„Dieses ganze Zugabegedöns“: Das sagen Selmer Apotheken zum Geschenke-Verbot

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Wer in der Apotheke einkauft, kommt oft mit kleinen Geschenken wieder hinaus. Das ist jetzt vorbei - ein Urteil verbietet die Abgabe von Werbegeschenken. Was Selmer Apotheker dazu sagen.

Selm

, 07.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Einkauf in der Apotheke: Ein Päckchen Taschentücher kommt fast immer mit rein in die Tüte. „Möchten Sie noch ein Pröbchen?“ Gerne. Eine Tagescreme für die reife Haut ab 40. Na super. Aber eine zusätzliche Packung Gummibärchen besänftigt die gekränkte Eitelkeit dann doch wieder.

„Dieses ganze Zugabegedöns“: Das sagen Selmer Apotheken zum Geschenke-Verbot

Beim Einkauf in der Apotheke gibt es einen Bärentaler für die Kundin. Wer "nur" ein Rezept einlöst, darf keine Taler bekommen. © Martina Niehaus

Viele Apotheken geben ihren Kunden kleine Werbegeschenke mit oder locken mit Sammelkarten und anderen Rabatt-Aktionen. Doch damit ist jetzt Schluss - zumindest, wenn man in der Apotheke „nur“ ein Rezept abgibt. Dann kommt nix mehr in die Tüte - das hat der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe am Donnerstag entschieden. Werbegeschenke sind wettbewerbswidrig und damit verboten. Verschreibungspflichtige Arzneimittel müssen in Deutschland überall gleich viel kosten.

Eine Thermoskanne kostet über hundert „Bärentaler“

In der Selmer Bärenapotheke steht an der langen Fensterfront ein großes Regal. Hier findet man Glätteisen, Pediküre-Sets, kleine und große Deko-Artikel, Trinkbecher und vieles mehr. „4 Taler“ steht auf einem kleinen hölzernen Segelboot. Die Thermoskanne kostet schon über 100 Taler. Taler - das sind in diesem Fall violette Chips mit einer Bärentatze darauf - dem Logo der Apotheke.

„Dieses ganze Zugabegedöns“: Das sagen Selmer Apotheken zum Geschenke-Verbot

Beim Einkauf in der Bärenapotheke gibt es Bärentaler. Viele Apotheken haben das System. © Martina Niehaus

Ab sofort dürfen die kleinen Bärentaler, mit denen treue Kunden später besondere Artikel einlösen können, nur an diejenigen abgegeben werden, die ohne Rezept etwas in der Apotheke kaufen. „Das haben wir sowieso schon immer so gemacht“, betont allerdings Inhaberin und Apothekerin Heidi Eiberger.

Viele Kunden fragen nach dem Urteil

Aber für Kunden, die nur ein Rezept einlösen möchten, habe es natürlich auch Kleinigkeiten als Werbegeschenk gegeben. „Pröbchen, Testmuster. Kleine Dinge halt, die haben wir schon mitgegeben“, sagt Heidi Eiberger.

Peter Eiberger hat am Freitag Vormittag schon viele Telefonate führen müssen - denn die Bären-Apotheke ist ein Unternehmen mit 26 Partner-Apotheken. „Einer hat sich schon erkundigt, ob er jetzt alles einstellen muss“, sagt Peter Eiberger.

„Dieses ganze Zugabegedöns“: Das sagen Selmer Apotheken zum Geschenke-Verbot

Heidi Eiberger (59) von der Bären-Apotheke. © Martina Niehaus

Auch viele Kunden hätten in der Selmer Apotheke an diesem Vormittag schon nachgefragt und sich nach dem neuen Gesetz erkundigt. Was die Eibergers bei dem Urteil ärgert: Ausländische Versandapotheken dürfen online weiterhin mit Rabatten werben. „Wir sind dadurch benachteiligt“, sagt Heidi Eiberger. „Obwohl wir uns vor den Versandapotheken eigentlich nicht fürchten müssen. Die bieten nämlich im Gegensatz zu uns keine Beratung an.

Der Kontakt zu den Kunden sei nämlich wichtiger als Rabatte oder Geschenke. „Wir kennen hier teilweise die ganze Krankheitsgeschichte, können auf Neben- und Wechselwirkungen hinweisen. Das kann ein Online-Versand nicht bieten.“

„Ein wenig Vorlauf wäre für uns besser gewesen.“

In der Altstadt-Apotheke an der Ludgeristraße befürchtet eine Mitarbeiterin, die ihren Namen nicht nennen möchte, den Unmut der Kunden. Auch hier wird der Besuch der Kunden nämlich mit Treue-Chips „belohnt“. Direkt ans Rezept sei der Chip zwar nicht gebunden, wohl aber an den Besuch. Und daran seien viele gewöhnt.

„Dieses ganze Zugabegedöns“: Das sagen Selmer Apotheken zum Geschenke-Verbot

Viele Aüotheken - wie die Altstadt-Apotheke an der Ludgeristraße - "belohnen" die Treue ihrer Kunden mit Trepechips.t © Martina Niehaus

„Ich habe schon Angst, dass das Diskussionen gibt“, sagt die Mitarbeiterin. Und fügt hinzu: „Eine Vorlaufzeit wäre besser gewesen.“ Dann hätte man die Kunden vorher über das neue Gesetz informieren können. „Von jetzt auf gleich ist das schon heftig. Wahrscheinlich werden wir das Urteil an die Pinnwand hängen, damit die Leute auch sehen, dass das nicht unsere Entscheidung war.“

Vor der Apotheke steht Diethard Obermann. Der 79-Jährige hat gerade ein Rezept eingelöst. „Wir haben die Treuepunkte immer gerne genommen“, sagt er. „Und das ist ja auch ein Vorteil für den Kunden. Ich finde es schade, dass das bald nicht mehr erlaubt ist.“

Anderen Kunden ist die Geschenke-Frage hingegen egal. „Ob ich da ein Pröbchen drin hatte oder nicht, hat mich nie interessiert“, sagt eine Frau. Eine weitere Kundin schließt sich an: „Mir ist es wichtig, dass ich die Apotheke gut erreiche und einen guten Service habe. Und die meisten Pröbchen landen doch sowieso im Müll, das kann mir keiner erzählen.“

„Dieses ganze Theater mit dem Zugabengedöns“

In der Apotheke Am Sandforter Weg hat der junge Apotheker Julius Meinhardt das Thema sofort auf dem Schirm: „Ich habe das zuletzt noch im Seminar gehabt“, erklärt der 24-Jährige. „Es ist eben nicht legal, Vorteile zu gewähren.“ Und er sagt: „Ich finde, es sollte nicht auf Werbegeschenke ankommen, sondern auf gute Beratung.“ Zeitschriften mit medizinischen Informationen, die gebe es allerdings nach wie vor kostenlos.

„Dieses ganze Zugabegedöns“: Das sagen Selmer Apotheken zum Geschenke-Verbot

Apothker Julius Meinhardt: "Zeitschriften dürfen weiter kostenlos abgegeben werden." © Martina Niehaus

Der Meinung ist auch sein Kollege, Apotheker Matthias Badelt. „Schon damals in meinem Praktikum haben viele Kollegen und ich bemerkt, dass es Kunden gibt, die ihre Apotheke nach der Menge der Geschenke auswählen. Ganz ehrlich: Im Supermarkt krieg ich doch auch nichts umsonst!“ Badelt glaubt, dass es wichtiger sei, Kunden umfassend zu beraten. „Dieses ganze Theater mit dem Zugabengedöns - das sollte schon lange verboten sein.“

Was die Konkurrenz durch Versandapotheken betrifft, hat der 53-Jährige auch eine klare Meinung. „Das haben sich unsere Politiker selbst eingebrockt, als sie vor zehn Jahren ohne Not den Arzneimittelversand zugelassen haben.“ Dabei seien viele ältere Kunden nicht mehr mobil und bräuchten gute Apotheken in ihrer Nähe. Das, so Matthias Badelt, sei das eigentliche Problem. „Und jetzt ist das Geheule groß.“

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