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Fell abziehen statt verbuddeln: Wenn aus dem toten Fuchs ein Pelzmantel wird

rnJagd-Projekt Fellwechsel

Jäger bringen erlegte Tiere zu einer Abgabestation - später werden sie dann zu Pelzen verarbeitet. Das Projekt soll Tiere schützen, sagen Jäger wie Johannes Laurenz. Passt das zusammen?

Selm, Werne

, 10.05.2019 / Lesedauer: 6 min

So eine Decke aus Nutriafell ist etwas richtig Schönes.“ Landwirt Johannes Laurenz vom Hof Schulze Blasum in Werne-Stockum zeigt die große Decke, die aus mindestens 20 Fellen der Biberratten besteht.

Kurz darauf stehen wir in einem kleinen Raum vor einer Gefriertruhe. Darin befinden sich nicht nur Nutrias, sondern noch andere Tierarten, die tiefgekühlt in Tüten lagern. Der 33-Jährige öffnet die Truhe und zieht eine der Tüten hervor. Auf einem Etikett ist etwas angekreuzt. „Das ist ein Rotfuchs“, sagt der Werner Landwirt.

Die Truhe wird bald geleert werden; einmal wöchentlich werden die tiefgefrorenen Tiere abgeholt. Auch Jäger aus Selm bringen die Tiere, die sie erlegt haben, nach Werne-Stockum. Denn mit seiner Gefriertruhe nimmt Johannes Laurenz an einem besonderen Projekt teil.

„Fellwechsel“ heißt das Projekt, das der Deutsche Jagdverband (DJV) gemeinsam mit dem Landesjagdverband Baden-Württemberg im November 2016 initiiert hat. Ziel ist es, Pelze aus heimischer Jagd besser und nachhaltiger zu verarbeiten. Auch der Hegering Selm hat sich dem Projekt angeschlossen. Und er ist nicht allein.

Die Tiere werden zur Abbalgstation nach Rastatt gebracht

„Im ganzen Kreis Unna gibt es Jäger, die das erlegte Wild zur Abgabestation auf dem Hof Schulze Blasum bringen“, sagt Reinhard Middendorf aus Bergkamen, der Vorsitzende der Kreisjägerschaft Unna. Regelmäßig werden die Tiere abgeholt und weiter zur Abbalgstation in Rastatt gebracht. Und von dort aus wird das Fell vermarktet - im Onlineshop des DJV, auf Kürschner-Auktionen, oder es wird an feste Kunden weitergegeben.

„Man hat uns immer vorgeworfen, dass man bei der Jagd auf Prädatoren, also Raubwild, das Tier nicht gut verwertet“, sagt Middendorf. Er hält es für richtig, dass die Winterfelle der Raubsäuger offensiver vermarktet werden. „Im Augenblick bin ich im Kreis unterwegs und werbe für das Fellwechsel-Projekt“, erzählt der 69-Jährige.

Auch Johannes Laurenz sagt: „Das Projekt ist eine Supersache.“ Der junge Landwirt ist schon als kleiner Junge mit seinem Vater auf die Jagd gegangen; seit er 15 Jahre alt ist, hat er selber einen Jagdschein. „Mein Herz gehört der Natur, ich bin gerne im Wald.“ Er kümmert sich in seinem Revier um den Wildschutz, pflanzt Blühflächen. Und er geht auf die Jagd. „Wir haben schon immer das Raubwild reduziert“, sagt Laurenz. Und jetzt gebe es die Möglichkeit, deren Pelze auch zu verwerten.

Hegering Selm: „Kurze Wege zu den Abgabestationen sind wichtig.“

Acht Hegeringe, deren Mitglieder Jäger sind, gibt es im Kreis: Selm, Lünen, Werne, Kamen-Bergkamen, Bönen, Unna, Fröndenberg und Schwerte. Die Mitglieder bringen erlegte Tiere zu drei Abgabestationen in Werne und Bergkamen. Allerdings nur Tiere, die zwischen November und Februar gejagt wurden. „Die Sommerfelle kann man leider nicht verwenden“, sagt Middendorf.

Die Kühltruhen an den Abgabestationen seien immer voll - viel zu schnell, findet der Kreisjäger. „Ich bin hoffnungsfroh, dass wir bald weitere Stationen einrichten können.“

Fell abziehen statt verbuddeln: Wenn aus dem toten Fuchs ein Pelzmantel wird

Landwirt Johannes Laurenz zeigt die Gefriertruhe. Sie ist schon ziemlich voll: Viele Jäger nutzen die Abgabestation auf dem Hof Schulze Blasum. © Martina Niehaus

Darüber würde sich auch Wiebke Böhmer vom Hegering Selm freuen. „In der letzten Jagdsaison haben die Jäger des Selmer Hegerings insgesamt 96 Füchse erlegt. 87 davon auf der Jagd, neun mit Lebendfallen“, erzählt sie. Kurze Wege zu den Abgabestationen seien wichtig, damit die Felle danach alle verwertet werden können. „Früher hat man die Felle auch verbuddelt, so kann man sie nutzen. Das ist eine gute Sache“, sagt sie.

Torsten Reinwald ist Pressesprecher des Deutschen Jagdverbandes mit Sitz in Berlin. Er sagt: „Das Projekt Fellwechsel bedeutet nicht zuletzt einen schonenden Umgang mit unserer Umwelt. Das ist förderwürdig.“

Das Start-Up-Unternehmen laufe „sehr gut an“, erklärt Reinwald: In der Jagsaison 2018/2019 habe man bundesweit 20.000 Felle eingesammelt. „Damit wurden alle Erwartungen mehr als übertroffen“, freut sich der 47-jährige Biologe. Mittlerweile gebe es mehr als 600 Sammelstationen. „Die Jäger springen da auf und freuen sich, dass der Rohstoff Fell jetzt besser genutzt wird.“

Da das Fell des erlegten Tieres eine Nummer bekommt, sei es möglich, ein gekauftes Fell bis zum Erleger zurückzuverfolgen. „Das ist ein Alleinstellungsmerkmal“, betont der DJV-Pressesprecher. „Wir verwenden nur heimische Felle aus nachhaltiger Jagd und keine chinesische Massenware.“

Tierschutzbund: „Falscher Eindruck der Nachhaltigkeit“

Doch es gibt auch Gegenstimmen. „Der Deutsche Tierschutzbund steht dem Vorhaben aus vielerlei Gründen ablehnend gegenüber“, sagt Lea Schmitz, Pressesprecherin des Deutschen Tierschutzbundes mit Sitz in Bonn. Da seien zuallererst Tierschutzgründe, „denn die Jagd auf die betroffenen Tierarten ist nicht tierschutzgerecht und wird unter anderem mit Totschlagfallen ausgeübt, die den Tieren unnötiges Leid zufügen“, so Schmitz.

Wiebke Böhmer vom Selmer Hegering betont dagegen, dass bei der Fallenjagd auf Füchse ausschließlich Lebendfallen verwendet werden. „Diese Fallen geben ein Signal, sobald sich ein Tier darin befindet. Und auch ohne Signal werden sie alle 12 Stunden von den Revierinhabern kontrolliert“, sagt sie.

„Auch für diese Pelze müssen Tiere leiden und sterben.“
Lea Schmitz, Deutscher Tierschutzbund

Der Tierschutzbund bleibt dabei, dass auch für Pelze aus dem Projekt „Fellwechsel“ Tiere leiden und sterben müssten. „Die Vermarktung und das Tragen solcher Pelzartikel führt zudem höchstens dazu, Pelze weiter salonfähig zu machen und erweckt bei der Bevölkerung fälschlicherweise den Eindruck der Nachhaltigkeit“, argumentiert Lea Schmitz.

„Die Jagd auf Raubsäuger dient dem Artenschutz.“

Zu dieser Kritik entgegnet Reinwald: „Der Vorwurf ist mir bekannt. Aber der Verbraucher ist mündig. Wir bieten hier schließlich keine Massenware an, die aus chinesischen Tierfarmen stammt. Im Gegenteil: Die Jagd dient auch dem Artenschutz.“

So gebe es in Bremen eine Kooperation der Landesjägerschaft mit dem BUND. Dort gebe es seit 2014 Maßnahmen zur Lebensraumverbesserung, kombiniert mit der Bejagung von Füchsen. Seitdem habe sich die Anzahl der Wiesenbrüter wieder mehr als verdoppelt, sagt Reinwald.

Fell abziehen statt verbuddeln: Wenn aus dem toten Fuchs ein Pelzmantel wird

In dieser Tüte steckt ein Rotfuchs. © Martina Niehaus

Auch landesweit kommt das Projekt gut an: „Das Projekt Fellwechsel ist eine sehr gute Aktion“, sagt Gregor Klar vom Landesjagdverband NRW. Und die Zusammenarbeit mit dem BUND zeige, dass die Bejagung bestimmter Tierarten auch dem Naturschutz diene. „Wir haben eben kein intaktes Ökosystem mehr. Deshalb muss man mit der Jagd regulierend eingreifen“, sagt Klar.

Der Meinung ist auch Reinhard Middendorf. „Ich halte das Bremer Modell für ausgezeichnet. Und wenn man die Ideologien und gegenseitigen Vorbehalte mal beiseite lässt, kann man in Sachen Natur- und Umweltschutz gut zusammenarbeiten.“ Auf Ortsebene geschehe das bereits. „Ich fände es klasse, wenn man an viel mehr Stellen zusammenarbeiten würde.“

Middendorf betont, dass gerade auch die wachsenden Waschbärpopulationen kontrolliert bejagt werden müssten. „Waschbären sind so intelligent, und sie klettern in Bäume und rauben Singvogelnester aus“, sagt der Kreisjäger.

„Es ist ultra-unfair, wie auf uns herumgehackt wird.“

Das Argument des Artenschutzes für Singvögel und Bodenbrüter - beim Tierschutzbund zieht es nicht. „Der Grund ist, dass die Ursachen für die Bedrohung dieser Tierarten vor allem in der Lebensraumzerstörung liegen und Beutegreifer nur eine untergeordnete Rolle spielen“, sagt Lea Schmitz.

Grundsätzlich müsse für die Tötung eines Tieres ein vernünftiger Grund vorliegen. „Das schreibt das Tierschutzgesetz vor.“ Während Reh und Wildschwein verzehrt werden könnten, sei dies für Füchse und viele andere Tierarten nicht gegeben.

Lea Schmitz sagt ganz klar: „Eine Verwendung von Tieren zu anderen Zwecken als zur menschlichen Ernährung – zum Beispiel als Pelz, Modeartikel, Trophäe oder Luxusgut - entspricht keinem vernünftigen Grund.“

Johannes Laurenz ist von der Kritik an dem Projekt durch Tierschützer nicht überrascht. Er findet ebenfalls klare Worte: „Es ist ultra-unfair, wie auf uns herumgehackt wird. Jäger sind angeblich Mörder, Bauern Umweltverpester.“

„Ich kann es nicht ertragen, Fleisch wegzuwerfen.“

Für ihn ist es kein Widerspruch, im Herbst auf Fasanenjagd zu gehen, obwohl man zuvor die Füchse gejagt habe, um die Fasanenpopulation zu schützen. „Die Füchse jagen die am Boden brütenden Hennen, die nicht von ihren Nestern aufstehen. Und sie fressen deren Eier. Wir jagen im Herbst die männlichen Vögel, von denen es noch viele gibt“, erklärt er. „Das muss man differenzieren.“

Sicher gebe es überall schwarze Schafe. „Und jahrzehntelang hat es im landwirtschaftlichen Bereich zu wenig Öffentlichkeitsarbeit gegeben.“ Aber gerade junge Landwirte und Jäger legten heute großen Wert auf Dialog. „Im Grunde machen das alle mit gutem Wissen und Gewissen. Wir müssen ja die Bevölkerung ernähren.“

Und Johannes Laurenz appelliert auch an die Verbraucher: „Ich kann es nicht ertragen, Fleisch wegzuwerfen. Ich weiß als Landwirt und Jäger, dass dafür ein Tier sein Leben gelassen hat. Aber viele Leute wollen und kennen nur das günstige Fleisch aus dem Supermarkt und haben keinen Bezug dazu.“ Am Ende könne jeder selbst entscheiden, nämlich an der Fleischtheke.

Der 38-Jährige hält es für völlig normal, auch das Fell eines erlegten Tieres als Trophäe zu behalten. Die Jagd sieht er nämlich auch als eine Belohnung für die Jahresarbeit im Revier. Und er sagt: „Für jeden Fasan, den ich esse, esse ich ein Hähnchen weniger aus der Massentierhaltung. Und für jeden Fuchs aus dem Projekt Fellwechsel sitzt eben ein Polarfuchs weniger in China im Käfig.“

Die Fellwechsel GmbH
  • Die Fellwechsel GmbH ist eine Tochtergesellschaft des Deutschen Jagdverbandes.
  • Ein Tierfell durchläuft vor der Verwertung mehrere Stationen: Zwischen Oktober und Februar können erlegte Tiere, die dann ihr Winterfell tragen, an Abgabestellen hinterlegt werden. Angenommen werden alle Raubsäuger (Füchse, Marder, Waschbären) sowie Nutria und Bisam.
  • Das Tier wird an der Abgabestelle in einer Kühltruhe aufbewahrt. Im Kreis Unna gibt es drei Abgabestellen; eine davon befindet sich auf dem Hof Schulze Blasum in Werne-Stockum.
  • Circa einmal wöchentlich werden die Tiere abgeholt und zur Abbalgstation nach Rastatt (bei Karlsruhe) gebracht.
  • Ein Kunde der Abbalgstation ist die Blaser Jagdwaffen GmbH aus Isny im Allgäu. „Diese Firma bietet Bekleidung für Jäger an, und zwar mit unseren Pelzen“, sagt Torsten Reinwald vom DJV Deutschland.
  • Weitere Felle bzw. Fellprodukte werden direkt im Online-Shop des DJV angeboten. Dazu zählen z.B. Anhänger mit Fellherzen oder Kopfkissen aus Fuchs- oder Waschbärenfell.
  • Für Jäger besteht außerdem die Möglichkeit, das Fell ihres selbst erlegten Tieres verarbeitet wieder zurückzubekommen.
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