Frühling zur Corona-Krise: So ticken die Bäume im Cappenberger Wald

rnSpaziergang mit Fotos

Einige verharren geduldig, andere preschen vor und manche verrechnen sich auch: Wie Bäume auf den Frühling reagieren, zeigt ein Waldspaziergang, bei dem Sie das Haus nicht verlassen müssen.

Selm

, 03.04.2020, 19:52 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Uhren sind seit dem Wochenende vorgestellt. Jetzt bleibt es länger hell: der Frühling ist da - ungewöhnlich sonnig, aber auch ungewöhnlich kühl. Manch einen Baum hat der Nachtfrost kalt erwischt. Andere lassen sich davon nicht beeindrucken, wie ein Spaziergang zum Cappenberger Wald zeigt - zu Bäumen wie Du und ich.

Die Wälder bei Cappenberg sind ein besonderes Naturschutzgebiet: mit 673 Hektar eines der größten zusammenhängenden Laubwaldgebiete des Münsterlandes. Es verteilt sich über die Stadtgebiete von Selm, Werne und Lünen.

Wir wollen den Wald an der Varnhöveler Straße betreten: direkt auf der Grenze zwischen Selm und Werne, Cappenberg und Langern. Und schon der Weg dorthin zeigt, wie groß die Vorfreude der Bäume auf den Frühling ist. Bäume, die sich freuen?

Bäume sprechen miteinander auf Duftbasis

Spätestens seit Peter Wohlleben seinen Bestseller „Der Wald“ veröffentlicht hat, ist bekannt, dass die holzigen Pflanzen sensibler sind als man denkt. Sie messen Temperatur und Tageslänge, und je nach Temperament gedulden sie sich oder preschen vor. Und sie tauschen sich aus und informieren sich über mögliche Gefahren via Duftbotschaften: ein Medium, das laut Wohlleben, nicht schlechter sei als unsere gesprochene und über Schallwellen verbreitete Sprache. Offenbar ziehen unterschiedliche Bäume aber auch ganz unterschiedliche Schlussfolgerungen aus den Informationen.

Schwarzdorn blüht zurzeit üppig und duftet gut.

Schwarzdorn blüht zurzeit üppig und duftet gut. © Sylvia vom Hofe

Die Duftbotschaft, die auch Spaziergänger wahrnehmen, riecht mild wie nach Mandeln: Entlang der Straße Am Sunderbach, die hoch zum Wald führt, aber auch an den Waldsäumen duftet es aber nicht nur: Es leuchtet weiß. Und es summt - vor lauter Insekten. Früher als gewohnt blüht der Schwarzdorn oder auch Schlehendorn.

Der Unterschied zwischen Weißdorn und Schwarzdorn

Sein Duft hilft, den Schwarzdorn von seinem Verwandten, dem Weißdorn, zu unterscheiden. Dessen Blüten öffnen sich erst später und duften gar nicht. Sie bilden später rote, mehlige Beeren. Die Früchte des Schwarzdorns sind dagegen blau: die bitteren Schlehen. Woher der Schwarzdorn seinen Namen hat, wenn er doch genauso weiß blüht wie sein Verwandter? Von dem Holz. Der Stamm ist fast schwarz.

Birnbaum spielt auf volles Risiko

Ebenfalls in voller Blüte steht bereits ein mächtiger Birnbaum nahe des Weges, der mehr als zehn Meter hoch ist und weit und breit seinesgleichen sucht. Obwohl er schon ein Senior ist, trägt er früher als andere Bäume ein üppiges, leuchtend weißes Blütenkleid – und spielt auf volles Risiko.

Der mehr als zehn Meter hohe alte Birnbaum spielt mit seiner frühen Blüte auf volles Risiko.

Der mehr als zehn Meter hohe alte Birnbaum spielt auf volles Risiko. © Sylvia vom Hofe

Denn wenn die Temperaturen unter den Gefrierpunkt fallen – und das war zuletzt der Fall – können die Blüten oder die Fruchtansätze abfrieren. Fällt die Birnen-Ernte also besonders üppig aus oder fällt sie gar ganz aus, weil sich der knorrige alte Baum von dem ausgefallenen Winter und den milden Februar-Temperaturen verführen ließ, früher als sonst zu blühen? Noch ist das offen. Aber so ein alter Birnen-Riese wird schon wissen, was er tut.

Warum erst die Blüten und dann die Blätter?

Ob der alte Birnbaum oder die verstreut im Cappenberger Wald anzutreffenden Kirschbäume, die einst wegen ihres besonderen Holzes dort angepflanzt worden waren: Sie blühen erst und treiben dann Blätter aus. Warum nur diese Reihenfolge?

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Während laut Berthold Brecht bei Menschen erst das Fressen kommt, und dann die Moral, ist es bei Bäumen offenbar anders: Erst kommt die Vermehrung und dann das Fressen. Wenn der gerade noch nackte Baum Blüten trägt, kommen die Insekten, bringen fremde Pollen mit und befruchten ihn, die Voraussetzung, dass sich Samen bilden. Umgekehrt tragen Biene, Hummel und Co. den Pollen des Baumes zum nächsten Baum: gehölzige Familienplanung

Der Blick auf die nächste Generation ist den Bäumen offenbar wichtiger als die Ernährung des einzelnen Individuums. Denn die erfolgt über die Fotosynthese. Dafür braucht es aber die grünen Blätter.

Der Holunder hat schon beides: Blüten und Blätter.

Der Holunder hat schon beides: Blüten und Blätter. © Sylvia vom Hofe

Beim Holunder ist schon beides zu finden: Blüten - auch wenn sie noch nicht süß duften und sich kopfüber in die Mai-Bowle stürzen möchten - und grüne Blätter. Der ausladende Busch, der den Waldrand säumt, gehört zur Familie der Moschuskrautgewächse: eine Sippe, die für ihren Duft bekannt ist. Vielleicht ein gutes Zeichen: Einst galt der in diesem Corona-Frühling so üppig sprießende Holunder oder auch Hollerstrauch als Wohnsitz der germanischen Schutzgöttin Holda, die bösen Zauber abwehrte und schützte.

Neben dem abgestorbenen Laub der Rotbuchen tut sich was: die Hainbuchen sprießen.

Neben dem abgestorbenen Laub der Rotbuchen tut sich was: die Hainbuchen sprießen. © Sylvia vom Hofe

Dem ganzen weißen und grünen Treiben blickt das Gros der Bäume im Cappenberger Wald abwartend zu. Denn Buchen lassen sich nicht hetzen oder locken, zumindest echte Buchen: Rotbuchen.

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Das sind die hohen Bäume, die noch immer so aussehen als sei Dezember: voller abgestorbenem Laub. Das fällt erst ab, wenn frisches Grün austreibt. Dafür braucht es nicht Wärme, sondern Helligkeit - mindestens 13 Stunden.

Hainbuchen sind gar keine richtigen Buchen

Andere Buchen sind da nicht so kleinlich. Sie sprießen jetzt schon und färben den braunen Cappenberger Wald zunehmend grün. Dabei handelt es sich aber nicht um echte Buchen, sondern um Hainbuchen. Und die stammen aus der Familie der Birken.

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