Gefährliche Krankheit tötet Bäume und bedroht Menschen: Stadt sperrt Spielplatz

rnRußrindenkrankheit

Schon wieder ist ein Selmer Spielplatz gesperrt. Aber nicht, weil er marode wäre. Der Ahorn neben der Schaukel hat die Rußrindenkrankheit: tödlich für den Baum und gefährlich für Menschen.

Selm

, 17.05.2019, 21:54 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dieser Baum ist krank. Das sehen sogar Laien. Während die übrigen Bäume kräftig grünes Laub haben, sind seine Blätter hell und spärlich. Die Krone ist lückenhaft, und die Rinde spröde. Schleimige, feuchte Flächen zeichnen sich auf dem hellgrauen Untergrund ab. An mehreren Stellen ist die Rinde aufgeplatzt und gibt den Blick auf dunkel bis schwarz verfärbtes Holz frei.

Experten erkennen die Symptome sofort: die aus Nordamerika eingeschleppte und 2005 erstmals in Deutschland nachgewiesene Rußrindenkrankheit. Ein Pilz verursacht sie: Cryptostroma corticale - spätestens seit diesem Frühjahr hat sich ein weniger wissenschaftlicher Name durchgesetzt: „Killer-Pilz“. Seine Sporen setzen nicht nur Bäumen zu.

Husten, Fieber und Schüttelfrost

Wenn Menschen die Sporen einatmen, kann das eine allergisch bedingte Entzün-dung der Lungenbläschen auslösen, wie Malte Woesmann von der Stadtverwaltung mitteilt. Symptome sind Reizhusten, Fieber und Schüttelfrost. Das tritt zumeist sechs bis acht Stunden nach dem Kontakt auf. Allerdings klinge es zumeist nach einigen Stunden wieder ab, „in Einzelfällen aber erst nach Tagen oder Wochen“.

Das ist nicht von Pappe: In Nordamerika ist diese allergisch bedingte Entzündung der Lungenbläschen als Berufskrankheit von Arbeitern in Sägewerken bekannt, wie auf der von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf betriebenen Diagnosedatenbank für Gehölze (Arbofux) nachzulesen ist.

Die Symptome klingen zumeist nach einigen Stunden wieder ab, in Einzelfällen aber erst nach Tagen oder Wochen.“
Malte Woesmann, Stadtsprecher

Rußrindenkrankheit: Anfang des Jahres kannte diese Krankheit kaum jemand, inzwischen häufen sich bundesweit die Fälle. Der Bergahorn hinter dem Ludgerihaus am Selmer Ludgerikirchplatz ist der erste Fall in Selm. Baudezernent Stephan Schwager hat am Donnerstag das Gelände neben dem Fußweg entlang der sogenannten Gräfte weiträumig absperren lassen und die Fällung des Baums organisiert: eine Fällung, wie sie in Selm noch nicht vorgekommen sein dürfte.

Männer in Schutzanzügen und Atemmasken werden am Dienstag zur Säge greifen. Beim Fällen und Zerteilen des Baumes setzen sie sich schließlich in besonderer Weise der Gefahr aus, sich zu infizieren. Die Stadtwerke haben laut Schwager eine Fachfirma engagiert, die für solche Fälle ausgerüstet ist. Was anschließend mit dem gefällten Baum passieren wird, sei noch offen. Was nicht damit passieren darf, hat die Landesbehörde Wald und Forst NRW bereits festgelegt.

Als Brennholz nicht mehr zu vermarkten

Als Brennholz taugen erkrankte Bäume nicht mehr. Ein Abtransport darf laut Wald und Forst nicht in einem Offenen Anhänger erfolgen: „Nur überdeckt“, heißt es in der Waldschutz-Infomeldung der Behörde vom 15. April 2019. Das Ziel: eine Müllverbrennungsanlage.

„Ich mache mir Sorgen“, sagt Elmar Berks. Der Revierförster der gräflichen Verwaltung von Kanitz befürchtet, im Cappenberger Wald, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet der Region, auch schon mögliche Patienten ausgemacht zu haben. „Wir haben hier viel Ahorn“: nicht nur angepflanzt, sondern vor allem natürlich vermehrt. Eine Krankheit, die besonders dieser Art schade, belaste den gesamten Wald. Vor allem, weil er noch zahlreichen weiteren Belastungen ausgesetzt ist.

„Der schlechteste Waldzustand seit 1984“

Erst das verheerende Orkantief Friederike, das im Januar 2018 wütete, dann die extreme Trockenheit im Sommer und die Massenvermehrung der Borkenkäfer und jetzt auch noch die Rußrindenkrankheit: Es kommt gerade ziemlich dicke für die Forstwirtschaft. Die Landesbehörde Wald und Holz spricht mit Blick auf 2018 vom „schlechtesten Waldzustand seit Beginn der Untersuchungen 1984“. Und 2019 würde sich nicht anschicken, besser zu werden.

„Die Trockenheit ist nach wie vor das Grundübel.“
Elmar Berks, Förster

„Die Trockenheit ist nach wie vor das Grundübel“, bestätigt Förster Berks. Sie bedeute Stress für Bäume und mache sie anfällig. Der Cappenberger Wald gelte zwar als extrem nasser Standort, aber in die feuchten Bereiche könnten bis auf Eichen kaum Bäume vordringen - weil dazwischen eine recht feste Schicht sei. „Die Buchen leiden sehr“, so Berks. Das Eschensterben - ebenfalls ausgelöst durch einen Pilz - sei weit fortgeschritten, „und zurzeit lasse ich die letzten Fichten aus dem Wald holen“: auch Baumpatienten, für die es keine Rettung gab.

Gefährliche Krankheit tötet Bäume und bedroht Menschen: Stadt sperrt Spielplatz

So sieht die Rinde eines kranken Baumes - in diesem Fall in Hessen - aus. © picture alliance/dpa

Ob es bei nur einem tödlich erkrankten Ahorn auf dem Spielplatz hinter dem Ludgerihaus bleibt? Die Bäume links und rechts von ihm zeigen laut Stadtverwaltung keine Symptome - noch nicht. Bekannt ist aber, dass die Rußrindenkrankheit schnell um sich greift. Seit März häufen sich bundesweit die Fälle.

Die Stadt Selm stand zuletzt immer wieder in der Kritik, weil sie Spielplätze sperren ließ, anstatt sofort defekte Spielgeräte zu erneuern. Beigeordnete Sylvia Engemann verweist darauf, dass die Stadtwerke mehrere Spielplätze nach und nach saniere und wieder öffne. Es sei denn, giftige Pilze machen einen Strich durch die Rechnung.

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