„Den Bauernhof per Knopfdruck gibt es nicht“ - Smartphones und Landwirtschaft

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Vieles in der Landwirtschaft wird durch Technik geregelt. Computer-Apps zeigen, wie schwer Tiere sind und wie warm es im Stall ist. Ein Landwirt aus Selm zeigt, wie er die Technik nutzt.

Selm

, 17.02.2019, 11:37 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Es ist ein bisschen wie Mäusekino“, sagt der Selmer Ortslandwirt Friedhelm May, während er auf den Computerbildschirm schaut. Auf dem Bildschirm kann man sehen, wie seine Futtermaschine gerade verschiedene Inhaltsstoffe, zum Beispiel flüssige Kartoffeln, zu einer Futtermasse zusammen rührt.

Draußen hört man, wie der Futterturm Geräusche macht. Wenig später kann man sehen, wie die Futtertröge in den einzelnen Schweineställen gefüllt werden. Was in seinem Stall los ist - der Computer weiß es genau.

Auf seinem Bildschirm kann der Landwirt auch sehen, wie warm es in seinen Ställen ist und welche Temperatur empfohlen wird. Sogar wie schwer das Durchschnitts-Schwein ist, weiß das Programm.

Insgesamt hat Friedhelm May 1300 Schweine. In Stall 1, wo 166 Schweine untergebracht sind, wiegt das Durchschnittsschwein 98 Kilo. Gewogen werden die Tiere nicht, aber das Programm berechnet das Gewicht zum Beispiel durch die Futtermenge und die Art des Futters. „Und es ist erstaunlich genau“, sagt Friedhelm May.

„Den Bauernhof per Knopfdruck gibt es nicht“ - Smartphones und Landwirtschaft

Am PC sieht man genau, wie die Futterstande der Futtersilos sind und wie viel Futter die Tiere in den Näpfen haben. Das lässt sich auch auf dem Smartphone ansehen und steuern. © Sabine Geschwinder

Falls etwas nicht in Ordnung ist, zum Beispiel, wenn eine Belüftung ausfallen würde, geht ein Alarm los. Auch auf dem Handy erhält er eine Alarmmeldung. Morgens schaltet Friedhelm May im Stall seine Anlage an und schaut sich genau an, was in den Ställen vor sich geht. Dann passt er auf seinem PC im Haus gegebenenfalls die Werte für die Futtermenge an. Zwischendurch geht der Blick immer mal wieder auf den Bildschirm, aber auch eher im Vorbeigehen.

Der PC steht nämlich in einem Durchgangsraum. Abends schaut May - meistens mit dem Tablet, weil er dann im Wohnzimmer sitzt - ob alles in Ordnung ist. Futtermenge und Co - das kann er aber nicht nur mit dem PC, sondern auch bequem mit dem Smartphone von unterwegs regeln. Zum Beispiel vor einigen Wochen als er auf einer Agrarmesse in Münster war, „da habe ich kurz auf dem Handy geschaut, ob alles klappt.“

Verschiedene Apps für verschiedene Bedürfnisse

Für den Landwirt aus Selm ist das Smartphone inzwischen ein praktischer Informationsbeschaffer geworden. Friedhelm May hat eine Wetter-App für den Agrarbedarf, um nicht nur schauen zu können, ob es regnet oder trocken bleibt, sondern auch, aus welcher Richtung der Wind weht und wie stark er dies tut. Das ist beim Spritzen auf dem Feld zum Beispiel wichtig.

Mittwochs um zwei Uhr nachmittags ist der Zeitpunkt, wenn für Friedhelm May das Handy besonders spannend ist. Immer dann werden nämlich die aktuellen Fleischpreise herausgegeben. In seiner Vieh-App kann er sie direkt sehen.

Mit der Vieh-App könnte er die Tiere, die ihr Schlachtgewicht bald erreichen, auch direkt zum Schlachten anmelden. Zudem nutzt er auf dem Feld auch gerne eine Unkraut-App. Wenn er mal ein Unkraut nicht erkennt, kann er sie mit den Bildern der App abgleichen und weiß anschließend, mit welchem Mittel er dem Unkraut den Garaus machen kann und welche Auflagen es für das entsprechende Mittel gibt.

„Den Bauernhof per Knopfdruck gibt es nicht“ - Smartphones und Landwirtschaft

Mit dieser App lassen sich Unkräuter bestimmen. © Sabine Geschwinder

„Ohne Handy geht es nicht“

„Grundsätzlich kann man sagen: ohne Handy geht es gar nicht mehr“, sagt Friedhelm May. Sonst bleibe man irgendwann auf der Strecke. May, der auch Vorsitzender des Landwirtschaftlichen Ortsvereins in Selm ist, sagt: „Landwirte, die kein Smartphone haben, gibt es wenige. Und Landwirte können auch ziemlich gut mit dem Smartphone umgehen.“

Bernhard Rüb, Pressesprecher bei der Landwirtschaftskammer NRW, geht sogar noch weiter: „Die meisten Landwirte haben auf dem Hof sogar mehrere Smartphones.“

In NRW gab es 2016 rund 30.000 landwirtschaftliche Betriebe, 53 Prozent davon sind Haupterwerbsbetriebe. Zahlenmaterial darüber, wie viele Landwirte aber genau ein Smartphone nutzen und wofür genau, gibt es nicht.

Schnell bei der Technik

„Landwirtschaftliche Unternehmen sind witterungsabhängig und daher müssen viele Entscheidungen sehr schnell getroffen werden“, sagt Rüb. Mit dem Handy lässt sich das schnell erledigen. Während man den Landwirt früher nur zu den klassischen Zeiten - morgens früh um acht oder um 12 Uhr beim Mittagessen - erreicht habe, sei das heute anders. „Außerdem können sich die Landwirte unterwegs mit Informationen versorgen“, sagt Rüb. Wetter Agrarpolitik, Preise: All das, was Friedhelm May auch mit seinem Smartphone macht.

Rüb sagt: „Der Computer ist nicht für die Bauern erfunden worden, aber die Bauern haben schnell bemerkt, was dahinter steckt.“ So sei es auch überhaupt nicht ungewöhnlich, dass Landwirte oft die aktuellsten Geräte und die neueste Software hätten. „Die Bauern werden jeden Tag weniger und die Betriebe größer“, so Rüb, „ich muss also meinen Betrieb so steuern, dass er besser wird.“

Und ohne Smartphone?

GPS, Selbstfahrende Maschinen und natürlich der Netzausbau. Das sind alles Themen, für die sich Landwirte interessieren. „Den Bauernhof per Knopfdruck wird es aber nie geben“, sagt Rüb. Die Landwirtschaft sei kein Simulator, wo man alles am PC regeln könne. Das sei wie beim Mähdrescher. Der habe zwar vielleicht vier Displays im Innenraum, aber wenn die Scheibe dreckig sei, dann müsse man trotzdem raus und sie säubern. „Man wird auch in Zukunft rausgehen, dreckig werden und nass“, sagt Rüb.

Friedhelm May ist aber dennoch überzeugt, dass er auch ohne Handy und Computertechnik problemlos zurechtkommen würde. Er müsste sich umstellen, vieles würde länger dauern, sagt er. Wahrscheinlich hätte er auch weniger Schweine. „Klar ist das interessant die Schweinepreise zu wissen“, sagt May, „aber ändern kann man sie ja sowieso nicht.“ Und wenn er in den Stall geht, dann nimmt er sein Handy in der Regel ohnehin nicht mit. „Dann stört mich niemand.“

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