Großes Interview: Neun Jahre Tafel in Selm

Heike Hoppe

Die Selmer Tafel feiert am Dienstag ihren neunten Geburtstag. Einmal in der Woche kommen Bedürftige vorbei, um sich mit Lebensmitteln einzudecken. Noch immer fällt es vielen Menschen schwer, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Warum das so ist, erklärt Gründungsmitglied Heike Hoppe im Interview.

SELM

, 18.09.2017, 17:35 Uhr / Lesedauer: 3 min
Großes Interview: Neun Jahre Tafel in Selm

Heike Hoppe feiert heute zusammen mit mehr als 40 anderen ehrenamtlichen den neunten Geburtstag der Selmer Tafel.

Mario Bartlewski sprach mit Gründungsmitglied Heike Hoppe über die Anfänge, Entwicklungen und Armut im Alter:

Frau Hoppe, an was denken Sie nach neun Jahren Tafel zurück? In meiner ganzen Zeit als Helferin habe ich viele traurige Geschichten von den Leuten gehört, die zu uns kommen. Vieles davon bedrückt einen auch manchmal. Ab und zu ist das dann schon hart. Aber am Ende des Tages wissen wir, das wir unseren Kunden das Leben erleichtern. Und das macht einen dann auch selbst glücklich. Und wenn dieses Gefühl nicht überwiegen würde, dann könnte man das auch nicht so lange machen.

Die Hilfe, die Sie und Ihre Kollegen bieten, bezieht sich aber nicht nur auf die Finanzen, sondern auch auf den sozialen Austausch, oder? Genau, die Leute kommen natürlich zunächst wegen der Lebensmittel zu uns. Aber über die Jahre hinweg entwickeln die Kunden auch eine persönliche Beziehung zueinander. Sie stehen vor der Ausgabe zusammen, unterhalten sich und genießen es, Zeit miteinander zu verbringen.

Sind es denn im Laufe der neun Jahre immer ähnliche Kundengruppen oder hat sich etwas verändert? Wir bemerken immer wieder Schwankungen. Oft sind es alleinerziehende Menschen, die die Tafel in Anspruch nehmen. Die können durch uns, wenn man es mal hochrechnet, etwa 30 Euro im Monat sparen. Davon können sie dann ihren Kindern etwas gönnen, zum Beispiel einen Besuch im Schwimmbad. Aber mittlerweile sind es sehr oft verwitwete Menschen, die freitags ihre Lebensmittel bei uns kaufen.

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Woran liegt das? Das hat sehr viel mit Altersarmut zu tun. Die bemerken wir deutlich bei uns. Das Problem ist häufig, dass die Kosten nach dem Tod des Lebenspartners gleich bleiben, plötzlich aber weniger Geld vorhanden ist. Da wird die Rente dann schon knapp. Außerdem vereinsamen ältere Menschen oft sonst. Bei uns haben sie eine Anlaufstelle.Trotzdem schämen sich viele Menschen noch immer dafür, bei der Tafel einzukaufen, oder? Der erste Schritt ist oft sehr, sehr schwierig. Man muss sich dabei selbst überwinden und sich eingestehen, dass man Hilfe benötigt. Das geht viel einfacher, wenn man schon jemanden kennt, der auch zur Tafel geht und einen dann mitnimmt.Wie viele Kunden gibt es momentan bei der Tafel? Wir kümmern uns mit knapp 40 Helfern um Leute aus 87 Haushalten. Also etwa 250 Kunden. Aber es kommen bei Weitem nicht alle zur Tafel, die berechtigt wären. Die Angst vor dem ersten Schritt bleibt einfach. Die Stadt hat uns mal die Zahl der Berechtigten mitgeteilt. Würden alle kommen, müssten wir etwas ändern. Aber so läuft es gut. Ein bis zwei starke Helfer könnten wir noch gebrauchen.Apropos Helfer. Wie feiern Sie zusammen mit den Helfern den neunten Tafel-Geburtstag? Wir feiern ganz entspannt im Gemeindehaus. Und es ist schön, wenn sich alle mal sehen. Der eine kommt sonst um 14-Tage-Rhythmus, der andere einmal die Woche. Da verpasst man sich oft. Und selbst wenn man sich sieht, hat man kaum Zeit, um sich auszutauschen. Und die gute Stimmung ist wichtig, damit alle weiterhin am Ball bleiben. Sonst wäre nicht so ein großer Teil des Teams seit der Gründung dabei. Und das soll auch beim runden Geburtstag noch so sein.Viele Helfer waren schon bei der Gründung dabei, aber wie sahen die Anfänge eigentlich aus? Wir hatten das Glück, das wir schon zu Beginn auf den Tafelverband Unna zurückgreifen konnten. Da gab es eine gute Struktur, sodass es mit den Spenden der Lebensmittel keine Probleme gab. Täglich holen Lastwagen – und tun es noch immer– die Lebensmittelspenden ab und fahren sie vor Ort zu den Tafeln der jeweiligen Städte. Zum Beispiel nach Werne, Lünen und Holzwickede.

Trotzdem hat man zur Gründung wahrscheinlich darauf gehofft, dass die Tafel eines Tages nicht mehr gebracht wird, oder? Natürlich, das wäre der optimale Fall gewesen. Aber dafür müsste das gesamte Sozialsystem umstrukturiert werden. Und das wird so schnell nicht passieren. Aber damit können wir leben, denn wir haben keine Ausgaben und können den Menschen trotzdem helfen. Dafür setzen wir uns gerne ein und das motiviert uns auch.#

Die Selmer Ausgabestelle
Die Selmer Tafel gibt die Waren im Evangelischen Gemeindezentrum am Markt, Willy-Brandt-Platz, aus.
Freitag ist die Ausgabestelle von 15 bis 16.15 Uhr geöffnet.
Wer sich anmelden möchte, muss eine Kopie des aktuellen Bescheides (Rente, Sozialamt, Jobcenter, Asylunterlagen) und einen Personalausweis mitbringen). 

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