Indische Flüchtlinge in Selm beenden Hungerstreik

Nach Gespräch mit Bürgermeister

Der Hungerstreik der zehn indischen Flüchtlinge für bessere Lebensbedingungen in der Flüchtlingsunterkunft Selm ist beendet. Nach einem Gespräch, das Selms Bürgermeister Mario Löhr am Mittwochmittag mit den Indern geführt hat, gaben sie ihren Streik auf.

SELM

, 17.05.2017, 15:28 Uhr / Lesedauer: 2 min
Indische Flüchtlinge in Selm beenden Hungerstreik

Diese zehn indischen Flüchtlingen befinden sich immer noch im Hungerstreik.

Laut Deljit Singh, einem der indischen Flüchtlinge, habe Löhr angeboten, alles dafür zu tun, dass die Zehn speziell indisches Essen bekommen. Wie berichtet, waren die Inder seit Donnerstag mit einer knapp zweitägigen Unterbrechung im Hungerstreik. Sie forderten, in eigenen Wohnungen für sich kochen und in einem Sikh-Tempel beten zu können. In Containern und mit geliefertem Essen könnten sie nicht leben, hatten sie auch der Redaktion gegenüber gesagt.

Flüchtlinge danken Bürgermeister für Kompromissbereitschaft

Noch am Mittwochvormittag hatten sie im Gespräch mit der Redaktion kritisiert, dass kein Regierungsvertreter mit ihnen spreche und ihre Fragen beantworte. Deshalb würden sie ihren Streik fortsetzen. Wenige Stunden später nun also die Wende.

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„Wir danken dem Bürgermeister für sein Engagement und sind kompromissbereit“, sagte Deljit Singh kurz nach dem Gespräch mit Löhr, Engemann und Uckat  gegenüber der Redaktion. „Wir haben aber auch keine andere Option mehr“, gab Singh zu. Auf die Frage der Redaktion, ob der Hungerstreik nun endgültig beendet sei, antwortete Deljit Singh: „Ja: Wir werden in der Unterkunft in Selm leben, bis unser Aufenthaltsstatus geklärt ist.“

In einer Stellungnahme konkretisierte Bürgermeister Mario Löhr das aktuelle Angebot der Stadt an die Inder: „In Gesprächen mit dem Caterer soll nun geklärt werden, wie die Essenswünsche der Gruppe Berücksichtigung finden können. In der Zeit, in der die Einrichtung an der Industriestraße noch nicht voll belegt sei, werde den Flüchtlingen ein Container zur Verfügung gestellt, in dem sie beten können.“

Gesamtverfahrensdauer für indische Flüchtlinge liegt durchschnittlich bei 12 Monaten

Falls der Asylantrag der Inder positiv beschieden werde, sei die Stadt gerne bereit, der Gruppe kurzfristig Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

Doch das kann noch dauern, wie Natalie Psuja, Sprecherin des für Asylverfahren zuständigen Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), auf Anfrage erklärte: „Unser Ziel für 2017 ist es, bei den aktuellen Verfahren bei durchschnittlich drei Monaten zu bleiben. Losgelöst von der Verfahrensdauer für in den letzten Monaten beim BAMF gestellte und bearbeitete Anträge, ist die statistische Gesamtverfahrensdauer zu betrachten. Diese liegt aktuell – also im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 30. April 2017 – für alle Herkunftsländer bei durchschnittlich 10,5 Monaten, für indische Asylsuchende bei zwölf Monaten. 2016 betrug die durchschnittliche Verfahrensdauer für alle Herkunftsländer durchschnittlich 7,1 Monate, für Antragsteller aus Indien 9,2 Monate. Die Verfahrensdauer wird gemessen von Antragstellung bis zum Bescheid.“

Bleibt noch die Frage, warum die Inder in Deutschland Asyl beantragt haben und ob sie in ihrer Heimat verfolgt werden.  „Wir haben als Sikhs in Indien keine Rechte“, sagt Deljit Singh. Er und die meisten der zehn Flüchtlinge kommen aus der Region Punjab. Dort würden sie von Regierungsvertretern und der Polizei ins Gefängnis gesteckt und geprügelt, wenn sie für ihre Rechte protestieren. Singh: „Jeder Protest wird als Terror behandelt.“

Religiöse Verfolgung oder traditionelles Miteinander?

Die aktuelle Einschätzung des Auswärtigen Amtes lautet so: „Außerhalb des parlamentarischen Systems sind in einigen Regionen im Norden, im östlichen Kernindien und im Nordosten Indiens bewaffnete Gruppen aktiv, die aus unterschiedlichen Gründen gegen den indischen Staat oder die existierende staatliche Ordnung kämpfen. Der Einfluss transnational operierender Terrororganisationen wie ISIS oder Al Qaida in Indien wird von indischen Regierungsstellen für begrenzt gehalten. Als Hauptgrund dafür wird das traditionelle Miteinander religiöser Gemeinschaften in der indischen Gesellschaft genannt.“

„Das sind die offiziellen Informationen“, sagt Deljit Singh. „Die Realität sieht ganz anders aus. Wenn wir nach Indien zurückmüssten, würden wir sterben.“

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