Havarierter Bohrer treibt Kosten für Kanalbau hoch

An der Selmer Kreisstraße

Als im Juni 2017 ein Vortriebsbohrer beim Bau eines Kanals an der Selmer Kreisstraße havarierte, da war allen Beteiligten bewusst: das wird teuer. Über eine halbe Millionen Euro Mehrkosten fallen dadurch für die Stadt an. Welche finanziellen Folgen werden die Probleme beim Kanalbau für die Bürger haben?

SELM

, 28.09.2017 / Lesedauer: 3 min
Havarierter Bohrer treibt Kosten für Kanalbau hoch

Die Baustelle auf der Kreisstraße, hier im Juni 2017, wird länger bleiben als geplant. Durch den havarierten Bohrer verschiebt sich der Zeitplan um mehrere Monate.

Vor der Hacke ist es bekanntlich duster: So erging es auch einem renommierten Fachunternehmen beim Vortrieb unter der Kreisstraße ab Pizzeria (Hausnummer 18) Richtung Eiscafé (Hausnummer 63). Nach rund 200 Metern verdrehte sich am 14. Juni der Bohrkopf um die eigene Achse – ein sehr selten vorkommender Fall.

Nachdem die Baufirma eine Bergegrube errichtet hatte, konnte sie am 17. Juli den teuren Bohrkopf bergen. Wie Lothar Unrast (Stadtwerke) am Mittwochabend in der Sitzung des Ausschusses für Stadtentwicklung, Verkehr und Wirtschaftsförderung berichtete, haben die Stadt und ausführende Firma Anfang August gemeinsam einen Gutachter eingeschaltet. Erste Vermutungen, dass ein mit Eisen-Kleinteilen und Fliesenresten zugekippter Bombentrichter die Ursache für das sogenannte Verrollen des Bohrkopfes waren, erwiesen sich als falsch.

Stadt bleibt auf den entstandenen Mehrkosten sitzen

„Wir vermuten vielmehr, dass es Reste des Verbaus aus den Kanalbauarbeiten aus den Jahren nach dem Krieg sind. Dies könnten Spundwände oder T-Träger sein. Und diese Reste sind wie üblich nirgendwo verzeichnet“, erklärte die Stadtverwaltung am Donnerstag. Für die Richtigkeit dieser Annahme sprechen auch die Beschädigungen der Bohrmaschine.

Bevor die Kommunalpolitiker im Ausschuss zur wichtigsten Frage kommen konnten, nannte Lothar Unrast die wichtigste Rechtsgrundlage. Die Mehrkosten gehen zulasten des Auftraggebers. Und der Auftraggeber könne sich auch nicht über eine Versicherung das Geld zurückholen. Im Klartext: Die Stadt bleibt auf dem Schaden und damit auf den Mehrkosten von rund 510.000 Euro sitzen.

Offene Bauweise hätte den guten Straßenbelag zerstört

Ob diese Summe auf die Abwassergebühren umgelegt werden, ist offen. „Dies kann noch nicht abschließend gesagt werden“, erklärte die Stadt auf Anfrage unserer Redaktion. Mehr Klarheit herrscht beim Bauzeitenplan. „Die verlorene Zeit kann bei dieser Baumaßnahme nicht mehr aufgeholt werden“, so die Verwaltung am Donnerstag. Statt wie geplant im August ist der Kanal vermutlich erst im November fertig.

Auf die naheliegende Frage, ob die Zusatzkosten und Zeitprobleme hätten vermieden werden können, wenn der neue Kanal in offener Bauweise verlegt worden wäre, sagt die Stadt: „In offener Bauweise hätte der Regenwasserentlastungskanal nicht kostengünstiger gebaut werden können. Hinzu kommt, dass die Straße in diesem Bereich gerade erst vor zehn Jahren fertiggestellt wurde“.

Probleme gibt es auch beim eigentlichen Umbau der Kreisstraße. Wie Lothar Unrast in der Sitzung erklärte, stoßen die Bauarbeiter hier auf „Unmengen alter Versorgungsleitungen, die teilweise in keinem Kataster verzeichnet sind“.

Umbau der Kreisstraße wird vorgezogen

Die Stadtverwaltung sieht hier zwei Risiken – erstens einen zeitlichen Mehraufwand und damit zweitens die Gefahr höherer Kosten. Diese unerwarteten Probleme sorgen nach Aussage von Lothar Unrast bereits jetzt für „enorme Zeitverzögerungen“. Es bestehe die Gefahr, dass die Maßnahme drei bis vier Monate später als geplant fertig wird.

Damit würden sie bis Februar 2019 dauern. Um das zu verhindern, gibt es einen neuen Bauzeitenplan. „Für die Maßnahme Umbau Kreisstraße wird bereits vor Beendigung des ersten Abschnitts mit dem Kanalbau im zweiten Abschnitt begonnen“, sagt die Stadtverwaltung. Ursprünglich sollten Kanal- und Straßenbau im zweiten Abschnitt parallel beginnen.

Unser Redakteur Thomas Aschwer kommentiert die Sachlage:

Kostenfrage zügig klären

Dass ein Regenwasserentlastungskanal auf der Kreisstraße zwingend notwendig war und ist, ist nach diversen Überflutungen weitgehend unstrittig. Dass es gute Gründe (Kosten, Straßenzustand) für einen unterirdischen Streckenvortrieb gab, ebenfalls.

Allerdings rücken diese Aspekte angesichts der Havarie beim Streckenvortrieb in den Hintergrund. Die Bürger werden jetzt mit Argusaugen darüber wachen, welche finanziellen Folgen diese Probleme beim Kanalbau für sie haben. Die Stadt tut deshalb gut daran, möglichst schnell Klarheit zu schaffen.

Am Donnerstag teilte sie mit, dass sie noch nicht sagen kann, ob diese nicht unerhebliche Summe auf die Abwassergebühren umgelegt wird – oder nicht. Je länger aber diese Frage nicht geklärt ist, desto intensiver werden die Bürger über die Ausbaumethode diskutieren. Dann dürfte für viele Selmer höchstens zweitrangig sein, dass die Stadt nicht wirklich eine Chance hatte, diese Havarie zu verhindern.

Jetzt lesen

Jetzt lesen

Jetzt lesen

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt