Dieser Engel - eine der Krippenfiguren aus Selm - hat eine klare Botschaft. © Sylvia vom Hofe
Weihnachtstradition

Hirten mit Polit-Botschaften: Das ist die ungewöhnlichste Krippe Selms

Diese Krippe ist anders: Im katholischen Jugendzentrum Findus St. Josef singen Hirten und Engel nicht das Gloria, sondern skandieren politische Forderungen.

Wer etwas sehen will, muss sich vorbeugen. Mal eben im Vorbeigehen die ungewöhnlichste Krippe Selms anschauen, das geht nicht. Und zwar aus zwei Gründen: Ersten sind die Scheiben des neuen Jugendhauses Findus zu Füßen des St-Josef-Kirchturms getönt. Zweitens gibt es dort so viel zu entdecken, dass sich das erst nach und nach dem Betrachter offenbart.

Einen geschnitzten Bergmann gab es schon seit 1960

Weder altbacken noch kitschig ist das, was hinter den blau getönten Scheiben des im April 2019 eingeweihten Jugendhauses zu sehen ist. Und dabei gleichzeitig der Tradition folgend. „Die Krippe von St. Josef hat schon immer auch den Zeitgeist gespiegelt“, sagt Antonius Sandmann, Diakon im Ruhestand. Er verweist auf eine Figur, die andernorts nicht zu finden ist in einer Krippenlandschaft: den Bergmann.

Die namhafte Künstlerin Gertrud Büscher-Eilert, die die Figuren 1960 im Auftrag der Kirchengemeinde St. Josef Selm geschnitzt hatte, schuf den Kumpel unter den Hirten: eine Reminiszenz an die Bergbau-Vergangenheit der katholischen Gemeinde in Selm-Beifang. Sie war entstanden, nachdem 1909 die Zeche Hermann in Selm in Betrieb ging. Inzwischen ist beides Geschichte: der Bergbau ebenso wie die Kirche, die Ende 2016 abgerissen worden war – bis auf den Kirchturm.

Engel kritisiert die Querdenker-Bewegung

Von Sandmann stammte die Idee, die Krippe wieder aufzubauen – dort wo an Stelle der alten Kirche ein neues Jugendheim steht: genau zwischen der Kita und dem Altenwohnhaus. Also mitten im Leben. Und das sieht man den Figuren auch an.

Ein Engel hat sich aus der Schar der himmlischen Boten gelöst und steht vorne an der Scheibe. „Denkt nach und nicht quer. Bleibt hart, aber fair“, ruft er den Betrachtern zu: eine klare Ansage an die Querdenker-Bewegung. Die bundesweit aktive Gruppe, in der sich neben Impfgegnern und Verschwörungstheoretikern oft auch AfD-Anhänger finden, eint der Protest gegen die Beschränkungen durch die Corona-Maßnahmen. Verfassungsschützer beobachten eine zunehmende Radikalisierung und zunehmend extremistische Bestrebungen dieser Gruppierung.

Klare Absage an Neonazis

Eine klare Absage an alle rechtsradikalen Kräfte formuliert auch ein geschnitztes Hirten-Mädchen, das ein Protestplakat in seiner feingliedrigen Holzhand hält: „FCK NZS“: ein international gängiges Schlagwort, um die Ablehnung von Neonazis zum Ausdruck zu bringen. Die Vokale muss man sich dazu denken. Neben dem Hirtenmädchen reckt eine andere Krippenfigur ein weiteres Plakat in die Höhe: „Black lives matter“.

Was diese Selmer Krippenfiguren fordern, haben sie auf Plakate geschrieben.
Was diese Selmer Krippenfiguren fordern, haben sie auf Plakate geschrieben. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Der Tod von George Floyd in den USA hatte im Sommer 2020 weltweite Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus ausgelöst. Auch in Deutschland gingen Zehntausende auf die Straße und forderten auch hierzulande eine kritische Auseinandersetzung mit Rassismus und kolonialem Erbe.

Tim Brinkmann (18) freut sich, wenn Betrachtern diese Details der Krippe auffallen.

Tim Brinkmann absolviert freiwilliges soziales Jahr

Der Selmer Abiturient absolviert noch bis August 2021 ein freiwilliges soziales Jahr in der Kirchengemeinde. Er hat zusammen mit einer Gruppe anderer Jugendlicher – alles Besucherinnen und Besucher des offenen Treffs im Alter von 13 bis 18 Jahre – die Krippe gestaltet. „Wir hatten uns an dem letzten Wochenende vorm Lockdown dazu getroffen“, sagt er. Dabei sei es genau darum gegangen: aktuelle Anliegen in die Weihnachtsbotschaft zu integrieren – und damit auch in die Gestaltung der Krippe. Weder vor 2000 Jahren noch heute kommt das Christkind in eine heile Welt.

Bis zum vierten Advent verhüllte ein Vorhang die Scheiben zum Findus. Inzwischen ist der Blick frei. „Ich sehe da immer Leute stehen“, sagt Tim Brinkman. Neulich auch Jugendliche aus Cappenberg, die extra gekommen seien, obwohl der offene Treff wegen Corona geschlossen bleiben müsse.

Wie wichtig es ist, die Corona-Maßnahmen einzuhalten, zeigt die Krippe auch – mit einem schlechten Beispiel. Eine Gruppe Hirten spielt Karten: Dabei ignorieren sie nicht nur die Abstandsregeln, sondern verpassen auch die Geburt des Christkinds.

Die Hauptsache darf nicht fehlen – auch nicht in der Selmer Krippenlandschaft: Maria, Josef und Jesus. © Sylvia vom Hofe © Sylvia vom Hofe

Die Krippe im Findus wird bis zu Wochenende nach dem Dreikönigstag (9./10.1.) zu sehen sein. Dann bauen die Jugendlichen sie wieder ab. Die drei Könige, die normaler Weise erst im Januar aufgestellt werden, sind jetzt schon da. Wer genau hinschaut, sieht dass die Kronen in der Ecke liegen – zusammen mit einem Schild, auf dem 2021 durchstrichen ist und jetzt 2022 steht: das Datum für die nächste Sternsingeraktion. Die aktuelle muss ausfallen wegen der Pandemie.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe