Frei erfunden: Selmer Gruppe verbreitet Fake-News

Bei Facebook

Wer hat der Oma ins Gesicht geboxt? Diese Frage beschäftigt die Polizei nicht. Denn diesen Vorfall, über den sich Mitte der Woche die Facebook-Gruppe „Was in Selm passiert“ empörte, hat es nie gegeben. In der Gruppe werden laut Polizei oft erfundene Nachrichten verbreitet - wir haben mit dem Administratoren gesprochen.

SELM

, 20.05.2017, 06:05 Uhr / Lesedauer: 3 min
Frei erfunden: Selmer Gruppe verbreitet Fake-News

Nicht nur politisch brisante Themen werden in der Gruppe gepostet.

Die Frage, der die Polizei tatsächlich nachgeht, lautet: Wer hat den Angriff auf die Oma erfunden? Ihn erwartet eine Anklage. Der Gründer und Administrator der der Gruppe "Was in Selm passiert", Achim Sagurny, weiß es auch nicht. Er hat aber einen Verdacht.

6201 Mitglieder hat die geschlossene Gruppe: rund 3000 mehr als „Du bist Olfener, wenn …“ und etwa 1000 weniger als „Was in Werne passiert“. Nicht nur die Nachbarn, sondern jede Stadt im Kreis hat inzwischen vergleichbare Facebookgruppen. „Bei keiner anderen werden aber so viele frei erfundene Straftaten gepostet“, sagt Vera Howanietz“, Sprecherin der Kreispolizeibehörde.

"Wieder alles frei erfunden"

Eine Zahl kann sich nicht nennen. Sie und ihre Kollegen führten keine Strichlisten und durchsuchten die Posts auch nicht. „Aber bei uns melden sich regelmäßig Bürger aus Selm und fragen nach.“ Dabei stelle sich dann regelmäßig heraus, „dass wieder alles frei erfunden war“: der Mann, der Kindern nachstellt, die Oma, die geschlagen wurde „und so mancher andere Vorfall“.

Weil er den Eindruck hatte, dass die Polizei zu wenig Straftaten in Selm öffentlich mache, hatte Achim Sagurny 2012 die Gruppe gegründet. „Man hat das Gefühl, dass Straftaten bewusst nicht veröffentlicht werden, um die Bevölkerung in Sicherheit zu wiegen. Viele sind darüber erbost“, hatte er damals gesagt: ein Vorwurf, den die Polizei übrigens nicht auf sich sitzen ließ. „Wir veröffentlichen alles, was eine gewisse Bagatellgrenze übersteigt, allein schon, weil wir uns davon einen Fahndungserfolg versprechen“, so Howanietz.

Dass jetzt, fünf Jahre nach Gründung der Gruppe, jemand Interesse daran haben könnte, ein Klima der Unsicherheit zu erzeugen und daher Straftaten erfindet, sieht Sagurny nicht so. Dass es sich tatsächlich um eine größere Menge von sogenannten Fake-News (vorgetäuschte Nachrichten) handelt, wie die Polizei behauptet, auch nicht.

"Wir greifen unbequeme Themen an"

„Ich habe den fraglichen Eintrag gesucht“, sagt Sagurny mit Verweis auf die vermeintliche Attacke auf die Seniorin. Gefunden habe er nichts. „Den hatte jemand bereits gelöscht.“ Vielleicht habe es sich um einen Wichtigtuer gehandelt, meint der Bergmann im Vorruhestand. Vielleicht aber auch „um jemanden, der unserer Gruppe schaden will“.

Manchem in Politik und Verwaltung sei die Gruppe ein Dorn im Auge. „Wir greifen unbequeme Themen auf.“ Probleme bei Straßenbauprojekte etwa oder Untersuchungen des Bunds der Steuerzahler, die Sagurny selbst initiiert hat.  

"Das ist Meinungsfreiheit"

Als inzwischen einziger Administrator der Gruppe – Rolf Ohligschläger habe diese Funktion vor rund zwei Wochen niedergelegt – sieht Sagurny seine Aufgabe darin, Kontrollfunktionen auszuführen: nachsehen, wer sich anmeldet, gegebenenfalls falsche Identitäten– sogenannte Fake-Profile – abweisen und: Einträge unter der Gürtellinie löschen. Frech und deutlich dürften die Posts aber schon sein. Dass sich viele Beiträge etwa zum Hungerstreik in der Flüchtlingsunterkunft unsachlich, tendenziös und rechtspopulistisch-dumpf lesen, findet das einstige SPD-Mitglied nicht schlimm. „Das ist Meinungsfreiheit.“

Ein schmaler Grad: Meinungsfreiheit höre da auf, wo Verleumdung beginnt, sagt die Polizei. Sie hat im Fall des erfundenen Oma-Überfalls strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet. In anderen Fällen will sie das auch tun: „Jeder kann sich an uns wenden, wenn er über Anfeindungen und vorgebliche Straftaten im Netz stolpert“, so Howanietz.

 

Redakteurin Sylvia vom Hofe kommentiert:

"Ob das für die politische Mitbestimmung ein Gewinn ist?"  

Jeder kann mitreden, jederzeit. Ob echte oder frei erfundene Nachricht, harmlose Nachfrage, politisches Statement oder radikale Hetze – alles steht auf Facebook gleichberechtigt und ungefiltert neben den Fotos entlaufender Katzen. Achim Nagurny, der Gründer von „Was in Selm passiert“ hat Recht: Seitdem die Gruppe existiert, ist mehr Information frei zugänglich – leider aber auch mehr Desinformation. Wenn viele sich viel äußern, muss das Ergebnis eben nicht nur Schwarmintelligenz heißen – manchmal wird auch das Gegenteil daraus.

Ob das für die politische Mitbestimmung ein Gewinn ist? Ich habe da meine Zweifel. Denn auf Facebook bekommen weltweit stets diejenigen den größten Applaus, die am meisten polemisieren: gerne auch auf Kosten von Minderheiten. Damit lässt sich gewinnen – Donald Trump lässt grüßen.

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