Erschrecken über das Wahlergebnis der AfD in Selm

Über dem NRW-Schnitt

In NRW ist die AfD mit 9,8 Prozent der Stimmen hinter ihrem Bundesergebnis von 13 Prozent zurückgeblieben. In Selm haben 1745 Wähler der rechtsaußen stehenden Alternative für Deutschland ihre Zweitstimme gegeben – 11,4 Prozent. Darüber herrscht auch die Tage nach der Bundestagswahl Erschrecken. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

SELM

, 26.09.2017, 11:47 Uhr / Lesedauer: 2 min
Erschrecken über das Wahlergebnis der AfD in Selm

Montag nach der Wahl: In Selm ist die AfD – hier ein Plakat an der Kreisstraße mit einem Wahlslogan, den einst auch der FDP-Spitzenkandidat Guido Westerwelle 2009 geprägt hatte – der größte Wahlgewinner, knapp vor der FDP.

Wo kam die AfD in Selm besonders gut an?

Im Wahllokal Autohaus Rüschkamp. 18,9 Prozent der dortigen Wahlberechtigten haben ihre Zweitstimme für die Rechtsaußen gegeben. Der Stimmanteil entspricht damit etwa dem, den die AfD in Mecklenburg-Vorpommern erhalten hat (18,6 Prozent). Auch in den Wahlbezirken rund um die Pestalozzischule und die Otto-Hahn-Realschule kam die hellblaue Partei überaus gut an. Sie erzielte jeweils 15,8 Prozent.

Wo hatte die AfD gar keine Chance?

Den Wahlbezirk gibt es nicht in Selm. Auffallend ist, dass die Briefwähler – immerhin mehr als jeder fünfte Wahlberechtigte in Selm – seltener ihr Kreuzchen bei der AfD machten als die, die ihre Stimme direkt abgegeben haben. Die geringsten Sympathien haben die Rechten in der Bauernschaft Hassel erzielt – mit einem vergleichsweise geringen Stimmanteil von 7,2 Prozent.

Gibt es Unterschiede im Wahlverhalten in den drei Ortsteilen?

Allerdings. Allein in Selm liegt die SPD mit 32,1 Prozent der Stimmen knapp drei Prozentpunkte vor der CDU. Drittstärkste Kraft wurde die AfD mit satten 13,9 Prozent, während die Liberalen zwar auch kräftig zulegen, aber einstellig bleiben (9,6 Prozent). Sowohl Bork als auch Cappenberg zeigten sich konservativer. In Cappenberg zog die CDU sogar um 14 Prozentpunkte an der SPD vorbei, die lediglich 22,9 Prozent der Stimmen erhielt. Die Liberalen erhielten in Cappenberg das Traumergebnis von 16,4 Prozent, das sogar noch das ohnehin gute NRW-Ergebnis von 13,1 Prozent (immerhin drei Prozentpunkte besser als der Bundesdurchschnitt) in den Schatten stellte. Die Linke wäre in Cappenberg an der Fünf-Prozent-Hürde knapp gescheitert, in Bork lag sie knapp darüber. In beiden kleineren Ortsteilen hat die AfD zweistellig abgeschnitten – und damit besser als landesweit: Cappenberg 10,5 Prozent und Bork 10,1 Prozent.

Wer hat von den sonstigen Parteien besonders gut abgeschnitten?

Die Tierschutzpartei. 112 Selmer gaben ihr die Stimme. Sie liegt mit 0,7 Prozent knapp vor den Piraten (88 Wähler) und den Anhängern von Martin Sonneborns Satirepartei „Die Partei“ (98 Wähler). Die rechtsradikale NPD wählten 56 Stimmberechtigte. Für die Parteien ganz linksaußen konnten sich deutlich weniger begeistern: Als Anhänger der marxistisch-leninistischen Partei (MLPD) zeigten sich acht Selmer, als Kommunisten (DKP) zwei.

Wie ist die Reaktion auf das gute Abschneiden der AfD?

Großes Erschrecken. „Dass mit ihnen zu rechnen wäre, wussten wir ja“, sagt etwa Michael Feige, Vorsitzender der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie, die die einzige Podiumsdiskussion mit Bundestagskandidaten in Selm veranstaltet hatte. Dass die Rechten aber so deutlich gewinnen würden, sei für ihn eine „schlimme Überraschung“. „Dabei habe ich hier noch nie einen AfD-Politiker gesehen, der sich vor Ort für die Leute eingesetzt hätte“, sagt Daniela Volle (Die Linke). Auch im Wahlkampf seien die Rechten nicht vor Ort aufgefallen. „Wir waren dagegen jede Woche an drei Tagen unterwegs“, so der FDP-Vorsitzender Klaus Schmidtmann. Maren Lobe (20), die jüngste Besucherin der öffentlichen Wahlveranstaltung am Sonntagabend im Bürgerhaus, will es nicht beim Erschrecken belassen. Die Abiturientin, die gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert, ist gerade in die SPD eingetreten. Aber egal, ob sozial- oder christdemokratisch: „Hauptsache, man ist nicht gleichgültig und engagiert sich politisch“.

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