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Deutschunterricht als Geschenk für die Integration

Ehrenamt im Otantik in Bork

Udo Herrmann fragt seine acht Schüler, welche Wörter mit V sie kennen. Manchmal muss er nachhaken, weil einer seiner Schüler – Jugendliche und Erwachsene – zu leise spricht oder falsch betont. Udo Herrmann ist ehrenamtlicher Sprachlehrer bei den Schicksalshelfern. Seine Klasse: Flüchtlinge. Wie geht es dort zu?

BORK

, 28.05.2016 / Lesedauer: 5 min
Deutschunterricht als Geschenk für die Integration

Eine klassische Schulungssituation: Udo Herrmann spricht mit den etwa zehn Schülern, die eifrig dabei sind, Deutsch zu lernen. Einigen fällt es leichter als anderen, die Niveaus sind sehr verschieden. Die Schwierigkeit ist, alle unter einen Hut zu bekommen.

Ein klassischer Mittwochnachmittag im Otantik, dem internationalen Treffpunkt in Bork: Vorne im Laden gehen Leute aller Hautfarben ein und aus. Ein paar Schritte weiter unterhalten sich Menschen aus aller Welt und Deutsche auf Sofas. Kinder spielen dazwischen, schauen in deutsche Kinderbücher.

Offen, unverbindlich

Hinter einem weißen Vorhang hinten in der ehemaligen Gaststätte wird gearbeitet. Deutschunterricht: offen, unverbindlich, 15 Stunden in der Woche von Pädagogen für Menschen, die sich integrieren wollen. Flüchtlingen, die wissen, dass nichts wichtiger ist als die Sprache des Landes zu sprechen, in das sie geflohen sind. Jugendliche und Erwachsene sitzen hier an den in einem großen U zusammengestellten Tischen. Ein Möbelhaus hatte sie gespendet.

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Wie Schicksalshelfer Flüchtlingen Deutschunterricht geben

Die Schicksalshelfer geben pro Woche 15 Stunden Sprachunterricht für Asylbewerber und Flüchtlinge in Bork und Selm. Zwei Lehrer arbeiten ehrenamtlich in ihrer Freizeit mit den Menschen, die zum Teil nicht einmal die lateinische Schrift beherrschen. Wir haben eine Unterrichtsstunde begleitet und mit Udo Herrmann und Erdal Macit darüber gesprochen.
27.05.2016
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So sehen die Schreibarbeiten der Flüchtlinge aus: Viele kommen aus arabischen Ländern. Sie müssen erst einmal die lateinischen Schriftzeichen lernen, gleichzeitig aber auch das Sprechen. Es ist eine mühsame Aufgabe, aber Erfolge vorzuweisen.© Foto: Tobias Weckenbrock
So sehen die Schreibarbeiten der Flüchtlinge aus: Viele kommen aus arabischen Ländern. Sie müssen erst einmal die lateinischen Schriftzeichen lernen, gleichzeitig aber auch das Sprechen. Es ist eine mühsame Aufgabe, aber Erfolge vorzuweisen.© Foto: Tobias Weckenbrock
So sehen die Schreibarbeiten der Flüchtlinge aus: Viele kommen aus arabischen Ländern. Sie müssen erst einmal die lateinischen Schriftzeichen lernen, gleichzeitig aber auch das Sprechen. Es ist eine mühsame Aufgabe, aber Erfolge vorzuweisen.© Foto: Tobias Weckenbrock
Das Lehrer-Duo bei den Schicksalshelfern: Erdal Macit (r.) ist selbst Lehrer an der Osterholz-Grundschule in Lünen. Udo Herrmann ist pensionierter Lehrer. Er leitete lange die Grundschule in Alstedde und übernimmt zurzeit vier bis fünf Unterrichtsstunden im Schulungsraum des Otantik in Bork.© Foto: Tobias Weckenbrock
Eine klassische Schulungssituation: Udo Herrmann spricht mit den etwa zehn Schülern, die eifrig dabei sind, Deutsch zu lernen. Einigen fällt es leichter als anderen, die Niveaus sind sehr verschieden. Die Schwierigkeit ist, alle unter einen Hut zu bekommen.© Foto: Tobias Weckenbrock
Eine klassische Schulungssituation: Udo Herrmann spricht mit den etwa zehn Schülern, die eifrig dabei sind, Deutsch zu lernen. Einigen fällt es leichter als anderen, die Niveaus sind sehr verschieden. Die Schwierigkeit ist, alle unter einen Hut zu bekommen.© Foto: Tobias Weckenbrock
Eine klassische Schulungssituation: Udo Herrmann spricht mit den etwa zehn Schülern, die eifrig dabei sind, Deutsch zu lernen. Einigen fällt es leichter als anderen, die Niveaus sind sehr verschieden. Die Schwierigkeit ist, alle unter einen Hut zu bekommen.© Foto: Tobias Weckenbrock
Salma Keek stammt aus Syrien. Sie lebt mit ihrer Familie in Bork und brint ihre Mutter Ranija Haidar mit in den Unterricht. Salma ist sehr talentiert und lernt schnell.© Foto: Tobias Weckenbrock
Eine klassische Schulungssituation: Udo Herrmann spricht mit den etwa zehn Schülern, die eifrig dabei sind, Deutsch zu lernen. Einigen fällt es leichter als anderen, die Niveaus sind sehr verschieden. Die Schwierigkeit ist, alle unter einen Hut zu bekommen.© Foto: Tobias Weckenbrock
Nesrin Ali und Chiavan Khalaf stammen aus dem Irak. Sie sind ein jesidisches Ehepaar und sehr eifrig beim Deutschlernen. "Sie sind fast jeden Tag da", sagt Udo Herrmann. Das merkt man: Viele Vokabeln sitzen schon. Mit der Grammatik tun sich die beiden aber noch schwer. Nesrin lernt schnell dazu.© Foto: Tobias Weckenbrock
Nesrin Ali und Chiavan Khalaf stammen aus dem Irak. Sie sind ein jesidisches Ehepaar und sehr eifrig beim Deutschlernen. "Sie sind fast jeden Tag da", sagt Udo Herrmann. Das merkt man: Viele Vokabeln sitzen schon. Mit der Grammatik tun sich die beiden aber noch schwer. Nesrin lernt schnell dazu.© Foto: Tobias Weckenbrock
Mit speziellem Unterrichtsmaterial arbeiten die Schüler bei den Schicksalshelfern: Sie lernen sprechen, lesen und schreiben. Manchmal sammelt Udo Herrmann die Arbeitshefte ein und korrigiert sie zu Hause.© Foto: Tobias Weckenbrock
Mit speziellem Unterrichtsmaterial arbeiten die Schüler bei den Schicksalshelfern: Sie lernen sprechen, lesen und schreiben. Manchmal sammelt Udo Herrmann die Arbeitshefte ein und korrigiert sie zu Hause.© Foto: Tobias Weckenbrock
Udo Herrmann unterrichtet seit mehr als zwei Monaten und setzte dabei verschiedene Medien ein: die Tafel nutzt er, um etwas anzuschreiben, den Beamer, um Arbeitsfolien zu zeigen.© Foto: Tobias Weckenbrock
Udo Herrmann unterrichtet seit mehr als zwei Monaten und setzte dabei verschiedene Medien ein: die Tafel nutzt er, um etwas anzuschreiben, den Beamer, um Arbeitsfolien zu zeigen.© Foto: Tobias Weckenbrock
Udo Herrmann unterrichtet seit mehr als zwei Monaten und setzte dabei verschiedene Medien ein: die Tafel nutzt er, um etwas anzuschreiben, den Beamer, um Arbeitsfolien zu zeigen.© Foto: Tobias Weckenbrock
Der Schulungsraum der Schicksalshelfer im Otantik an der Hauptstraße in Bork: Durch Möbelspenden, einen gespendeten Beamer und andere Einrichtungsgegenstände ist hier in den letzten Monaten ein gut geeigneter Klassenraum entstanden. Aber eine bessere Tafel wünschen sich die ehrenamtlichen Kräfte noch. Für bis zu 20 Schüler ist hier Platz.© Foto: Tobias Weckenbrock
Mit speziellem Unterrichtsmaterial arbeiten die Schüler bei den Schicksalshelfern: Sie lernen sprechen, lesen und schreiben. Manchmal sammelt Udo Herrmann die Arbeitshefte ein und korrigiert sie zu Hause.© Foto: Tobias Weckenbrock
Mit speziellem Unterrichtsmaterial arbeiten die Schüler bei den Schicksalshelfern: Sie lernen sprechen, lesen und schreiben. Manchmal sammelt Udo Herrmann die Arbeitshefte ein und korrigiert sie zu Hause.© Foto: Tobias Weckenbrock
Schlagworte Bork

Mitten im Raum steht Udo Herrmann. Er ist seit 2012 in Pension. Vorher leitete er jahrzehntelang die Grundschule am Am Heikenberg in Alstedde. Seit etwa drei Monaten unterrichtet er hier. Ehrenamtlich, vier bis fünf Stunden in der Woche. „Jeder, der die Nachrichten über das Geschehen in der Welt verfolgt, sollte seine Rolle überdenken“, sagt er

Mit Deutschunterricht helfen

„Ich habe für mich daraus gefolgert, dass ich mit Deutschunterricht helfen möchte.“ Er überlegte, ob er das ganz fest als zertifizierter Sprachlehrer für Integrationskurse gegen Honorar tut, oder frei, ehrenamtlich, nicht ganz lose nach dem Prinzip „kommst du heute nicht, kommst du morgen“, aber wenn er verreisen möchte, fällt eben mal zwei Wochen sein Unterricht aus. Er entschied sich fürs Ehrenamt.

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Erdal Macit springt dann ein. Der Lehrer der Lüner Osterfeldgrundschule übernimmt selbst zehn Stunden pro Woche. Gemeinsam kommen sie auf 15 Stunden. Andrea Kirchhoff aus Bork betreut zweimal wöchentlich die Kinder derer, die im Unterricht sind – damit sie in Ruhe lernen können.

Arbeit, Arbeit, Arbeit

Macit macht das schon seit längerer Zeit: Er hat Kurse mit unbegleiteten Minderjährigen, die jeden Tag herkommen. Und er hat Kurse mit Erwachsenen. Erdal Macit selbst kam erst vor einigen Jahren nach Deutschland. Er spricht inzwischen richtig gutes Deutsch und arbeitet und arbeitet und arbeitet heute für die, die diesen Weg jetzt vor sich haben.

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Er und seine Frau Figan Ucar-Macit engagierten sich früh, organisierten sich über Facebook als „Schicksalshelfer“, sind inzwischen ein eingetragener Verein, haben inzwischen ein Lokal – das Otantik. Sie eckten auch schon mal an bei anderen Flüchtlingshelfer-Gruppen. Aber sie haben inzwischen einen festen, einen engen, einen fleißigen Freundeskreis. Die Schicksalshelfer stehen für schnelle, unbürokratische Hilfe.

Zeit ist endlich

Sie bewegen viel, aber auch ihre Zeit ist irgendwann endlich. Und der Bedarf an Hilfe bleibt groß: Was, wenn in den kommenden Monaten die Zahl der Zuweisungen in Selm stark steigt? Wenn die Notunterkunft schließt? Die Schicksalshelfer halfen in der großen Flüchtlingsbewegung im vergangenen Jahr eher in der Nothilfe: Sie bauten mit an einer Kleiderkammer für die Notunterkunft. Die Aufgaben verschoben sich: Jetzt, wo der Zustrom weitgehend ruht, weil Flüchtlingswege durch Europa durch neue Grenzen abgeschnitten wurden, geht es darum, denen bei der Integration zu helfen, die hier sind.

Wörter mit V: Die Tafel ist voll. Die Gruppe liest noch einmal laut vor. Dann geht es in den schriftlichen Teil: Fragewörter. Per Beamer zeigt Udo Herrmann, was Wer, Was, Wie, Wo und Wann bedeuten. Wann man sie einsetzt. Wo sie hingehören. Wie man Sätze mit ihnen bildet. Die Schüler schreiben die Sätze ab. Besonders schnell ist ein Junge aus dem Irak, etwa 15 Jahre alt.

Abitur und Uni

Er geht regulär zur Hauptschule in Bork. Er kann schon viel. Sie wie Salma (17), ein Mädchen, das mit seiner Mutter kommt. Salma geht an die Tafel und redet schüchtern, leise. Aber viel. „Sie ist hochbegabt“, meint Udo Herrmann. „Wir müssen sie weitervermitteln. Vielleicht kann sie Abitur machen und an die Uni gehen.“

Sprachkurse – es gibt sie als offizielle Integrationskurse vom Bundesministerium. Da sind sie eine Garantie für Menschen, die eine Anerkennung haben, einen sogenannten Aufenthaltstitel: Wer ihn hat, hat einen gesetzlichen Anspruch auf einen solchen. Es geht um Sprache, es geht um Orientierung, wie das Leben in Deutschland funktioniert. Das neue Integrationsgesetz, das die Koalition diese Woche festzurrte und das nun gesetzlich verabschiedet werden soll, soll den Weg frei machen zu einem größeren Angebot. Denn es soll ja fördern – und zeitgleich fordern. Jeder, der hier Asyl will, soll sich auch integrieren.

Lernen für das Zertifikat

Dann gibt es die Zertifikatskurse: Das sind Sprachkurse, oft angeboten an Volkshochschulen, auch zum Beispiel Englisch, Französisch, Spanisch. Es gibt hier auch Deutschkurse, immer zu festen Zeiten. Der Teilnehmer zahlt Teilnahmebeiträge. Sie enden mit Prüfungen und dem Zertifikat in verschiedenen Stufen von A1 bis C2 – festgelegte, europaweit anerkannte Level. Die Lehrer, die hier eingesetzt werden, bekommen dafür Honorar.

Die Sprachkurse, die es in Bork gibt, sind nichts davon. Sie kosten für die Teilnehmer nichts, keinen Cent. Nur Mühe, Regelmäßigkeit, Aufmerksamkeit. Die Lehrer verdienen nichts. Ihr Lohn ist die Anerkennung und der Dank der Menschen, die die Kurse besuchen. Manchmal werden Ehrenamtliche ausgezeichnet: Sie gewinnen Preise oder bekommen Ehrennadeln der Kommunen, aus denen sie kommen. Es ist ein kleiner Dank für eine große Leistung – für die Arbeit mit den Menschen.

Freude an Fortschritten

Warum machen Sie das? Das fragen wir Udo Herrmann. Er lernte Erdal Macit kennen, er sah sich in der Rolle, helfen zu können. Er will den Geflüchteten die Chance geben, hier anzukommen. Udo Herrmann ist geduldig. Er fordert die Flüchtlinge. „Prima“, sagt er oft, wenn jemand auf seine Frage etwas Richtiges antwortet. Er hat Freude daran, ihre Fortschritte zu sehen.

Wer helfen möchte wie Udo Herrmann, hat viele Möglichkeiten. Eine ist, sich mit den Schicksalshelfern in Verbindung zu setzen. Entweder, man besucht sie einfach mal in ihrem Laden in Bork (Hauptstraße 36, im Ecklokal neben der Sparkasse) oder kontaktiert sie über ihre Homepage.

Die Schicksalshelfer sind ein Gruppe von engagierten Menschen aus der Region Selm, Olfen, Lünen und Umgebung, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, geflüchteten Menschen zu helfen. Sie sammeln Spenden, um die Menschen mit einer Grundausstattung an Kleidung und Dingen des täglichen Bedarfs auszustatten. Priorität haben . Außerdem bieten sie Hausaufgabenbetreuung und Deutschunterricht für minderjährige Flüchtlinge.

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