Gesamtschuldiskussion: Frühzeitiger Wahlkampf

rnKolumne Klare Kante

Die Diskussion um eine Gesamtschule für Selm kommt überraschend. Der SPD-Bürgermeisterkandidat Thomas Orlowski hat sie angestoßen. Aber eine solche Diskussion ist jetzt nicht sinnvoll.

Selm

, 10.06.2019 / Lesedauer: 3 min

Fast auf den Tag genau vor sechs Jahren - konkret: am 6. Juni 2013 - hat der Rat der Stadt Selm beschlossen, eine Sekundarschule zu gründen. Bei zwei Gegenstimmen aus der UWG-Fraktion stellten die Politiker mehrheitlich die Weichen für die Schule des längeren gemeinsamen Lernens. Und jetzt erklärt der Bürgermeisterkandidat der SPD, Thomas Orlowski, alles zu tun, dass Selm eine Gesamtschule bekommt. Und bringt damit jede Menge Unruhe in die Öffentlichkeit.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Eine Gesamtschule ist schon eine gute Sache, die viele Vorteile für Schüler und Eltern hat. Nicht umsonst sind die Gesamtschulen in Olfen und Nordkirchen stark nachgefragt. Aber braucht Selm eine Gesamtschule überhaupt?

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Egal wie, es herrschte Klarheit

Gerade mal vier Jahre ist die Selma-Lagerlöf-Sekundarschule jetzt am Start. Sie hat die Anmeldezahlen halten können. Sie ist dabei, konkrete Kooperationen mit dem Gymnasium einzugehen. Das war übrigens im Vorfeld des Ratsbeschluss zwingende Bedingung, um Sekundarschülern den Übergang in die gymnasiale Oberstufe zu erleichtern. Das alles ist nach einer intensiven Diskussion auf den Weg gebracht worden. Okay: Die Eltern sind damals zu einem Zeitpunkt nach ihrer Meinung befragt worden, als die Weichen schon Richtung Gründung einer Sekundarschule gestellt worden waren. Das ändert aber nichts daran, dass alle Beteiligten – vor allem die Eltern - danach Klarheit über die künftige Schullandschaft hatten, egal, wie sie zur Sekundarschule stehen.

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Wichtige Fragen nicht beantwortet

Und nun der Vorstoß Orlowskis, ohne Fakten zu nennen. Hätte Selm genügend Schüler für ein Gymnasium und eine Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe? Wie sind die räumlichen Gegebenheiten? Würde das Gymnasium in den Leistungskursen, wie von Orlowski vorgeschlagen, mit der Gesamtschule kooperieren? Die Antworten fehlen. Sie sind wichtig, wenn es darum geht, konkret in die Entscheidungsfindung einzutreten.

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Ein weiterer wichtiger Punkt: der Zeitpunkt des Vorstoßes. Es hat noch kein Selma-Lagerlöf-Sekundarschüler die Kooperation mit dem Gymnasium nutzen können, um in die gymnasiale Oberstufe eintreten zu können. Die Sekundarschule ist dabei, sich zu entwickeln. Bisher ist nichts über Bereiche bekannt, wo es so mächtig hakt, dass die Schulform Sekundarschule in Frage gestellt werden muss.

Gäbe es einen regionalen Konsens?

Genauso fehlt die Antwort auf die Frage, ob die umliegenden Kommunen, die Gesamtschulen haben, ihre Zustimmung zur Gründung einer Selmer Gesamtschule geben würden. Beigeordnete Sylvia Engemann hat in dieser Woche mit Blick auf 2013 gesagt: „Wir konnten die damals erforderlichen Prognosezahlen für eine Gesamtschule nicht darstellen. Außerdem war die Herstellung des regionalen Konsenses, das heißt die Abstimmung mit den umliegenden Schulträgern, teilweise schwierig.“ Und dabei ging es nicht mal um „echte“ Konkurrenz durch eine mögliche Selmer Gesamtschule.

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Im aktuellen Selmerr Rat sitzen noch 17 Ratsmitglieder, die schon 2013 im Rat saßen. Thomas Orlowskii war noch nicht im Rat. Von den damals 33 Ratsvertretern stimmten 24, die während der Sitzung anwesend waren, für eine Sekundarschule. Zwei waren dagegen. Ob die, die damals für eine Sekundarschule stimmten, jetzt auf Gesamtschule umschwenken würden, ist ungewiss. Vieles, was wichtig für den Prozess der Gesamtschulgründung wäre, ist also unklar. Klingt irgendwie nach frühzeitigem Wahlkampf unter dem Druck, ein eigenes Profil als Bürgermeister entwickeln zu müssen.

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