Flüchtlingsrat warnt vor sozialem Brennpunkt in Selm

Container-Stadt

Der Flüchtlingsrat im Kreis Unna hat die Pläne der Stadt Selm kritisiert, eine neue Unterbringung für Flüchtlinge mit Containern und Catering aufzubauen. In einem Schreiben bittet die Organisation die Verantwortlichen, die Pläne zu überdenken. Es wird die Bildung eines "Brennpunkts" befürchtet.

SELM

von Jessica Hauck, Louisa Schocke

, 17.01.2017, 19:08 Uhr / Lesedauer: 2 min
Wo früher die Disco Easy Danceclub stand, will die Stadt ein Containerdorf für 200 bis 300 Flüchtlinge bauen. Daran gibt es nun erneut Kritik.

Wo früher die Disco Easy Danceclub stand, will die Stadt ein Containerdorf für 200 bis 300 Flüchtlinge bauen. Daran gibt es nun erneut Kritik.

Der Flüchtlingsrat warnt, die Stadt Selm nehme den Flüchtlingen die Integrationsmöglichkeiten und „schafft sich selbst einen sozialen Brennpunkt außerordentlichen Ausmaßes“. Selms Bürgermeister Mario Löhr vertritt eine andere Position.

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Im Dezember hatte es ein Treffen der ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer mit dem Flüchtlingsrat gegeben. Dort kamen auch die Pläne der Stadt Selm zur Sprache, im Gewerbegebiet an der Industriestraße eine Container-Unterkunft für 200 bis 300 Flüchtlinge mit Catering und Betreuung aufzubauen. Danach hat sich der Flüchtlingsrat als „Sprachrohr für die Ehrenamtlichen“ an die Stadt Selm gewandt, sagte auf unsere Anfrage Hans-Ulrich Bangert, Sprecher des Flüchtlingsrats.

Unterbringung sei "unangemessen"

Dabei wählt der Flüchtlingsrat deutliche Worte. Die dauerhafte Unterbringung von Menschen in Containern an einem zentralen Ort ohne die Möglichkeit sich selbst zu versorgen und zu kochen sei „unangemessen“, kritisiert die Organisation. „Große Einrichtungen wie diese können nur eine kurzfristige Lösung sein“, sagt Bangert. Zudem könne es in der beengten Unterkunft viele Konflikte geben, die auch mit Sicherheitspersonal nicht zu verhindern seien.

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Solche großen Unterkünfte würden häufig mit Verweis auf leere Kassen begründet, heißt es beim Flüchtlingsrat. Doch die Erfahrung mit Geflüchteten der 90er-Jahre zeige, „dass es wesentlich teurer ist, große unflexible und dann noch mit einem Zaun versehene Wohneinheiten zu installieren“, heißt es in dem Schreiben an Bürgermeister Mario Löhr. Es sei teurer, die Folgen wie Gewalt und nicht stattfindende Integration zu finanzieren als eine dezentrale Unterbringung.

Bürgermeister Löhr überrascht

„Mit großer Verwunderung“ hat Bürgermeister Mario Löhr auf das Schreiben des Flüchtlingsrates des Kreises Unna reagiert. Er wirft der Organisation vor, „dass der Flüchtlingsrat sich nicht ansatzweise mit unserer neuen Einrichtung auseinandergesetzt hat.“ Ein persönliches Gespräch habe es noch nicht gegeben. Es könne zwar andere Meinungen zur Unterbringung einer großen Zahl von Flüchtlingen geben, so Löhr. „Es scheint mir aber eher so, dass hier politische Stimmung gemacht werden soll, statt sich für die Sache zu engagieren“.

Ein Vorwurf, den der Sprecher des Flüchtlingsrates so nicht sieht. Der Flüchtlingsrat habe einen guten Einblick in die Flüchtlingsunterbringung im Kreis Unna. Vier- bis sechsmal im Jahr treffen sich die 14 Vereine und Initiativen ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer aus dem Kreis Unna im Jahr. Keine andere Kommune im Kreis verfolge ein solches Konzept wie Selm, so Hans-Ulrich Bangert.

So versucht etwa die Nachbarstadt Lünen Container zu vermeiden, sagt Sozialdezernent Ludger Trepper auf Anfrage. Dort sind aktuell etwa 300 Flüchtlinge in von ihnen selbst gemieteten Wohnungen untergebracht, 200 in von der Stadt gemieteten Wohnungen und weitere 500 in Unterkünften wie Kitas, Grundschulen und alten Mietwohnungsbauten. Sie sollen so schnell wie möglich in Wohnungen umziehen.

Blickt in Nachbarstädte

Auch die Stadt Werne sei immer auf der Suche nach Unterbringungsmöglichkeiten für Geflüchtete, sagt Kordula Mertens von der Stadt Werne. 524 Flüchtlinge sind dort aktuell untergebracht, 80 neue kämen hinzu. Neben gemieteten und gekauften Häusern hat die Stadt Werne sie auch in einem Wohnkomplex in Containerbauweise mit Küchen untergebracht, in dem die Flüchtlinge selbstständig leben.

Für Selm gehe es mit dem neuen Übergangsheim darum, eine Lücke zu schließen, sagt Bürgermeister Mario Löhr. Wohnraum für bis zu 300 neue Flüchtlinge sei nämlich nicht vorhanden. „Hier geht es auch um die Abwendung von Obdachlosigkeit“, so Löhr. Bereits etwa 300 Menschen seien in Wohnungen und Unterkünften dezentral untergebracht. Man werde vor Bezug des Übergangsheims die Unterbringung noch einmal der Öffentlichkeit vorstellen. Auch den Flüchtlingsrat lädt Löhr dazu ein – genauso wie zu einem Dialog mit der Stadtverwaltung. An einem Austausch sei auch der Flüchtlingsrat interessiert, sagt Hans-Ulrich Bangert. Der Flüchtlingsrat hoffe, dass das Konzept noch überarbeitet wird.  

14 Helfer-Vereine
Der Flüchtlingsrat im Kreis Unna ist 1991 gegründet worden. Er will auf das Schicksal der in Deutschland Zuflucht Suchenden und auf die Situation in den Heimatländern aufmerksam machen.
Der Flüchtlingsrat trifft sich zu vier bis sechs Sitzungen im Jahr, entweder in Unna oder in einer der kreisangehörigen Städte.
Vier Selmer Initiativen gehören zum Flüchtlingsrat Unna: die Asylkreise Selm und Bork, Hand in Hand Cappenberg und die Schicksalshelfer Selm. 14 Initiativen gehören kreisweit dazu.

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