Die Geschichte der Hospizbewegung beginnt mit einer Frau, die viel Leid gesehen hat und es lindern wollte. Sie inspirierte dazu, sich mit dem Leiden von Sterbenden auseinanderzusetzen.

Selm

, 27.07.2019, 14:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

David Tasma war der Hölle entkommen. Der polnische Jude hatte es geschafft lebend aus dem Warschauer Ghetto herauszukommen. Nur um seinem nahenden Ende wenige Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg erneut in die Augen zu blicken. Er hatte Krebs im fortgeschrittenen Stadium und schlimme Schmerzen. In einem Krankenhaus in London lernte er 1947 Cicely Saunders kennen. Die Britin hatte sich während des Zweiten Weltkrieges zur Krankenschwester ausbilden lassen, weil sie helfen wollte.

Nach dem Krieg arbeitete sie als Hilfsfürsorgerin für eine Stiftung, die sich vor allen Dingen um Krebskranke kümmerte. Dort stellte sie fest, dass viele Sterbenden starke Schmerzen hatten und ihrer Meinung nach nur unzureichend versorgt wurden. Mussten diese Sterbenden Menschen in ihren letzten Wochen, Tagen oder Stunden wirklich so leiden? Gäbe es nicht einen besseren Weg?

Begründerin der modernen Hospizbewegung

Sie kümmerte sich auch um David Tasma, begleitete ihn in seinen letzten Tagen und führte viele Gespräche mit ihm. Als er starb, vermachte er ihr sein Vermögen in Höhe von 500 Pounds. Heute wäre das in etwa eine Summe in Höhe von rund 20.000 Euro. Es vergingen aber noch einige Jahre bis Saunders, die inzwischen Medizin studierte hatte, 1967 das erste moderne Hospiz eröffnete. Das St. Christopher‘s Hospice im Süden Londons.

Cicely Saunders gilt damit als Begründerin der modernen Hospizbewegung. Bis das Thema Hospiz in Deutschland ankam, dauerte es noch erheblich länger. Das erste Hospiz gab es erst 1986 in Aachen, drei Jahre zuvor war in Köln die erste Palliativstation entstanden. 1992 wurde die Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz gegründet, sie ist heute der Deutsche Hospiz- und Palliativverband.

Anfang der 2000er-Jahre gegründet

Die heutige Hospizgruppe Selm Olfen Nordkirchen gründete sich im Jahr 2003. In der Umgebung hatten sich gerade weitere Gruppen gegründet - im Jahr 2000 zum Beispiel in Lüdinghausen - und so erregte das Thema ambulante Palliativ-Versorgung auch auf lokaler Ebene mehr Interesse.

Dr. Antje Münzenmaier, Hausärztin und Vorsitzende des Hospizvereins freut sich, dass das Thema Sterben immer weniger ein Tabuthema wird. „Es kommt immer mehr“, ist sie überzeugt.

„Ich glaube, die Hemmschwelle wird immer niedriger“, sagt auch der 2. Vorsitzende der Hospizgruppe Dieter Niechcial. Besonders seit die Gruppe 2011 in ihre jetzige Geschäftsstelle an der Kreisstraße in Selm gezogen ist, gebe es immer mehr Zulauf. Während sich die Gruppe anfangs auf Selm und seine Ortsteile beschränkte, kamen mit der Zeit auch Olfen (2010) und Nordkirchen (2017) hinzu.

Gerade das 300. Mitglied geehrt

Bei Gründung hatte die Gruppe 14 Mitglieder - gerade ist das 300. Mitglied beigetreten. Zudem hat der Verein 42 Personen als Sterbe- oder Trauerbegleiter ausgebildet, sechs weitere befinden sich gerade in der Ausbildung.

Vielen Leuten sei aber gar nicht so klar, was die Hospizgruppe eigentlich mache. Sie kennen oft den Unterschied zwischen der ambulanten und der stationären Palliativ-Versorgung nicht. „Bei Hospizgruppe denken viele an ein stationäres Hospiz“, sagt Münzenmaier. „Das sind wir nicht.“

Aufmerksamkeit für Sterbende: Hospizgruppe will das Thema Tod aus der Tabu-Ecke holen

Die Trauerbegleiter- und Begleiterinnen der Hospizgruppe. © Hospizgruppe

Stationär wird der Patient in einem Hospiz und einer Palliativ-Station im Krankenhaus betreut. Ambulant gibt es eine Versorgung durch Ärzte (Hausarzt und Palliativmediziner), Pflegedienste und Hospizgruppen, wie die in Selm.

„Wir fahren raus zu den Leuten“, erklärt Münzenmaier. Die Hospizgruppe organisiert Trauertreffs, hilft bei der Begleitung von Sterbenden und der Begleitung von trauernden Hinterbliebenen. Sie berät zum Thema Patientenverfügung, gibt Kurse in Letzter Hilfe und erklärt ihre Arbeit in Schulen unter dem Titel „Hospiz macht Schule“.

Trauer und Tod als Thema

Geholfen, das Thema Tod und Sterben in den öffentlichen Fokus zu rücken, habe auch die Hospizserie „Der letzte Weg - Sterben und Tod“, die unsere Redaktion seit Anfang des Jahres veröffentlicht hat. „Die Serie ist bombastisch eingeschlagen“, sagt Antje Münzenmaier.

„Es kam immer wieder der Hinweis, dass es gut ist, dass darüber gesprochen wurde“, sagt Dieter Niechcial. Teile der Serie beschäftigten sich zum Beispiel mit der Sterbebegleitung von Marion, aus der Sicht von Marions Mutter Eleonore und Sterbebegleiterin Sonja erzählt. Es ging auch darum, wie es eigentlich ist, an einem Letzte-Hilfe-Kurs teilzunehmen und ganz praktisch, um Fragen und Antworten zum Thema Patientenverfügung.

Suche nach Ehrenamtlichen

Für ihre Arbeit ist der Hospizverein auch immer wieder auf der Suche nach Ehrenamtlichen, die Interesse haben, mitzuhelfen. Vorkenntnisse seien nicht erforderlich, es gebe viele Weiterbildungen und auch sehr viele verschiedene Möglichkeiten, mitzuhelfen. Nicht jeder traue sich zu, Sterbebegleiter zu werden, sagt Münzenmaier. Und das sei auch nicht nötig.

Dennoch werden Ehrenamtliche gebraucht, denn „die Welle kommt erst noch“, sagt Antje Münzenmaier. Damit meint sie den demographischen Wandel. Die Menschen werden immer älter und die 66 Prozent der Deutschen würden laut einer Umfrage des Deutschen Hospiz- und Palliativerbandes gerne zu Hause sterben. Die wenigsten tun es allerdings. Diese Diskrepanz zu ändern ist auch das Ziel von Hospizvereinen.

Denn: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“ Ein bekannter Spruch. Er ist von Cicely Saunders.

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