Seit 100 Jahren gibt es die evangelische Kirchengemeinde in Selm. Zu Beginn galten die evangelischen Christen noch als Außenseiter und Ehen zwischen den Religionen führten zur Exkommunizierung.

Selm

, 27.04.2020, 11:25 Uhr / Lesedauer: 4 min

100 Jahre evangelische Kirche in Selm. Dieses Banner ziert seit dem Januar den Kirchturm der evangelischen Gemeinde. Viele Menschen blieben damals stehen, als ein großes Feuerwehrauto auf dem Marktplatz Halt machte und zwei Feuerwehrmänner das Transparent am Kirchturm aufhängten.

Zeitzeuginnen aus der langen Geschichte der Kirchengemeinde

„100 Jahre, das ist nicht viel, aber auch nicht wenig“, sagt Pfarrer Lothar Sonntag bei einem Gespräch im März, noch bevor die Corona-Kontaktbeschränkungen in Kraft getreten sind und bevor völlig absehbar war, wie sehr das Virus dann doch das öffentliche Leben zum Stillstand bringen würde.

Drei Frauen sitzen mit Lothar Sonntag am Tisch, sie alle haben zu unterschiedlichen Zeiten ihren Weg in die Kirchengemeinde gefunden. Und so viel sei vorweggenommen: Keine von ihnen ist 100 Jahre alt. Und dennoch können sie alle davon berichten, was Kirche für sie ist und wie wichtig auch der Raum einer Kirche für sie ist.

Vier große Wellen der evangelischen Christen

Pfarrer Lothar Sonntag spricht in Zusammenhang mit der Geschichte der Kirchengemeinde von insgesamt vier Wellen. Die erste war 1910 mit Gründung der Zeche Hermann. Damals kamen viele evangelische Christen nach Selm. „Bis dahin war das ein katholisches Dörfchen, dort gab es mehr jüdische Einwohner als evangelische“, erzählt Sonntag.

Pfarrer Lothar Sonntag mit Anita Michael (v.l.), Pia Troiza und Karin Schulz vor dem evangelischen Gemeindehaus. Das Bild entstand noch bevor die Kontaktsperren in Bezug auf die Coronakrise in Kraft traten.

Pfarrer Lothar Sonntag mit Anita Michael (v.l.), Pia Troiza und Karin Schulz vor dem evangelischen Gemeindehaus. Das Bild entstand noch bevor die Kontaktsperren in Bezug auf die Coronakrise in Kraft traten. © Sabine Geschwinder

Die zweite große Welle erfolgte dann nach 1945, als viele Flüchtlinge nach Ende des Zweiten Weltkrieges nach Selm kamen. Die dritte Welle erstreckt sich von den 60er- bis zu den 80er-Jahren, als Selm viel günstigen Wohnraum bieten konnte, und die vierte ab den 90er-Jahren, als viele der so genannten Russlanddeutschen nach Selm zogen. Inzwischen hat die Gemeinde in Selm und Bork knapp 7000 Mitglieder. Cappenberg wiederum gehört zur evangelischen Gemeinde in Lünen.

Die einzige evangelische Schülerin im katholischen Religionsunterricht

Karin Schulz ist 79 Jahre alt. Sie kam 1946 nach Selm und markiert damit die Menschen, die während der zweiten Welle der evangelischen Kirchengeschichte nach Selm kamen. „Ich war evangelisch und Flüchtling, was für eine Kombination“, sagt Schulz leicht lachend. Aus der Niederlausitz kommt sie mit ihrer Familie nach Selm, diese wird dort auf eine der Bauerschaften verteilt. „Die Bauern wurden nicht gefragt, die mussten Flüchtlinge aufnehmen“, sagt Schulz.

Evangelischen Religionsunterricht hätte sie in der Lutherschule erhalten können. Allerdings hätte das einen Fußweg von anderthalb Stunden bedeutet. So geht es stattdessen auf die Ludgerischule, der Fußweg betrug hier immerhin „nur“ eine Stunde. Also ist sie die einzige evangelische Schülerin im katholischen Unterricht. Heute nimmt sie es mit Humor: „Ich bin gut katholisch erzogen“, sagt Karin Schulz.

Früher habe sie sogar Marienaltäre gebaut, erzählt Schulz. Obwohl die Marienverehrung in der evangelischen Kirche nicht üblich ist. Auch alle ihre Freundinnen sind katholisch.

Heirat als Bedingung für die Einschulung der Tochter

Anita Michael, inzwischen 79 Jahre alt, kam ungefähr zur gleichen Zeit nach Selm wie Karin Schulz: 1947, im Winter. Ein kalter Winter. Daran kann sie sich erinnern, denn sie kam mit dem Güterzug nach Selm und der hatte keine Fenster. Ursprünglich kam sie aus Bremen. Ihr Vater fand allerdings als Schlosser zu der Zeit keine Arbeit und so zog die Familie nach Selm, in die Breite Straße, wo Anita Michaels Großmutter lebte.

Von dort war der Weg zur Lutherschule nicht weit. Es gab aber trotzdem ein Problem. „Meine Eltern waren nicht kirchlich getraut“, sagt Anita Michael. Ohne Trauschein der Eltern wollte man sie nicht einschulen. Und dann war ihr Vater auch noch katholisch. Ihn kostete die Heirat mit Anita Michaels Mutter schließlich seine Konfession, denn noch bis 1966 wurden Katholiken exkommuniziert, wenn sie die Ehe mit einem Protestanten, beziehungsweise einer Protestantin, eingingen. Dass Anita Michael evangelisch getaut wurde, war daher klar. Ihr Vater war aber ohnehin auch schon früh mit der Frage konfrontiert, Religion oder andere Leidenschaften: „Sonntagnachmittags war immer Christenlehre, aber er war auch Fußballfan“, sagt Anita Michael. So sei ihr Vater dann oft auf dem Sportplatz zu finden - und bekam am Montag dann eine Abmahnung. „Aber Fußball war ihm wichtiger“, sagt Anita Michael.

Pia Troiza, 61, kam 1987 nach Selm, dort lebt sie zunächst nur ein paar Jahre und zieht dann weiter, 2001 kommt sie aber wieder zurück. „Ich habe etwas passendes gesucht“ , sagt sie zu ihrer Entscheidung nach Selm zu ziehen. „Einmal Selm, immer Selm“, sagt sie zu ihrer Rückkehr. Sie gehörte also zur 3. Welle. Während Karin Schulz und Anita Michael es als Kinder noch gewöhnt waren, dass evangelisch sein etwas ist, wofür man auf dem Schulhof gehänselt werden kann und was zu Problemen in der Liebe führen kann, ist das für Pia Troiza kein so großes Thema mehr. „Ich habe eine katholische Mutter, die ist aber konvertiert“, erzählt sie. „Ich bin mit beidem aufgewachsen.“ Generell habe sie das Gefühl, dass Selm inzwischen viel weltoffener sei.

Von der Notkirche zur richtigen Kirche

Bis die evangelischen Christen in Selm eine eigene Kirche hatten, war es ein langer Weg. 1920 wurde die evangelische Gemeinde bereits offiziell gegründet.

1926 sollte dann der Bau für die evangelische Kirche beginnen. Der Grundstein war sogar schon gelegt. Doch weil die Zeche Hermann nur einen Tag nach der Grundsteinlegung stillgelegt und mit einem Schlag viele Selmer, vor allen Dingen viele evangelische Selmer, arbeitslos wurden, kam es dann nie zum Bau dieser Kirche.

Stattdessen wurde am 15. Dezember 1926 in einer ehemaligen Ledigenbaracke der Zeche Hermann eine Notkirche eingeweiht. Erst 1969 wurde das evangelische Gemeindezentrum in Selmer Zentrum eingeweiht. Schon seit 1954 gibt es dagegen die evangelische Kirche in Bork. „Gebäude sind wichtig, weil sich die Menschen dort treffen“, sagt Pfarrer Lothar Sonntag. Der Bau der Kirche habe das Gefühl bestärkt: „Wir sind auch wer“, sagt Sonntag.

Corona wirbelt alles durcheinander

Karin Schulz fühlt sich auch heute noch „gut aufgehoben“, in der Kirchengemeinde. Durch ihre katholische Sozialisation geht sie aber auch gern mal in die katholische Messe. „Die Gemeinde ist schon ein zu Hause“, sagt auch Pia Troiza. Und Anita Michael sagt: „Wir haben alle nur einen Herrgott. Da wirst du oben nicht gefragt.“

Ähnlich wie beim Startschuss für den Kirchenneubau, als nur einen Tag nach Grundsteinlegung alles auf der Kippe stand, wirbelt im Jahr 2020 die Corona-Krise alles durcheinander. Eigentlich war für das Jubiläumsjahr ein großes, buntes Programm geplant. Nun liegt das erstmal auf Eis. Das Kirchenleben steht still wie auch ein Großteil des öffentlichen Lebens. Und irgendwie auch nicht. Denn die Gemeinde, die gibt es auch ohne Gebäude. Sich nah zu sein, das geht auch in Zeiten von sozialer Distanz.

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