Flaute am Futterhäuschen macht nicht nur dem Selmer Vogelkundler Uwe Norra große Sorgen

rnVogelzählung

An dem Aufruf, eine Stunde lang die Vögel zu zählen, wird auch Uwe Norra aus Selm teilnehmen. Anstrengend werde das nicht werden, sagt der Ornithologe bitter. „Bis fünf zählen, ist leicht.“

Selm

, 05.01.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Vorbei die Zeiten, als zwitschernde Trupps im Winter flatternd in Uwe Norras Garten in Beifang einfielen. „Noch vor einigen Jahren waren hier regelmäßig 20 bis 40 Finken“, erzählt der leidenschaftliche Vogelbeobachter und -fotograf. Und heute? „Kein einziger Finkenvogel ist da.“ Weder an diesem Donnerstag, noch an irgendeinem anderen Tag dieses Winters. Für Norra ist das ein Alarmzeichen.

20 Kilometer weiter, in Bernd Margenburgs Garten in Bergkamen, herrscht ebenfalls Flaute. „Das ist das schlechteste Vogeljahr, das ich in meinem Garten je erlebt habe.“ Und er wohne dort immerhin schon seit 28 Jahren. Er habe zwei Meisenknödel im Garten hängen, „aber keinen Vogel kümmert das.“ Schon im Sommer sei ihm das Ausbleiben der Gartenvögel aufgefallen. „Sonst haben bei uns immer Meisen gebrütet.“ Dieses Jahr: Fehlanzeige. Margenburg ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Botanik im Naturschutzbund des Kreises Unna und anders als Uwe Norra in Selm ein Laie, wenn es um Vögel geht. Wenn es ihm schon auffalle, wie stark die Artenvielfalt und die Gesamtzahl der Vögel zurückgehe, „muss es schon heftig sein“.

NABU-Chef sieht „Rückgang häufiger Arten“

Laien und Experten gleichermaßen sind aufgerufen, an diesem Wochenende eine Stunde lang Vögel zu zählen. Zum neunten Mal rufen der Naturschutzbund Deutschland (NABU) und der Landesbund für Vogelschutz in Bayern zur bundesweiten „Stunde der Wintervögel“ auf. Im Winter 2017 hatten die Teilnehmer 17 Prozent weniger Vögel gemeldet als im Schnitt des Vorjahres 2016: ein „erschreckendes Ergebnis“, wie NABU-Bundesgeschäftsführer Leif Miller sagt.

2018 ließ ihn zwar etwas aufatmen: Im Vergleich zum Vorjahr wurden wieder elf Prozent mehr Vögel gesichtet: rund 38 Vögel pro Garten. Das seien aber immer noch deutlich weniger als 2011, zu Beginn der Wintervogelzählung. Damals haben die Teilnehmer laut Miller 46 Vögel pro Garten gemeldet. Der NABU-Chef stellt einen „Rückgang häufiger Arten“ EU-weit fest - um 2,5 Prozent pro Jahr.

Flaute am Futterhäuschen macht nicht nur dem Selmer Vogelkundler Uwe Norra große Sorgen

Uwe Norra ist passionierter Vogelbeobachter. © Martina Niehaus

Die Flaute an den Futterhäuschen, von der laut Uwe Norra landauf, landab die Ornithologen berichten, kann viele Ursachen haben. Das Nahrungsangebot außerhalb der Gärten ist im milden Winter groß, sodass etwa die Amseln lieber am Waldrand bleiben als in die Gärten zu fliegen, wie Bernd Margenburg meint. Der schlechte Bruterfolg im Frühjahr werde auch ein Grund sein. Vielleicht auch die Folgen des Hitzesommers, „aber eigentlich hat er den Insekten, einer wichtigen Nahrungsquelle der Vögel, nicht geschadet.“ Die Schmetterlingspopulation habe sich zumindest etwas erholen können, so Margenburg. Der NABU-Bundesverband verweist auch noch auf eine weitere mögliche Ursache für das Ausbleiben der Vögel: Vogelkrankheiten wie das tropische Usutu-Virus, das seit 2011 vor allem heimischen Amseln zusetzt sowie die Trichomonaden-Infektion, die seit 2009 Grünfinken verenden lasse. Uwe Norra sieht noch andere Gründe. Und die seien hausgemacht.

Nach dem Insektensterben ein Vogelsterben?

„Man muss sich doch nur einmal in den Gärten umschauen“, sagt er. Wo Pflanzen hingehörten, breiteten sich Steinwüsten aus. Totholz und Verblühtes werde sofort abgeschnitten und entfernt. Vögel hätten immer weniger Möglichkeiten, Lebensraum und Nahrung zu finden. Der Selmer versteht es nicht, dass das dramatische Insektensterben, dem jetzt offenbar ein Vogelsterben folge, „nicht zu einem allgemeinen Aufschrei führt“. Artenvielfalt, meint er, „müsste ein Grundrecht sein. Lasst euch doch nicht die Erde wegnehmen“ - und die Vögel.

Kleine Schritte könne jeder machen - auch am Futterhäuschen. Auch wenn das gerade nicht oft besucht werde, sollte es nicht leer bleiben, auch wenn noch kein strenger Winter eingekehrt sei. „Nur wenn die Vögel jetzt lernen, wo das Restaurant ist, finden sie es auch, wenn es unbedingt nötig wird.“ Norra hält es wie schon seine Eltern in Alstedde und seine Großeltern in Selm: „Ab Erntedank wird gefüttert, egal, wie das Wetter ist.“

Männchen und Weibchen ziehen ihrer Wege

Der Haussperling, also der Spatz, und die Kohlmeise sind typische Standvögel. Das heißt: Sie sind immer in Selm anzutreffen, unabhängig von der Jahreszeit. Josef Reichholf, Zoologe, Bestsellerautor und passionierter Vogelbeobachter, weiß, dass es auch Arten gibt, bei denen sich Männchen und Weibchen für die Wintermonate trennen: Amseln und Finken etwa. „Weibchen und junge Männchen ziehen in ein Winterquartier im milderen Süden oder Südwesten, während viele oder die meisten alten Männchen hierbleiben“. Gimpel und Zeisig, die sich zwar in diesem Jahr so rar machen, sonst aber regelmäßig in Wintergärten anzutreffen waren, seien oft Zugvögel: „Sie stammen aus nördlicheren und östlicheren Brutgebieten oder aus Bergwäldern.“ Für Reichholf ist die Sache schon lange klar: „Die Landwirtschaft ist der direkte oder indirekte Verursacher der Rückgänge von drei Vierteln unserer Vogelarten“, schriebt er 2016 in „Ornis. Das Leben der Vögrl“.

Die Landwirte vor Ort stemmen sich indes selbst gegen die Entwicklung. Die Selmer Landwirte hatten 2018 6,5 Kilometer Blühstreifen angepflanzt: ein Beitrag zu mehr Artenvielfalt, so Friedhelm May, Vorsitzender des landwirtschaftlichen Ortsvereins Selm. Die Blumen seien Nahrung für Insekten, die dann wiederum bei Rotkehlchen, Zaunkönig und anderen Vögeln auf dem Speiseplan stehen: Arten, die sich kaum noch in Uwe Norras Garten haben blicken lassen.

Wer an der Vogelzählung am 5. und 6. Januar teilnehmen möchte, findet eine Meldeformular für seine Beobachtungen auf der Internetseite des Nabu
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