Hat Google in Selm eine Straße erfunden? Die Geschichte der „Könzgem Straße“

rn„Trap Street“ in Selm

Die Könzgem Straße ist ein Wirtschaftsweg in Selm. Zumindest laut Google Maps. Tatsächlich aber gibt es diese Straße gar nicht. Sie ist vermutlich eine „Trap Street“ - also eine Falle.

Selm

, 02.08.2019, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wie heißt sie noch mal, diese kleine Straße - oder Buckelpiste -, die von der Kreisstraße aus auf die Parallelstraße Am Kreuzkamp führt? Ein Blick auf die Online-Landkarte Google Maps hat unserer Redaktion bei dieser Frage für einen Bericht über den Zustand des Wirtschaftsweges sehr geholfen. Zumindest scheinbar. Könzgem Straße ist der Weg dort ziemlich deutlich bezeichnet, wie wir es anfangs auch in unseren Bericht übernommen haben.

Schnell allerdings meldete sich daraufhin André Walter als aufmerksamer Leser der Ruhr Nachrichten. Die Könzgem Straße, so schrieb er der Redaktion per Mail, gebe es gar nicht. „Es handelt sich dabei ganz bestimmt um eine seichte Form der sogenannten Trap Street, einer Plagiatsfalle, der Ihre Autorin aufgesessen ist.“

Was genau ist die Falle an der Könzgem Straße

Trap Street? Plagiatsfalle? Was genau das ist, kann André Walter, der seit Jahren bei der freien Online-Weltkarte OpenStreetMap die Stadt Selm mit kartiert und für seine Heimat Brambauer sogar vor einigen Jahren selbst eine Landkarte entworfen hat, genau erklären.

Trap Streets - übersetzt heißt das Fallenstraßen - sind eigentlich schon so alt, wie das Urheberrecht bei Landkarten, sagt André Walter. Kartenhersteller erfinden seitdem solche Straßen und tragen sie in die von ihnen herausgegeben Karten ein. Als eine Art Kopierschutz oder Wasserzeichen: Tauchen sie in anderen Karten auf, ist klar, dass jemand abgeschrieben hat. Die Idee stammt aus einer Zeit, als das Kartieren von Landschaften noch mit deutlich mehr Aufwand verbunden war als heute.

Kartenmachen haben schon ganze Städte erfunden

„Es gab sogar schon ganze Städte, die so erfunden wurden“, sagt André Walter und nennt ein Beispiel aus dem Jahr 1925. Auf den Karten von Otto G. Lindberg und Ernest Alpers tauchte ein paar Hundert Kilometer von New York entfernt die Stadt Agloe auf. Sonst allerdings nirgendwo. Eine Falle. „Paper Town“ nennt man Orte wie diesen im Fachjargon auch - Städte, die nur auf dem Papier existieren.

Mit der Zeit entstanden im vermeintlichen Agloe sogar eine Fischerhütte mit dem Namen „Agloe Fishing Lodge“ und ein „Agloe General Store“. Vermutlich auf Grundlage der Karte mit der Falle hatten die Besitzer den Ort von der Fiktion damit ein Stückchen in die Wirklichkeit geholt.

Erfundene Stadt: Kartenhersteller tappt in die Falle

In die Falle, die Otto G. Lindberg und Ernest Alpers durch Agloe gelegt hatten, tappte aber auch schnell ein anderer Kartenhersteller und musste sich vor Gericht wegen eines Verstoßes gegen das Urheberrecht verantworten. Agloe ist seitdem in die Landkartengeschichte eingegangen und ein regelrechter Wallfahrtsort für Menschen, die sich für die Thematik interessieren. Es gibt sogar einen Roman von John Green, der in Agloe spielt. Im Deutschen heißt er „Margos Spuren“, der englische Originaltitel lautet allerdings „Paper Towns“.

Fällt die Könzgem Straße in Selm in diese Kategorie?

Könnte die „Könzgem Straße“ in Selm tatsächlich auch so eine Falle sein?

André Walter ist sich sicher, dass es so ist. „Beweisen kann ich es natürlich nicht“, sagt er zwar. Fakt sei aber, dass die Straße nur bei Google Maps diesen Namen trägt. Es gibt vor Ort kein Straßenschild und im offiziellen Straßenverzeichnis der Stadt Selm taucht die Könzgem Straße auch nicht auf, wie Stadtsprecher Malte Woesmann erklärt.

Zusätzlich auffällig: André Walter, der in der Nähe wohnt und für OpenStreetMap eben auch seine Heimat kartiert, hat beobachtet, dass die Straße bei Google Maps erst gar keinen Namen hatte, dann plötzlich als Könzgem Straße auftauchte, allerdings einen Rechtschreibfehler im Wort Straße hatte, und dann seit einem Jahr jetzt circa ohne Rechtschreibfehler in dem Online-Kartendienst zu finden ist.

Was sagt Google selbst zu Könzgem Straße?

Hat Google die Straße erfunden und damit möglichen Urheberrechtsverletzern eine Falle gestellt? Das Unternehmen bleibt eine Antwort auf diese Frage schuldig: Auf eine Anfrage der Redaktion hat es nicht reagiert.

Auch Google Maps stand aber schon häufiger im Verdacht, mit Trap Streets oder Paper Towns Fallen gelegt zu haben. So zum Beispiel bei der Stadt Argleton. Eine Stadt im Nordosten Englands, die einige Zeit bei Google Maps und Google Earth zu finden war. 2009 fiel auf, dass sie eigentlich gar nicht existiert, sondern einfach nur ein Stück grüne Landschaft ist. Google gab damals gegenüber der britischen Zeitung „The Guardian“ an, dass es die Daten von einer niederländischen Firma gekauft habe.

Trap Streets wie möglicherweise die Könzgem Straße eine ist, gibt es in Deutschland beispielsweise in Hamburg (Vorderey) oder Erpolzheim (Am Kirschgarten). In England ist die Most Lane eine fiktive Straße, in London soll es gleich Dutzende mehrere Beispiele geben. Urheber der fiktiven Straßen sind - sofern nachverfolgbar - unterschiedliche Kartendienste. Es handelt sich dabei meistens um Straßen, die in einer Sackgasse enden oder nur als Fußwege passierbar sind. Auch im Falle der Könzgem Straße sagt André Walter tue die falsche Bezeichnung für den kleinen Wirtschaftsweg „keinem weh“. Bemerkenswert ist sie allerdings trotzdem.

Lesen Sie jetzt