit. Rund 95 Prozent des Gesprächs sind hier protokolliert. Nur einige unwesentliche und belanglose Dinge fehlen. 

 

Kurze Begrüßung von Gastgeber Victor Ocansay, Pressesprecher des LAFP in Bork. Dann gab er das Wort ab mit dem Hinweis, dass das LAFP heute nur Gastgeber, aber nicht direkt Beteiligter sei. 

Christoph Söbbeler (Pressesprecher der Bezirksregierung Arnsberg): Wir sind mit mehreren Leuten in dieser Sache tätig. Wichtig ist mir, Ihnen heute Miriam Heintz und Dominic Bonauer vorzustellen, die im Kern für die Angelegenheit Asylbewerber zuständig sind. Es geht um die Frage, wie wir 23 Zentrale Unterbringungseinrichtungen und 260 Notunterkünfte organisieren.

Hans-Jürgen Hecker (Deutsches Rotes Kreuz Westfalen): Herzlichen Dank, dass dieser Termin heute zustande gekommen ist. Wir hatten das versprochen, es zu gegebener Zeit zu machen. Wir haben auch eine Führung für heute eingeplant. Wir werden gleich die Arbeit vorstellen, dann die Details und Fragen klären. Danach gibt es eine kurze Führung durch die Einrichtung. Auch ich möchte jemanden vorstellen: Ina Ludwig hat vor drei Wochen bei uns angefangen, sie ist jetzt die Ansprechpartnerin für die Presse in Flüchtlingsfragen beim DRK.

Thomas Kirschner (Kommissarischer Einrichtungsleiter der Notunterkunft Bork): Wir haben momentan bis zu 900 Leute am Wochenende hier, die uns von der Erstaufnahmeeinrichtung Dortmund-Hacheney oder aus Köln/Düsseldorf (hier kommen im Wechsel mit Dortmund die Flüchtlingszüge aus Süddeutschland an, die Redaktion) zugewiesen werden. In der Regel kommen sie bei uns um 16 Uhr an. Sie bekommen Starterpakete mit Zahnpasta und -bürste, Handtüchern, Bettwäsche, Duschgel, ein Kissen. Die Kantine ist dann noch geöffnet: Es gibt für die Ankömmlinge Suppe, Brötchen, Brot oder etwas anderes vom Caterer. Es steht jeden Tag etwas anderes auf dem Speiseplan, aber nie Schweinefleisch. Dann wird geschlafen. Morgens wecken wir die Menschen um 5.45 Uhr, denn um 6.30 oder 6.45 Uhr fährt der erste Bus von hier los zum Flughafen Münster/Osnabrück, wo die zentrale Registrierung stattfindet. Die Zeltstadt ist zwischen 10 und 11 Uhr dann relativ leer. Wir behalten meistens so um die 150 Menschen hier. Dann laufen bei uns die Vorbereitungen für den Nachmittag. Vom Flughafen kommt niemand zu uns zurück, von dort werden die Menschen auf die Kommunen verteilt.  

Hecker: Wir haben einen Sockel von 150 Menschen durchgängig hier. Darauf kommen 500 bis 600 weitere wie geschildert aus den Knotenpunkten hierher. Dadurch haben wir hier eine kurze Verweildauer. Das bedeutet für uns in der praktischen Arbeit, dass wir die Menschen nur versorgen können. Nach der Registrierung kehren sie nicht zurück. Wir sind also praktisch eine Verteilerstation.

Söbbeler: Wir haben drei davon: die eine am FMO, eine in Herford und eine im Rheinland, genauer gesagt in Bergheim-Niederaußem. Dort bekommen die Menschen die sogenannte BüMa (Bescheinigung über die Meldung als Asylsuchender, die Redaktion), mit dem die Menschen dann zum BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, zuständig für die Bearbeitung des Asylantrages, die Redaktion) gehen können. Die Einrichtung in Bork ist allerdings einzigartig in ihrer Verteiler-Funktion. Das hat vor allem regionale Gründe, also die Distanz Dortmund-Selm-Münster. In Dortmund hatten wir ein Problem wegen der begrenzten Kapazitäten an der Erstaufnahme-Einrichtung. Diese musste mehrfach geschlossen werden, weil zu viele Menschen ankamen. Diese Situation hatten wir seit der Eröffnung in Bork nicht mehr. Wir gewährleisten so, dass die Menschen zu ihrem Recht kommen.

Hecker: Mit den 1000 Plätzen haben wir eine enorme Kapazität. Das hilft auch, um die Züge aus Süddeutschland aufzunehmen.

Söbbeler: Das ist zugleich eine enorme Entlastung für kleine Notunterkünfte (wie in Vinnum oder Nordkirchen, die Redaktion), die dadurch nachts normalerweise keine Zuweisungen mehr bekommen. Das hat die Unterkünfte, die oft mit Ehrenamtlichen zusammenarbeiten, stark strapaziert.  

Hecker: In Selm hat sich das Tagesgeschäft für uns darum in die Abendstunden verlagert.  Wir haben dadurch tagsüber nicht so viel zu tun. Wir hatten Bedenken, wie die Mitarbeiter das mitmachen, denn für sie ändert sich die Arbeitszeit. Das hat aber mit der hier arbeitenden Mannschaft (39 Mitarbeiter des DRK, 60 Mitarbeiter des Bewa-Sicherheitsdienstes, rund 12 Mitarbeiter im Reinigungsdienst plus Mitarbeiter im Catering, die Redaktion) gut geklappt. Wir hatten in der Belegschaft Sorgen, das hat sich aber eingependelt.

Frage: Wie werden die Menschen untergebracht und voneinander getrennt?

Hecker: Wir haben Unterbringungsbereiche für alleinreisende Frauen, für Familien und alleinreisende Männer. Zudem versuchen wir, Nationalitäten und Kulturen so in der Unterkunft zu verteilen, dass es hinhaut. Wir wissen inzwischen, welche Menschen aus welchen Herkunftsregionen zusammenpassen.

Frage: Am Wochenende ist die Registrierstelle am Flughafen geschlossen. Das hat Auswirkungen auf die Notunterkunft. Welche?

Kirschner: Sie füllt sich übers Wochenende auf rund 800 Bewohner. Dann spielen die Kinder mit Erziehern aus unserem Team, die ein Betreuungsangebot machen. Es gibt inzwischen fünf Tischtennisplatten (gespendet von den Stadtwerken, dem Rotary Club und einigen Händlern über die Werbegemeinschaft Selm) in einem weiteren Freizeit-Zelt, das neu errichtet wurde. Es gibt Fußballtore, die die Werbegemeinschaft gespendet hat. Ansonsten ist unser Betreuungsprogramm nur für die 150 Gäste interessant, die länger als eine Nacht hier sind.

Hecker: Darum können wir hier auch keine integrativen Maßnahmen treffen. Den Kioskbetrieb, den wir in der Anfangszeit, vor dem Systemwechsel, hier hatten, ist auch eingestellt.

Frage: Wie ist die personelle Besetzung in der Nacht?

Kirschner: Wir haben 8 bis 10 DRK-Mitarbeiter in der Nachtschicht in unserer Einrichtung. Mit denen arbeiten wir im Dreischicht-Betrieb. Hinzu kommen 18 Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes, die in zwei Zwölfstundenschichten arbeiten. Unser Infopoint ist 24 Stunden besetzt. Dort gibt es Beratung und die notwendige Versorgung. In den Abend- und Nachtstunden sind mehr Personen am Infopoint, denn er wird zuerst angefahren, wenn die Busse kommen. Hier läuft die Ausgabe der Bettwäsche und die interne Registrierung. Wir erfassen für uns alle Daten, damit wir nachweisen können, wie viele Menschen bei uns sind. Das läuft allerdings abgetrennt vom offiziellen Registrierungs-Verfahren. Den Bogen, den wir hier ausfüllen, geben wir den Menschen aber mit zum FMO. Dann gibt es hier in mehreren Sprachen Infos zum Leben im Notquartier, die Essenszeiten. Anschließen weisen wir die Menschen ihren Zelten zu. Mitarbeiter von uns gehen dann mit Kleingruppen zu ihren Schlafplätzen.

Frage: Was sind die Standardfragen der Menschen, die hier ankommen?

Hecker: So Dinge wie: Wie lange bleib ich hier? Wie geht es für mich weiter? Wo kann man einkaufen?

Frage: Wie verständigen sich Ihre Mitarbeiter mit den Asylsuchenden?

Hecker: Wir decken mit unseren Mitarbeitern 12 Sprachen ab. Fast jeder Mitarbeiter kann Englisch.

Frage: Können denn die Bewohner Englisch, oder wie ist der Ausbildungsstand?

Hecker: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt alles. Grob kann man sagen: 20 Prozent der Bewohner sprechen Englisch, weitere rund 20 Prozent Französisch. Aber es gibt auch sehr exotische Sprachen, von denen wir vorher noch nie gehört hatten. Es hilft uns, dass auch Bewohner versuchen, uns beim Übersetzen zu helfen.

Frage: Wie läuft die medizinische Versorgung in der Notunterkunft Bork?

Ina Ludwig (Mitarbeiterin Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation bei der DRK Westfalen Betreuungsdienste GmbH): Auch da haben sich die Zeiten der Ärzte gewandelt. Wir haben jetzt nachts Ärzte da. Die kommen zumeist aus dem Kreis Unna und sind von nachmittags bis morgens 3, 4 Uhr vor Ort. Häufig sind es auch zwei Ärzte.

Hecker: Das sind Ärzte aus Krankenhäusern, Ärzte im Ruhestand, aber auch niedergelassene Ärzte. Und wir haben medizinisches Fachpersonal selbst vor Ort: DRK-Krankengesundheitspfleger – und das sieben Tage die Woche.

Hinweis der Redaktion: Die Ruhr Nachrichten gaben Lesern Gelegenheit, Fragen an die leitenden Personen zu stellen. Wir stellen die meisten davon in der Runde und halten gegebenenfalls nach.

Leserfrage Janine Böhne: Warum wird die Zeltstadt wie ein Hochsicherheitstrakt behandelt? In anderen Städten dürfen Freiwillige hinein, den Festangestellten helfen, die Menschen zu versorgen, zu begleiten. Gibt es hier etwas zu verbergen?

Hecker: Wir sind eine Landeseinrichtung NRW. Die Betreuungssituation gibt bei uns vertraglich vor, dass sie hauptamtlich umgesetzt wird. Den Betrieb kann man nicht mit Ehrenamtlichen machen. Allerdings können auch Ehrenamtliche mitarbeiten – außerhalb. Das sind hier bei uns die Schicksalshelfer. Diese haben für uns in Versorgungsfragen wichtige Dinge geregelt, dafür sind wir auch sehr dankbar. Wir bekommen von ihnen vorgepackte und sortierte Bekleidung aus der Kleiderkammer in Bork. In der ersten Konzeption (also mit dem ursprünglichen Konzept, das sich ja am 22. Oktober änderte, die Redaktion) wollten wir, dass vieles an Hilfeleistung außerhalb, also in der Gemeinde selbst organisiert wird. Denn in der Zeltstadt gibt es zu wenig Platz für Betätigungsmöglichkeiten für die Menschen. Darum sollte alles nach außen verlagert werden, zur Kirche, zu Vereinen und anderen Trägern. Das lässt sich aber im Augenblick so nicht realisieren. Es gibt keinen Bedarf an integrativen Angeboten, weil die Menschen nur sehr kurz hier sind. Das könnte sich vielleicht irgendwann wieder ändern, das ist aber zurzeit nicht abzusehen.

Frage: Was tut sich in Sachen Standort Container Kleiderkammer fürs Wochenende auf dem LAFP-Gelände?

Hecker: Darüber ist in der Tat gesprochen worden, wir sind hier aber noch auf der Suche nach einer Lösung in Zusammenarbeit mit der Stadt. In der Zeltstadt selbst ist kein Platz dafür und wir dürfen keine Zufahrts- und Rettungswege zustellen.

Leserfrage Christa Mischke: Wer legt fest, wohin die Flüchtlinge gebracht werden, wenn sie die Zeltstadt in Bork verlassen müssen? Kann man darauf Einfluss nehmen?

Hecker: Wenn am FMO 1000 Menschen am Tag registriert werden (zurzeit schafft die Registrierstelle etwa 800 bis 900 Menschen, die Redaktion), kann man auf Verteilung keinen Einfluss nehmen. Das sind zu viele auf einmal. Für uns fahren die Menschen zum FMO; dann sind sie aus dem Fokus, weil wir neue Menschen aufnehmen, um die wir uns kümmern müssen.

Söbbeler: Bei den riesigen Zahlen muss man das bedenken: Es gibt nach Königsteiner Schlüssel den permanenten Ausgleich unter den Bundesländern. Wir haben Tageszugänge von 2000 bis 2500 Personen in NRW. Wir haben 260 Notunterkünfte. 23 Zentrale Unterbringungseinrichtungen. Wir haben 60.000 Plätze zu vergeben. Diese Ressourcen müssen wir so sinnvoll wie möglich auslasten. Das ist manchmal sicher traurig oder problematisch, wenn Leute auseinandergerissen werden, die sich gerade kennengelernt haben. Aber da muss man realistisch sein: Man kann doch zum Glück heute so gut kommunizieren, dass 5 oder 5000 Kilometer keine Rolle mehr spielen.

Leserfrage Anja Palmer: Am Samstag standen einige Menschen vor der Tür der Kleiderkammer. Sie brauchten dringend Duschgel, Shampoo, Zahncreme und Waschmittel. Erhalten Neuankömmlinge keine Grundausstattung? 

Hecker: Wir haben ein Standardverfahren, in dem wir allen ein Starterpaket mit genau diesen Dingen aushändigen. Die Menschen können das System auch gar nicht umgehen, weil der erste Weg aus der geöffneten Bustür in das Infopoint-Zelt führt. Wir passen höllisch auf, dass niemand ausbüxen kann.

Leserfrage Anja Palmer: Wie lange bleibt die Notunterkunft in Bork bestehen?

Hecker: Das weiß keiner. Der Betrieb ist aber vertraglich auf ein Jahr bis 1.9.2016 zwischen LAFP, Land NRW und Deutschem Roten Kreuz festgelegt.

Leserfrage Anja Palmer: Warum gibt es eine so hohe Fluktuation in der Zeltstadt-Leitung?

Hecker: Wir haben die Stelle bisher einfach auf Dauer nicht besetzen können. Da kann man schon mal Pech haben. Es gibt Leiter, die nach einer Woche feststellen, dass das nicht die richtige Arbeit für sie ist.

Söbbeler: Bork war die erste Anlage dieser Größe in ganz NRW. Niemand hatte – auch nicht das DRK – Erfahrung mit einem solchen Ablauf, mit solchen Dimensionen, mit einer solchen Gesamtkonstellation. Da muss man sich sukzessive aufstellen.

Hecker: Wir haben Herrn Kirschner, und der ist gut.

Leserfrage Lutz Linder: Warum gibt es erst jetzt einen offiziellen Pressetermin?

Söbbeler: Es hat zwei öffentliche Termine gegeben. Dass ein großes öffentliches Interesse besteht, steht außer Frage. Da muss ich aber auch auf die nackten Fakten hinweisen: Da sind an vielen Stellen die personellen Ressourcen einfach begrenzt. Wir versuchen, jetzt mit diesem Termin wieder den Fuß in die Tür zu bekommen.

Hecker: Die Situation ist für alle schwierig und organisatorisch anstrengend.

Söbbeler: Uns ist gelungen, dass keiner von den Menschen, die zu uns kamen, obdachlos geworden ist. Das ist die zentrale und eine große Leistung.

Frage: Wie viele Einrichtungen betreut die gGmbH DRK Betreuungsdienste?

Hecker: Die DRK-Betreuungsdienste betreiben in NRW 20 Einrichtungen. Dazu die DRK-Kreisverbände Westfalen-Lippe knapp 40 weitere Einrichtungen.

Ina Ludwig: Im Oktober 2015 waren in der gGmbH 540 Mitarbeiter beschäftigt. Vor drei Jahren wurde sie für den Standort Unna-Massen gegründet. Recht früh kam eine Unterkunft in Berleburg hinzu. Erst in diesem Jahr kam es dann zu den restlichen Einstellungen. Nach aktuellem Stand betreibt das Deutsche Rote Kreuz in NRW derzeit 180 Flüchtlingseinrichtungen, also Landesaufnahmeeinrichtungen plus die kommunalen Einrichtungen der DRK-Kreisverbände. Davon 75 in Westfalen-Lippe und 105 in Nordrhein.

Frage: Wie viele kommunal zugewiesene Flüchtlinge lebe derzeit in Selm und wann muss Selm wieder Kontingentflüchtlinge aufnehmen?

Wolfgang Strickstrock (zuständiger Amtsleiter für Jugend, Schule, Familie und Soziales der Stadt* ): Zurzeit sind 191 Flüchtlinge der Stadt Selm fest zugewiesen.

Söbbeler: Man weiß aber nicht, wie sich die Zahlen entwickeln. Wir müssen Situationen parieren, die wir selber nicht steuern.

Strickstrock: Hinzu kommt, dass die Zuweisung auch nach den Landesquoten erfolgt. Ein starkes Abschmelzen der Zahlen ist derzeit nicht zu erwarten. Auch über ein Jahr hinweg ist das schwer einzuschätzen.

 

* Hinweis der Redaktion: Wir hatten in einer vorigen Version dieses Artikels Wolfgang Strickstrock als Ordnungsamts-Mitarbeiter bezeichnet. Er ist Leiter des Amtes für Jugend, Schule, Familie und Soziales. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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