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Spontan ausgehen in Selm? Gerne, aber wie zurückkommen? Abends ein Taxi zu bekommen, war zuletzt schwierig bis unmöglich. Das soll sich jetzt ändern - erst einmal aber nur testweise.

Selm

, 23.05.2019 / Lesedauer: 4 min

Dirk Unger ist dabei. Aber nicht mit großer Begeisterung. „Ehrlich, ich glaube nicht, dass sich etwas ändern wird.“, sagt der Taxi-Unternehmer zu Beginn des großen Selmer Taxi-Tests. Steigt die Nachfrage tatsächlich, wenn das Angebot besser wird? In Absprache mit Bürgermeister Löhr will er es auf einen Versuch ankommen lassen.

Beschwerden über die schlechte Taxi-Versorgung in Selm sind nicht neu. „Willkommen in der Provinz“ hatten die Ruhr Nachrichten im Oktober 2018 getitelt. Kurz danach hatte die UWG in einem Antrag gefordert, dass die Stadtverwaltung nach Lösungen suche - ohne dafür eine Mehrheit zu bekommen. Später haben Vertreter der Gastronomie einen Brandbrief an Bürgermeister Mario Löhr geschrieben.

UWG hält Forderung nach öffentlichem Engagement aufrecht

Eigentlich, sagt Löhr, sei die Stadt der falsche Adressat. Zum öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) gehöre das Taxi nicht: eine Haltung, die heftigen Protest der UWG heraufbeschwört. „Natürlich ist das Aufgabe der Stadt und des Kreises“, sagt Maria Lipke. Es sei sicherzustellen, dass immer ein Taxi erreichbar sei, ob tagsüber oder nachts - nicht nur für Nachtschwärmer, sondern auch im Krankheitsfall. Sie kenne Selmer, die ihr Auto aus Altersgründen bereits abgegeben hätten, jetzt aber überlegten, doch wieder eines anzuschaffen, „weil sie sonst einfach nicht wegkommen“.

„Wir können schließlich aus Steuermitteln kein Taxi-Unternehmen finanzieren.“
Mario Löhr, Bürgermeister

Löhr bleibt trotzdem dabei: Die schlechte Versorgungslage sei bedauerlich, aber nicht durch die Stadt abzustellen. „Wir können schließlich aus Steuermitteln kein Taxi-Unternehmen finanzieren“ - weil das ein Einmischen in den Markt sei, weil sich die Stadt das nicht leisten könne und weil es auch „keinen Sinn macht, etwas vorzuhalten, was dann offenbar gar nicht genutzt wird“. Die Taxi-Unternehmen hätten ihr Angebot schließlich nicht reduziert, wenn die Nachfrage wirklich so groß wäre wie gerne behauptet. Oder würden die Selmerinnen und Selmer doch häufiger Taxi fahren, wenn erst einmal wieder ein attraktives Taxi-Angebot da wäre?

Der Taxi-Test soll es zeigen. Von den örtlichen Taxi-Unternehmen Selmer Taxen e.K., Taxi Easy Car und die Taxi und Mietwagen Unger GmbH, die Löhr alle ansprach, hatte sich Dirk Unger von der gleichnamigen GmbH bereit erklärt, mitzumachen. Bis Ende Juli stockt er auf.

Besserer Service bis Ende Juli

Unter der Woche bietet er jetzt Fahrten bis 24 Uhr an. Bislang war spätestens gegen 20 Uhr Schluss. Und an Wochenenden plant er mit mehr Fahrzeugen als zuletzt, damit die Kunden nicht Stunden lang warten müssen. Lohnt sich das?

Unger blickt zweifelnd. „Ich werde das genau auswerten“, sagt er: Zahlen, die er öffentlich machen will. Die Ruhr Nachrichten werden in der neuen Serie „Taxi: der Test für Selm“ regelmäßig über seine Erfahrungen und die der Fahrgäste berichten.

„Ich kenne von allen Gastronomen die Klage, dass sie für ihre Kunden keine Taxis bestellen können.“
Christoph Krevert, Getränke Krevert

Christoph Krevert, Geschäftsführer von Getränke Krevert, ist gespannt. „Ich kenne von allen Gastronomen die Klage, dass sie für ihre Kunden keine Taxis bestellen können.“ Nicht zu wissen, wie man sicher nach Hause kommt, mache den Kneipenbummel unattraktiv. Gerade für die Gaststätten, die außerhalb liegen, sei das ein Problem. Es soll schon vorgekommen sein, dass Kunden, die nach einem feuchtfröhlichen Abend eigentlich mit dem Taxi heimfahren wollten, zu Fuß gehen mussten und gefährlich stürzten.

Wie schwierig es ist, für Gäste ein Taxi zu bestellen, weiß Malte Bock vom Selmer Hof aus eigener Erfahrung. Bei Gesellschaften im Haus versucht er es immer wieder - häufig ohne Erfolg. Fahrgäste seien durchaus bereit zu warten, auch mal eine Stunde. „Schlimm ist es aber, wenn es dann gar kein Angebot gibt.“ Viele Gäste hätten darauf bereits reagiert und schauten sich in ihrer Runde vorher einen Fahrer oder eine Fahrerin aus. Oder blieben gleich zu Hause.

Wo sich die Katze in den Schwanz beißt

Wer war zuerst da: das Huhn oder das Ei? Die rückläufige Nachfrage der Kunden oder das eingeschränkte Angebot der Unternehmen? Christoph Krevert weiß es auch nicht. Für ihn steht aber fest: „Da beißt sich die Katze in den Schwanz.“ Beides bedinge einander. „Und die Leidtragenden sind die Gaststätten, die es ohnehin schon schwer haben“, sagt Krevert. Wieder eine Frage von Ursache und Wirkung: Die Taxi-Unternehmen, sagt Unger, litten ja genauso wie die Kneipen unter dem veränderten Freizeitverhalten der Menschen: „Wer erst gar nicht mehr ausgeht, bestellt auch kein Taxi mehr.“

Unterwegs bis sonntagmorgens um 6 Uhr

Genauso wenig, wie es sich lohnt, Kneipen offen zu halten, die niemand mehr aufsucht, rechnet es sich aus Ungers Sicht, Wagen und Fahrer parat stehen zu haben, die niemand mehr ruft. „Vielleicht“, sagt er, „kommt es jetzt aber zu einem Umdenken“. Wenn bislang eine Stunde niemand mehr kam, habe sein Fahrer in der Nacht zu Samstag Schluss gemacht. Jetzt bleibe er bis 3 Uhr morgens hinter dem Steuer und in der Nacht zu Sonntag bis 6 Uhr morgens.

Das sind die Fahrpreise

Dass Taxi-Fahren ein Luxus ist, der bei manchem nicht an der Verfügbarkeit der Autos scheitert, sondern am Geldbeutel, räumt Unger ein. Tagsüber kostet die Grundgebühr 3,20 Euro und jeder gefahrene Kilometer 1,90 Euro. Nachts ist der Kunde mit 3,60 Euro vorm Start und 2 Euro pro Kilometer dabei. Die Fahrt von Haus Kreutzkamp in Cappenberg zur Ruhr-Nachrichten-Redaktion an der Kreisstraße 26 würde folglich um die 20 Euro kosten.

Und was ist Ende Juli? „Dann setzen wir uns erneut zusammen“, sagt Bürgermeister Löhr. Dirk Unger nickt nur.

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