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In der Erich-Kästner Hauptschule in Bork geht bald für immer das Licht aus. „Die Schulform wurde durch die Eltern abgewählt“, lautet eine Begründung. Wie die Schule ihre letzten Tage erlebt.

Bork

, 23.05.2019 / Lesedauer: 5 min

Eine Aufbruchstimmung kurz vor Ende des Schuljahres ist eigentlich nichts allzu Besonderes an einer Schule. Vor allem nicht in den zehnten Klassen einer Hauptschule. Ungewöhnlicher ist es jedoch, wenn diese Aufbruchstimmung auch vor dem Lehrerzimmer nicht Halt macht. Die Erich-Kästner-Hauptschule in Bork an der Waltroper Straße läuft zum Schuljahresende aus. Die Selmer Schullandschaft verändert sich gehörig, wenn Otto-Hahn-Realschule und Hauptschule verschwinden und am Ende nur noch die Selma-Lagerlöf Sekundarschule überbleibt.

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Zwei Abschlussklassen hat die Hauptschule noch – 36 Schüler. Beim Gang durch die Schulflure wird schnell klar: Das Gebäude ist nicht aus einem Guss. Drei Gebäudeteile wurden von 1965 bis 1990 errichtet. In einem der Flure im Erdgeschoss, wo die Wände noch Backsteinmauern haben, sind die Klassenzimmer der 10A und 10B.

Der letzte Jahrgang

Der letzte Jahrgang. Eingeschult 2013. Danach gab es keine weiteren Einschulungen. Es war klar: die Schule läuft aus. 18 Neuanmeldungen waren einfach zu wenige, erklärt Torsten Schneidereit, Abteilungsleiter Schule und Soziales der Stadt Selm, die Schulträgerin ist.

„Das war die unterste Grenze“, sagt Schneidereit. „Das Elternwahlverhalten hat umgedreht“, erklärt er. Viele Eltern wollten ihre Kinder nicht an Hauptschulen unterbringen. „Die Schulform wurde durch die Eltern abgewählt.“

Hauptschule Bork wird geschlossen – So erleben Schüler und Lehrer die letzten Tage

Torsten Schneidereit, Abteilungsleiter Schule und Soziales Stadt Selm © Wilco Ruhland

„Die Schulform wurde durch die Eltern abgewählt.“
Torsten Schneidereit

Die Schulform genießt vielleicht nicht den besten Ruf, Schulleiterin Gabriele Neumann stört das jedoch keineswegs. Zu Beginn sei sie von Bekannten schräg angeguckt worden: „Wie schaffst du das?“, sei sie gefragt worden. Sie schafft das. Seit 1994 ist sie Lehrerin, seit 2010 an der Erich-Kästner-Schule in Bork. Sie ließ sich nicht beirren, auch wenn sie ursprünglich an eine Realschule wollte. Da könnte es für sie jetzt hingehen. Ihr läge ein Angebot für eine Leitungsposition an einer Realschule vor – entschieden habe sie sich aber noch nicht, sagt Neumann.

Dennoch war sie nie unzufrieden mit ihrer Entscheidung: Hauptschule. „Die Schulform wird positiver, wenn man positiv auffällt“, meint Neumann. Woher der schlechte Ruf ihrer Meinung nach kommt? „Die siebte Klasse ist die problematischste.“ Da kämen viele verunsicherte Seiteneinsteiger, da die Realschüler erst nach der 6. Klasse potenziell ihre Schule verlassen müssten.

Hauptschule Bork wird geschlossen – So erleben Schüler und Lehrer die letzten Tage

Gabriele Neumann, Schulleiterin der EKS © Wilco Ruhland

„Die siebte Klasse ist die problematischste.“
Gabriele Neumann, Schulleiterin

„Dann hat man meist zwei Sorten: die total Verängstigten, die zwei Jahre lang die Schwächsten in ihren Klassen waren und dementsprechend wenig Selbstvertrauen mitbringen, oder eben die Haudegen“, erklärt Neumann. Hauptschulen müssten also viele frustrierte Schüler zur 7. Klasse aufnehmen. Das merke man, es pendele sich aber irgendwann ein, sagt die Schulleiterin.

Die Abschlussklasse aus dem Lehrerzimmer

Die Hauptschule läuft dennoch aus. Bei den Schülern sei das Gefühl weniger ungewöhnlich – immerhin würden sie nach Ende dieses Schuljahres ohnehin die Schule verlassen. Dass das Kollegium allerdings auch eine Art Abschlussklasse ist, ist dagegen seltsamer. „Es ist eine Aufbruchstimmung, aber auch eine Abschiedsstimmung zu spüren“, sagt Gabriele Neumann.

Die letzten Mohikaner, abgesehen von Neumann selbst, drei an der Zahl, müssten sich jedoch auch keine Sorgen für die Zukunft machen. Alle würden wohnortnah an Hauptschulen untergebracht, sagt die Schulleiterin. „Es sitzt keiner auf der Straße.“

Doch eigentlich sagt sie diesen Satz, als es um die Schüler geht. Von den noch verbliebenden 36 Schülern habe die Hälfte Stellen, die andere gehe weiter zur Schule. In der 10B, bestehend aus 23 Schülern, können die Jugendlichen einen mittleren Hauptschulabschluss machen. Das ist wie ein Realschulabschluss - im Falle von besonders guten Noten ist es auch möglich, anschließend ein Gymnasium zu besuchen. Die Schüler der Klasse 10 A erwerben einen Hauptschulabschluss. Normalerweise sei der Anteil der Schüler zu zwei Dritteln auf die A-Klasse verteilt.

Hauptschule Bork wird geschlossen – So erleben Schüler und Lehrer die letzten Tage

Die 10 B, eine der beiden letzten Klassen der EKS, wird zumindest hier nicht mehr lange die Schulbank drücken. © Wilco Ruhland

Einst hatte Selm drei Hauptschulen – die Herrmannschule, die Overbergschule (damals noch eine Hauptschule) und die katholische Bekenntnisschule. Im Jahr 1990 wurden sie zusammengelegt in die Gemeinschaftshauptschule Erich-Kästner-Schule. Deshalb der Anbau des neuesten Gebäudeteils.

Damals startete die Schule mit 592 Schülern. Den vorläufigen Tiefstand erreichte die Schule zum Schuljahr 98/99 mit 446 Schülern, bevor sich diese Zahl bis 2003 wieder auf 511 berappelte. „Da begann dann die Talfahrt“, sagt Torsten Schneidereit.

Im 2. Halbjahr des Schuljahres 2015/16 bezog die Erich Kästner-Schule die Klassenräume im Erdgeschoss des Gebäudes. Ab dem Schuljahr 2016/17 bekamen die Hauptschüler Gesellschaft: Der Borker Standort des Förderzentrums Nord des Kreises Unna zog von der Pestalozzi-Schule in die obere Etage an der Waltroper Straße ein.

„Das war sicherlich nicht einfach, zwei Schulformen in einem Gebäude unterzubringen“, sagt Torsten Schneidereit. „Wir wollten das bestmöglich machen und ich kann nur sagen: großes Lob an beide Schulleitungen. Es ist beiden gut gelungen, das zusammenzulegen.“

Und wie geht es mit den bald leeren Räumen weiter? „Über die Weiternutzung wurde noch nicht entschieden“, erklärt Schneidereit. Das hänge auch mit vom Kreis ab, ob dieser die Förderschule erweitern möchte.

Ein letzter Kraftakt

Wenige Wochen sind es noch. Die Stadt schenkte der Schule eine Abschlussfahrt - der gesamten Schule versteht sich - in den Freizeitpark Phantasialand nach Köln. Schulleiterin Gabriele Neumann fuhr allerdings nicht mit.

„Nicht weil ich Angst vor Achterbahnen hätte“, sagt sie mit einem Lachen. In diesem Jahr koordinierte sie die externe Prüfungen, die es Schulsprechern ermöglicht, ihren Schulabschluss nachträglich noch zu erwerben. Sie fanden zeitgleich mit den Zentralen Abschlussprüfungen der Zehntklässler statt. Start war Donnerstag, 16. Mai.

Hauptschule Bork wird geschlossen – So erleben Schüler und Lehrer die letzten Tage

Ein letzter Kraftakt ist es noch: Sekretärin Annette Grieger und Schulleiterin Gabriele Neumann haben zum Ende der Erich-Kästner-Schule noch einiges zu tun. © Wilco Ruhland

In der ersten Juniwoche gehe es zudem noch auf Klassenfahrt nach Amsterdam. Allzu viele Schultage bleiben also tatsächlich nicht mehr. Am 28. Juni ist der letzte Schultag für die Schüler. „Das ist immer etwas besonderes“, sagt Neumann. „Vom vorletzten auf den letzten Tag findet immer eine Metamorphose der Schüler statt und es kommen junge Damen und Herren herein.“

Für die Lehrer ist dann allerdings noch nicht Schluss. Ein letzter Kraftakt ist dann noch zu bewältigen, bevor das Schuljahr offiziell am 14. Juli beendet ist. Schließlich steht noch der Auszug der Schule an - Kisten packen, Akten sortieren. Ein Teil muss eingelagert werden. Diese Arbeiten macht das Kollegium. „Wir haben die letzten 14 Tage noch gut zu tun“, sagt Neumann, „und dann wird das Licht ausgemacht.“

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