50 Jahre Kirche am Markt: Das feiert in diesem Jahr die evangelische Kirchengemeinde. Erst 50 Jahre nach Gründung der Gemeinde bekamen die Protestanten in Selm ein „ordentliches“ Gotteshaus.

Selm

, 15.05.2019, 03:57 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es war am 15. Mai 1926, als die Protestanten in Selm ein Fest feierten. Endlich, so dachten sie damals, sollten die seit der Inbetriebnahme der Zeche stetig gewachsene Gemeinde eine eigene Kirche bekommen. Die Pläne waren gemacht, die Genehmigungen eingeholt, an diesem Tag vor genau 93 Jahren legten sie sogar den Grundstein. Für eine Kirche, die dann doch nie gebaut wurde.

Die Geschichte der evangelischen Kirche in Selm

  • Durch den Bau der Zeche in Selm kommen Anfang des 20. Jahrhunderts die ersten evangelischen Christen nach Selm - in einen Ort, der bis dahin vor allem katholisch geprägt war. Oragnisiertes Gemeindeleben gibt es für sie hier nicht, die Betreuung übernimmt erst mal die Gemeinde in Lüdinghausen.
  • 1915 wird ein Gemeindehaus für die evangelischen Christen in Selm gebaut - an der Luisenstraße in Bork. Es war noch in der Annahme gebaut worden, dass die Zechenkolonie in Bork - und nicht im rund vier Kilometer entfernten Selm - entstehen würde. „Da dies nicht geschehen war, lag das Gemeindehaus völlig isoliert von der Gemeinde auf freiem Feld“, schreibt Rita Weißenberg in ihrem Buch „Uns wurde nichts geschenkt“.
  • 1920: Offizielle Gründung der evangelischen Gemeinde in Selm. Erster Gemeindepfarrer war Walter Koopmann.
  • Eigentlich sollte die Gemeinde auch schnell eine eigene Kirche bekommen: Im Jahr 1925 waren die ursprünglichen Baupläne für einen Kirchbau und für ein Pfarrhaus eigentlich schon genehmigt worden. Im Mai 1926 wurde auch der Grundstein gelegt.
    Evangelische Kirche feiert 50-Jähriges: Warum die Selmer so spät zu ihrer Kirche kamen

    Eigentlich war schon in den 20er-Jahren der Bau einer evangelischen Kirche geplant gewesen. Durch die Stillegung der Zeche wurde aus den Plänen aber nichts. © Evangelische Kirchengemeinde Selm

  • Dann passierte aber etwas, das die Stadt Selm einschlägig veränderte: Die Zeche wurde einen Tag nach der Grundsteinlegung stillgelegt. In Selm brach große Not aus. Die erste geplante neue evangelische Kirche konnte nicht realisiert werden.
  • Das Presbyterium beschloss die Einrichtung einer Notkirche. Sie wurde am 15. Dezember 1926 in einer der ehemaligen Ledigenbaracke der Zeche Hermann an der Kreisstraße eingeweiht. Dort entstand 1927 auch ein Kindergarten.
    Evangelische Kirche feiert 50-Jähriges: Warum die Selmer so spät zu ihrer Kirche kamen

    Über 40 Jahre gab es für die evangelische Kirche in Selm nur eine Notkirche, die in einer ehemaligen Ledigenbaracke der Zeche Hermann untergebracht war. © Evangelische Kirchengemeinde Selm

  • 1954 wurde die evangelische Kirche in Bork gebaut, seit 1967 gibt es das Gemeinde- und Jugendheim, das nach einem langjährigen in Bork tätigen Pfarrer Walter-Gerhard-Haus genannt wurde.
  • 1957 kaufte die Gemeinde für den Kirchbau das Grundstück am Markt. Erst zehn Jahre später allerdings konnte dann der Grundstein gelegt werden, 1969 war der Bau dann abgeschlossen und das evangelische Gemeindezentrum wurde im Mai eingeweiht.
  • Das Gemeindezentrum wurde 1972 durch einen Kindergarten erweitert, 1981 kam eine Pfarrwohnung dazu.
  • 1993 bekam die Selmer Kirche am Markt ein neues Pyramidendach.
  • Die Evolvente mit Kreuz am Turm der Kirche ist 2001 angebracht.
    Evangelische Kirche feiert 50-Jähriges: Warum die Selmer so spät zu ihrer Kirche kamen

    Die Evolvente, die sich um den Turm rankt ist aus Edelstahl, ebenso wie der neue Leuchtkranz im Innern der Kirche. © Foto: Matthias Münch

Denn: Nur einen Tag nach der Grundsteinlegung schlug die Nachricht von der Zechenschließung wie eine „Blitz“ in die Gemeinde ein. Heimathistoriker Rita Weißenberg schreibt dazu: „Fast die gesamte evangelische Gemeinde war über Nacht arbeitslos geworden. In den Familien in Selm kehrten Not und Sorge ein.“

Aus der neuen Kirche für die 1920 offiziell gegründete Gemeinde wurde erst mal nichts. Stattdessen entstand 1926 in einer der drei ehemaligen Ledigenbaracken der Zeche die sogenannte Notkirche. Über 40 Jahre war sie das Zentrum der evangelischen Gemeinde in Selm. Bis 1969. Da - heute vor 50 Jahren - hatte die Protestanten aus Selm sie endlich: ihre eigene, ordentlich gemauerte Kirche.

Ohrfeige für die Kinderfrau

Renate Lengemann (92) erinnert sich noch gut an diese Zeit. Als Frau des Pfarrers Helmut Lengemann, der von 1958 bis 1990 in der Selmer Gemeinde gewirkt hat, erlebte sie die Planungen und den Wunsch der Menschen nach einer eigenen Kirche mit, wie sie im Gespräch mit der Redaktion erzählt. Selm, so sagt sie heute, war damals noch ganz anders. Viel katholischer. „Ich erinnere mich an einen Nachmittag, als mein Kindermädchen mit meinem damals einjährigen Sohn nach Hause ins Pfarrhaus nach Bork kam und weinte.“

Sie hatte sich im Lebensmittelgeschäft eine Ohrfeige gefangen, weil sie den kleinen Lockenkopf an ihrer Hand als „Sohn des Pastors“ vorgestellt hatte. „In Bork war noch nicht durchgesickert, dass es auch evangelische Pastoren gab“, erzählt die gebürtige Dortmunderin lachend.

Schon in den 50er-Jahren Bausteine für den Kirchenbau

Dass die evangelische Gemeinde immer selbstbewusster wurde, zeigt sich aber nicht zuletzt an dem Einsatz an der Gemeindemitglieder für das neue Gemeindezentrum: „Schon in den 50er-Jahren hatten mehrere Gemeindemitglieder sich zur Verfügung gestellt, Monat für Monat Bausteine für einen Kirchenbau in den einzelnen Gemeindeteilen zu verkaufen“, liest Pfarrer Lothar Sonntag, derzeit der dienstälteste in der Selmer Gemeinde, aus einem Schriftstück zur Geschichte der Gemeinde vor.

Vor allem Barbara Niedrich aus dem Presbyterium der Gemeinde hat sich in den vergangenen Wochen viel mit den Akten, den Fotos und alten Zeitungsausschnitten der Kirche beschäftigt. Zum Jubiläum der Kirche soll es nämlich eine anschauliche Ausstellung zur Geschichte geben - im Rahmen eines kleines Gemeindefestes zu diesem Anlass.

Party und Fest zum Jubiläum geplant

Denn natürlich, so sagen Lothar Sonntag und Iris Graumann aus dem Presbyterium, soll der Geburtstag gefeiert werden. Folgendes Programm ist geplant:

Los geht es am Freitag, 17. Mai 2019, um 20.30 Uhr. Und zwar mit einem Ball, zu dem alle Konfirmanden der vergangenen 50 Jahre eingeladen sind. Er findet statt im Gemeindezentrum an der Teichstraße.

Weiter geht das Programm dann am Sonntag, 19. Mai 2019.

  • 10.30 Uhr: Gottesdienst mit Begrüßung des neuen Konfirmandenjahrgangs
  • ab 12 Uhr: Gemeindefest mit Essen, Trinken, Spiel und Spaß. Unter anderem plant der Kindergarten Bastelaktionen, es gibt eine Rallye durch das Gemeindezentrum und eine Ausstellung zur Geschichte der Kirchengemeinde.
  • Das Team der Jugendfreizeit stellt außerdem einen Rückblick auf die Reisen der vergangenen 25 Jahre vor und informiert über die Freizeit 2019, die in diesem Jahr nach Korsika führt und bei der noch Plätze frei sind.
  • 13 bis 14 Uhr: Offenes Singen mit dem Singekreis in der Kirche. Dabei sollen Kirchenlieder aus den vergangenen 50 Jahren gesungen werden. Martin Betting wird das an der Orgel begleiten.
  • Auch für Essen ist gesorgt: Die „Hüpfkuh“ kommt mit ihrem Foodtruck und außerdem ist der Imbiss „Schnitzeljagd“ vor Ort.
  • 17 Uhr: Sommerkonzert des Chores daChor in der Kirche

Die Kirchengemeinde hofft auf viele Besucher der Veranstaltungen. Und, mit Blick auf die Zukunft wieder auf mehr Menschen in der Kirche. Deutlich, so sagt es Iris Graumann, sei nämlich im Laufe der letzten Jahre wahrnehmbar, dass die Bedeutung der Kirche bei den Menschen zurückgeht. „Ich mache mir wirklich Sorgen, wenn ich sehe, dass in den Gottesdiensten am Sonntag nur noch wenig Leute zwischen 30 und 60 sitzen“, sagt sie. Ihr Eindruck deckt sich mit den Ergebnissen einer Studie des Freiburger Forschungszentrums Generationenverträge. Demnach könnten die Kirchen in den nächsten 40 Jahren fast die Hälfte ihrer Mitglieder verlieren.

Jugendarbeit, so sagen sowohl die beiden Presbyterinnen Iris Graumann und Barbara Niedrich, ist ein Baustein der Gemeinde, diesem Trend entgegenzuwirken. Damit die Kirche auch nach weiteren 50 Jahren weiterhin voll Leben ist.

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