Die Nachricht traf Leute mit Huawei-Smartphone hart: Die US-Regierung entzieht dem chinesischen Konzern die Android-Lizenz. Schockt das die Selmer? Bricht Panik aus? Die Antwort überrascht.

Selm

, 02.06.2019 / Lesedauer: 5 min

Völlig entspannt arbeiten die Mitarbeiter von Euronics Krampe in Selm ihre Aufträge ab. Keine Spur von Schlangen von Kunden, die wegen des angekündigten Lizenzentzuges um Rat fragen. Die Gerüchte, wie man sich als Huawei-Smartphone-Besitzer verhalten soll, schießen ins Kraut. Genaue Verhaltensweisen gibt es nicht. Da könnte man doch glauben, dass die Menschen ihren Händler des Vertrauens um Rat fragen, oder? „Wir hatten bisher keine Anfragen von Huawei-Smartphone-Besitzern“, heißt es von einem Euronics-Mitarbeiter. „Uns trifft das als Händler auch eher weniger. Wir haben gerade mal ein Huawei-Smartphone im Regal. Zu 99 Prozent verkaufen wir Smartphones anderer Marken.“ Gibt es denn von der Konzernzentrale Verhaltensanweisungen für den Fall, dass doch mal ein Kunde um Rat fragt? „Von Euronics haben wir noch nichts bekommen“, lautet die Antwort.

Bei älteren Geräten ist irgendwann bei Android Schluss

Mal sehen, ob es im Geschäft Base Medien im Selmer Zentrum Näheres zu erfahren ist. Christian Sabas, Inhaber des Geschäfts, sagt zum Thema Lizenzentzug für Huawei: „Die Handys, die wir einkaufen, unterliegen keiner Lizenzpflicht.“ Es komme immer darauf an, welche Apps der Kunde installiere. Standardmäßig sind die Handys mit den jeweiligen Android-Betriebssystemen vorkonfiguriert. „Da kommt es natürlich auf die einzelnen Versionen und auch auf die Aktualität des Gerätes an.“ Wenn es sich um ein älteres Gerät handele, sei dann irgendwann bei einer Android-Version Schluss. „Dann muss man sich sowieso ein neues Smartphone kaufen, um die neuesten Android-Versionen nutzen zu können“, führt der Fachmann aus. Das sei unabhängig von der derzeitigen Diskussion um Android-Lizenzen für Huawei sowieso normal.

Huawei-Schock wegen Android-Lizenzentzug? In Selm eher nicht

Die Nachrichten über den Lizenzstreit rund um Huawei häufen sich. Wie sollen Huawei-Smartphone-Nutzer damit umgehen? Die rechtliche Lage scheint eindeutig zu sein. © Arndt Brede

Eigenes Betriebssystem von Huawei?

Nun ist es ja unter anderem Google, das bei Android-Lizenzentzug keine Updates mehr für Huawei-Smartphones mehr anbieten könnte. Christian Sabas ist sicher, dass Huawei bald ein eigenes Betriebssystem und eigene Apps entwickeln wird, um unabhängig von Android zu sein, beziehungsweise die Sicherheitslücken, die entstehen, weil Google keinen Support mehr liefert, durch eigene Programmierer stopfen wird.

Wie sollten sich Smartphone-Nutzer, die bereits ein Huawei-Gerät haben, verhalten? Christian Sabas, selber Nutzer eines Huawei-Smartphones, sagt seine persönliche Meinung dazu: „Ich würde Huawei jetzt nicht ablehnen, nur weil Google Druck aufbaut.“ Letztendlich müsse aber der Kunde entscheiden. Empfehlen würde er weder eine Wechsel zu einer anderen Marke, noch, bei Huawei zu bleiben. Er selber sei aber sehr zufrieden mit seinem Huawei-Smartphone. Das sei allerdings ein Vertragshandy. Mit seinem Internetprovider habe er einen Nutzervertrag, bei dem ein Handy dabei sei. Für den Fall, dass keine aktuellen Updates mehr geladen werden können, „würde ich bei meinem Provider anrufen und sagen, dass ich einen Vertrag habe, und fragen, was mir dieses Handy bringe, wenn ich in den nächsten Jahren nicht den Support habe. Ich bin der Meinung, mein Provider müsste eigentlich verpflichtet sein, mir ein Gerät zur Verfügung zu stellen, das dem gleich kommt.“

Genötigt, ständig ein neues Handy zu kaufen

Wie geht denn ein Kunde, der ein freies Handy hat, damit um? „Wenn man ein Handy besitzt, bei dem man sowieso keine neue Android-Version mehr bekommt, sollte man das Handy so lange benutzen, bis es wirklich kaputt geht. Die Apps laufen ja weiter, auch wenn es nicht die neuesten Versionen sind. Man weiß aber auch, dass die Handyhersteller es extra so einrichten, dass wir Endverbraucher dazu genötigt werden, sich ständig ein neues Handy zu kaufen.“

Ist Sabas denn bereits mit Fragen von unsicheren Kunden bombardiert worden? Antwort: „Nein, es ist ja nicht so, dass wir jeden Tag wie geschnitten Brot Huawei-Handys verkaufen.“ Zurzeit hat Sabas ein einziges Huawei-Modell im Regal stehen.

Verbraucherberatung: Derzeit kein Thema

Wenn die Kunden schon nicht mit aktuell brennenden Fragen rund um Huawei zum Fachhändler gehen, sollte man meinen, sie wenden sich an die Verbraucherzentrale. Die entsprechende Frage an die auch für Selm zuständige Verbraucherberatungsstelle Lünen beantwortet Mitarbeiterin Jutta Gülzow so: „Bislang hatten wir noch keine Nachfragen zu dem Thema.“Allerdings hat sich die Verbraucherzentrale NRW bereits öffentlich geäußert. In der Stellungnahme heißt es unter anderem: „Huawei sichert zu, seine Geräte weiterhin mit Sicherheits-Updates versorgen zu wollen. Allerdings wird auf künftigen Modellen von Huawei und Honor wohl kein Android mehr installiert. Schon im März hatte Huawei-Chef Richard You von einem eigenen Betriebssystem gesprochen, das der Konzern in der Schublade habe. Durch den Handelsstreit zwischen den USA und China und Trumps Erlass werden Besitzer von Huawei- und Honor-Geräten wohl auf ihren aktuellen Android-Versionen stehen bleiben. Es wird vermutet, dass sie kein Android 10 erhalten. Außerdem kann es sein, dass Google-Apps (wie Gmail und Maps) bald nicht mehr auf Huawei- und Honor-Geräten laufen. Konkret dazu äußern sich bislang aber weder Google noch Huawei.“

Kein Anspruch auf neueste Version des Betriebssystems

Für Nutzer stellt sich nun die Frage, ob ihnen gegebenenfalls rechtliche Ansprüche zustehen, um neue Android-Versionen zum Beispiel einzuklagen. Die Verbraucherzentrale dazu: „Die richtigen Ansprechpartner dürften derzeit allein Huawei bzw. Honor als Hersteller der Geräte sein. Dagegen dürfte ein Vorgehen gegen den Verkäufer oder Händler des Handys derzeit nicht erfolgversprechend sein, da insbesondere Rechte aus Gewährleistung oder Garantie in diesem Fall in der Regel ausscheiden. Ebenso wenig dürften etwaige Ansprüche gegen Google selbst bestehen.“ Die einschlägigen Vertragsbedingungen von Huawei regeln keine Pflicht zur Bereitstellung von Softwareupdates. Generell haben Kunden also keinen Anspruch darauf, immer die neueste Version eines Betriebssystems zu erhalten. Unserer Auffassung nach hat Huawei jedoch dafür Sorge zu tragen, dass Kunden durch etwaige Softwarefehler keine Schäden entstehen oder zumindest für einen angemessenen Nutzungszeitraum weiterhin die sichere Nutzung der Geräte möglich ist. Mit welchen Maßnahmen der Hersteller dieses Ziel erreicht, liegt in seinem Entscheidungsspielraum. So kann er auf die weiterhin unter Open-Source-Lizenzen bereitgestellten Android-Patches zurückgreifen oder zum Beispiel auf ein eigenes Betriebssystem wechseln. Kunden dürften aus unserer Sicht keinen Rechtsanspruch darauf haben, in Zukunft mit der gewohnten Google-Software versorgt zu werden.“

Wie gehen eigentlich die Händler in Nachbarstädten Selms mit dem Thema um?

In Selms Nachbarstadt Werne hat ein Händler bereits Konsequenzen gezogen und bietet seinen Kunden von sich aus keine Huawei-Smartphones an. Begründung: „Wenn wir jetzt ein Huawei-Smartphone verkaufen, können wir nicht sicherstellen, dass es später noch richtig funktioniert.“

Die Geschäfte der Lüner Innenstadt warten zunächst mal die Entwicklung ab. Ein Händler erklärt, er weise Käufer von Huawei-Smartphones darauf hin, dass er nicht wisse, wie lange die Google-Apps und Updates noch funktionieren.

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