Gemeinwohl statt Ausbeute: Unternehmer Schürings aus Bork will Kehrtwende in der Ökonomie

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Klimawandel, Ausbeutung, Ungleichheit: Ist die Welt noch zu retten? Wolfgang Schürings meint: Ja. Vorausgesetzt, die Wirtschaft ändert sich. Der Borker Unternehmer zeigt, wie das gehen kann.

Bork

, 03.03.2020, 17:59 Uhr / Lesedauer: 2 min

Schon ein erster Blick auf die Homepage von „Raum und Luft“ zeigt: Das 1996 gegründete Unternehmen des Borkers Wolfgang Schürings ist anders als andere. Unter der Bezeichnung des Unternehmenszwecks - „Qualitätssicherung am Bau“ - steht der Zusatz, der weit und breit Seltenheitswert hat: „Ein Unternehmen der Post (Nach-) Wachstumsgesellschaft“.

„Immer mehr, mehr, mehr ...“ Wolfgang Schürings sitzt am Tisch seines Wohnhauses in Bork und schüttelt den Kopf. „Gewinn-ma-xi-mierung.“ Er betont jede Silbe. Nur wenn die Wirtschaft wächst, läuft sie aktuell gut. Stagnation bedeute schon Krise. „Dabei brauchen wir nicht mehr.“

Im Gegenteil: Mehr Wachstum bedeute noch mehr Umweltzerstörung, Artensterben, Klimakatastrophe. „Wir haben längst genug und brauchen jetzt weniger.“ Weniger große Ansprüche bei jedem einzelnen, weniger Ressourcenverbrauch.

Werte schaffen, die nichts mit Geld zu tun haben

Wer mit dem 57-jährigen Borker ins Gespräch kommt über die Grenzen des Wachstums, sieht sich schnell in der Rolle des Zuhörers. Schürings kommt in Fahrt. Er spricht regelmäßig über eine neue Form des Wirtschaftens - das nächste Mal am 4. März als Moderator der Konferenz „Werte schaffen“ im Dortmunder Rathaus.

Der Sachverständige für kontrollierte Wohnungs- und Kellerlüftung, der neben seinem Planungsbüro einen Fachhandel für Lüftungstechnik und Sanierung betreibt, zitiert auswendig die Vordenker der Bewegung: Niko Paech, den Siegener Ökonomie-Professor, der als Begründer der Postwachstumsökonomie gilt. Und Christian Felber, den Wiener Hochschullehrer, der die Gemeinwohl-Ökonomie geprägt hat.

Keine Träumerei, sondern Antwort auf Klimakatastrophe

Alles Träumer? Schürings schüttelt den Kopf. Dass ein „Weiter-so“ nicht funktioniere angesichts der Klimakatastrophe, müsse inzwischen jedem klar sein. Die soziale Marktwirtschaft habe es nie geschafft, sich ausreichend vom Kapitalismus zu emanzipieren. Neue Modelle seien nötig: solche, die nachhaltig, kooperativ und umfassend ethisch seien. Und die den Menschen und die Umwelt in den Mittelpunkt stellen.

„Konkurrenz“ sagt der Schürings, „ist ein Prinzip, das sich überholt hat“. Er setzt stattdessen auf Kooperation. Auf das Ziel, „ein gutes Leben“ zu führen, statt Geld aufzuhäufen. Auf private Initiativen statt auf institutionalisiertes Handeln. So weit die Theorie. Und die Praxis?

Mehr als 2000 Unternehmen sind schon dabei

Davon werden er und andere am 4. März erzählen - und immer wieder, wenn sie gefragt werden. Denn die 2010 entstandene Gemeinwohl-Ökonomie (GWÖ) existiere nicht nur auf dem Papier. „Mehr als 2000 Unternehmen unterstützen das inzwischen“ - neben seinem eigenen Unternehmen „Raum und Luft“ etwa auch eine Hagener Vollkornbäckerei oder der Outdoor-Spezialist Vaude.

Dort mitzumachen, bedeutet aber mehr, als nur einen Vermerk auf der Homepage zu machen: ein Umdenken, das alle Bereiche in den Blick nimmt und dessen Erfolg sich messen lässt - mit der Gemeinwohlbilanz. Sie misst Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit und Transparenz in Bezug auf die Lieferkette, die Eigentümerstruktur, die Mitarbeiter, Kunden und das gesellschaftliche Umfeld. Am Ende steht eine Zahl, die Vergleichbarkeit mit anderen ermöglicht.

Schürings und seine Mitstreiter aus der GWÖ-Regionalfeld Dortmund und den anderen Gruppen, die es inzwischen in 30 Ländern gibt, wollen mehr: „Dass bei öffentlichen Ausschreibungen nicht nur der Günstigste den Zuschlag bekommt, sondern auch die Gemeinwohl-Bilanz Berücksichtigung finden.“ Und dass es steuerliche Anreize gibt für Unternehmen.

Ganz unabhängig davon wirkt die Ausrichtung nach dem Gemeinwohl aber auch schon jetzt zu Gunsten des Klimas, wie Schürings sagt - und das gleich doppelt: durch einen Beitrag zum Klimaschutz und durch ein besseres Betriebsklima.

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