Erste Hilfe für Kinder: Warum Highway to Hell beim Beatmen nicht funktioniert

rnErste Hilfe für Kinder

Matthias Kleinhans unterrichtet Erste Hilfe für Kinder und Babys. Dabei geht es darum, den Eltern die Angst zu nehmen. Und zu zeigen, was bei Kindern ganz anders läuft, als bei Erwachsenen.

Selm

, 11.06.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Jan* (3) seinen Eltern den Schreck ihres Lebens einjagte, wollte er gerade nur eine Cherrytomatte essen. Seine Mutter hatte sie ihm zuvor gegeben und ist dann nur kurz in die Küche gegangen, um etwas zu holen.

Wenig später kommt der Kleine in die Küche gelaufen. Wild gestikulierend. Sein Gesicht wird immer blauer. Jans Mutter alarmiert den Notdienst und versucht, ihrem Sohn irgendwie zu helfen. Irgendwann löst sich die Tomate. Kurz bevor der Rettungsdienst kommt. Die Cherrytomate war in die Luftröhre gerutscht. Ein paar Jahre ist das inzwischen her.

Nur eine halbe Stunde

„Wir wussten damals noch nicht, dass eine Cherrytomate, die perfekte Größe hat, um die Luftröhre zu verschließen“, erzählt Jans Vater, der damals, kurz nach dem Vorfall nach Hause kam. Er hatte kurz vor dem Vorfall noch eine Nachricht seiner Frau erhalten und fand nun eine seine aufgewühlte Familie vor. „Da war nur eine halbe Stunde dazwischen und unser Kind wäre fast gestorben“, sagt Jans Vater.

Inzwischen schneidet die Familie das Obst immer und nebenbei beim Spielen gibt es das Obst auch nicht mehr. Der Vorfall hatte noch eine andere Konsequenz: „Wir haben schon vorher darüber nachgedacht, einen erste Hilfe Kurs für Kinder zu machen“, sagt Jans Vater, „aber das war der letzte Beweis, dass es wichtig war.“

Viele Junge Eltern

Matthias Kleinhans unterrichtet in Selm regelmäßig in Sachen erster Hilfe für Kinder. Jans Vater hat den Kurs bereits besucht. Nun, an diesem Mittwoch im Juni, sind rund 20 Teilnehmer, in die Familienbildungsstätte gekommen, um zu erfahren, was sie tun können, wenn ihr Kind eine Brandwunde hat, einen Fieberschock erleidet oder wie sie eine Wunde am besten behandeln können.

Ein paar Großeltern sind dabei, vor allen Dingen aber junge Eltern. Die jüngste Teilnehmerin ist die 13-Monate alte Charlotte, die ihre Eltern Manuel und Nadine begleitet. Bei einer anderen Teilnehmerin steht in 12 Tagen die Geburt an.

Aus einem Jahr wurden elf Jahre

Kleinhans hat zwei Kinder, als sein Sohn noch ein Baby war, sprach ihn eine Bekannte im Pekip-Kurs eine Bekannte an, ob er nicht einen Kurs in Erster Hilfe für Kinder und Babys geben wolle. „Und aus dem einen Mal sind 11 Jahre geworden“, sagt der 40-Jährige.

Erste Hilfe für Kinder: Warum Highway to Hell beim Beatmen nicht funktioniert

Matthias Kleinhans mit Babypuppe Anne © Sabine Geschwinder

„Es geht mir darum, den Eltern die Angst zu nehmen“, erklärt Matthias Kleinhans, der in Dortmund als Ausbilder im Rettungsdienst tätig ist. „Kinder tun sich weh, durch Verletzungen lernen sie ihre Grenzen kennen“, sagt Kleinhans. Deshalb sollten Eltern ihre Kinder seiner Meinung nach nicht in Watte packen. „Aber natürlich auch nicht unnötig gefährden“, sagt er.

Aus einmal wurden 11 Jahre

Matthias Kleinhans erzählt, dass die Luftröhre des Menschen so breit ist wie der kleine Finger. Kein Wunder also, dass es kritisch wird, wenn Kinder mit dem Krabbeln beginnen und Dinge in den Mund stecken, oder wenn eine Traube nicht in die Speise- sondern die Luftröhre gelangt.

Was sie dann tun müssen, können die Eltern an der speziellen Puppe Anne probieren. Wenn Kinder etwas verschluckt haben, sollen sie ihr Kind in die Fliegerposition legen und mit der flachen Hand kräftig zwischen die Schulterblätter zu klopfen, erklärt Kleinhans. Wer es ausprobiert merkt, dazu braucht man viel Kraft.

Erste Hilfe für Kinder: Warum Highway to Hell beim Beatmen nicht funktioniert

© Sabine Geschwinder

Auch die Wiederbelebung können die Eltern an der Puppe ausprobieren:

Erste Hilfe für Kinder: Warum Highway to Hell beim Beatmen nicht funktioniert

© Sabine Geschwinder

Bei der Herzlungenmassage gilt es, mit zwei Fingern zwischen den Brustwarzen zu pressen. Man muss dabei viel schneller drücken als bei Erwachsenen. „Songs wie Highway to Hell oder Staying Alive funktionieren nicht“, sagt Matthias Kleinhans. Einen passenden Song für Kleinkinder gebe es nicht. Wenn, dann wäre der wohl von Scooter, vermutet Kleinhans. Neugeborene haben nämlich einen Puls von 130-160, Säuglinge einen Puls von 120-140.

Erste Hilfe für Kinder: Warum Highway to Hell beim Beatmen nicht funktioniert

Kinder haben ein viel geringeres Lungenvolumen als Erwachsene. Erwachsene haben nämlich ein Atemvolumen von 500 bis 1000 Milliliter, ein Neugeborenes nur 20 Milliliter. © Sabine Geschwinder

Kinder haben auch ein viel geringeres Lungenvolumen als Erwachsene. Erwachsene haben nämlich ein Atemvolumen von 500 bis 1000 Milliliter, ein Neugeborenes nur 20 Milliliter.

Matthias Kleinhans gibt auch Tipps, was beim Zeckenstich zu tun ist („der Kopf muss raus“) und dass Eltern beim Fahrrad fahren immer ein Vorbild sein sollten („also Helm auf“).

Er beantwortet geduldig alle Fragen der Eltern und erzählt aus seiner Praxis als Rettungssanitäter. Aber vor allen Dingen sorgt er dafür, dass die Eltern am Ende des Kurses ein gutes Stück beruhigter nach Hause gehen.

*Name von der Redaktion geändert

Infos und nächste Termine:
Die Veranstaltung nennt sich bewusst „Informationsabend“. „Ein kompletter Erste-Hilfe-Kurs zu dem Thema umfasse neun oder sechszehn Stunden, „dafür haben junge Eltern oft nicht die Zeit“, sagt Kleinhans. Sein Kurs findet in Kooperation mit der Selmer Familienbildungsstätte statt und dauert rund 2,5 Stunden und ist für die Teilnehmer kostenlos. Das sind die nächsten Termine: Donnerstag, 12. September um 19.30 Uhr in Selm, Langer Acker 5 Mittwoch, 30. Oktober um 19.30 Uhr in Bork, Weiherstr. 9, Donnerstag, 28. November, 19.30 Uhr in Selm, Brink 1a Anmeldung über die Familienbildungsstätte unter: www.fbs-selm.de/
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