Jürgen Drews über späte Versöhnung mit Schlagern

Musiker im Interview

Jürgen Drews spricht schnell: Ohne Punkt und Komma, aber mit Sinn und Verstand. Dieses Tempo, das der Star der Selmer Schlagerparty am Samstag, 17. Juni, beim Telefoninterview an den Tag legt, hat Vorteile: In 45 Minuten kann Onkel Jürgen, wie seine Fans ihn nennen, so viel preisgeben wie andere nicht in vielen Stunden.

SELM

, 15.06.2017, 07:07 Uhr / Lesedauer: 4 min
Jürgen Drews über späte Versöhnung mit Schlagern

Jürgen Drews stand auch am 18 Juni 2016 als Stargast der großen Rock-Pop-Schlager-Party in Selm auf der Bühne.

Spektakulärer hätte die erste Begegnung nicht sein können: dunkler Himmel, aufbrausender Wind und eine verzerrte Stimme am Handy.

„Hallo, hier ist der Jürgen. Jürgen Drews. Ich sollte mich wegen des Interviews melden“ – dreieinhalb Stunden zu früh.

Hallo Herr Drews …

Jürgen.

Gerne, hallo Jürgen, können wir wohl später sprechen. Ich bin gerade mit dem Fahrrad unterwegs, und ich möchte es vorm Gewitter in die Redaktion schaffen.

Bitte? (es rauscht in der Leitung, die Stimme reißt immer wieder ab) Ich verstehe Sie ganz schlecht. Ich rufe aus Rorup an: echtes Entwicklungsland, was die Telekommunikation angeht.

Ein Grund mehr, dass wir wie verabredet mittags telefonieren.

Ach, ich bin wieder zu früh dran. Passiert mir oft. Bis später, gute Fahrt.

Dreieinhalb Stunde später.

Zweiter Anlauf: Radeln Sie eigentlich auch?

In den Voralpen und auf Sylt fahre ich gerne Rad. Auf Mallorca gar nicht, weil mir das zu heiß ist, und hier in Dülmen seltsamer Weise kaum, obwohl wir im Haus fünf Räder haben. Die Nachrichten lenken mich davon ab. Wenn ich allein daran denke, was da gerade in England passiert mit dem Brexit und wie sich Theresa May um die Verantwortung für die Wahlniederlage herumdrückt...

Aber nicht nur Großbritannien bereitet Sorgen. Wenn ich an die USA denke, wo Sie ja auch gelebt haben …

…sprechen Sie mich bloß nicht auf die USA an. Das Thema kann ich nicht ertragen. Da wir mir richtig übel: ein notorischer Lügner im Präsidentenamt.

Stimmt es eigentlich, dass Schlager dann besonders gefragt ist, wenn die Zeiten unruhig sind – wie jetzt gerade?

Das unterschreibe ich. Einfach und ans Herz gehend – das ist dann gefragt, wenn die Umstände schwierig und kühl sind. Das muss aber eben nicht platt und klebrig sein. Ich sage mal so: „Und ich schenke dir einen Regenbogen, den habe ich für dich bestellt. Dann male ich mit meinen Händen 1000 Herzen ans Himmelszelt.“ Das sind die ersten Zeilen eines Titels, den Bekannte mir mal zugeschickt haben und den ich umkomponiert habe. Zugegeben: Vor 40 Jahren hätte ich das anders als heute als klebrig empfunden. Schlager mochte ich gar nicht.

Was war denn Ihre Musik damals?

Psychodelic Rock und Popmusik. Ich habe noch nicht einmal das Bett im Kornfeld (Anm. d. Red. mit diesem Titel hatte Drews 1976 seinen Durchbruch als Schlagersänger) als das gesehen, was er ist.

Als was?

Als einen tollen Unterhaltungssong, der Lebensfreude zum Besten gibt. Gerade auch wenn man sich nicht so wohlfühlt, ist Schlager manchmal toll. Ich war gerade jetzt auf Mallorca und war eingeladen bei Florian Silbereisen, der ja Schlager macht. Dort habe ich aber auch Pop präsentiert.

Drews singt: „Mamama-mamama.-Loo“, einen der Erfolgshits der Les Humphries Singers, deren Zugpferd er bis 1976 war.

Aber eben auch Schlager: „Ein Bett im Kornfeld“ und „Ich bau dir ein Schloss“ (Anm. d. Red: Drews Erfolgshit aus dem Jahr 2009, der 150 000 Mal verkauft wurde), das ist ein Schlager modern aufgefasst. Das ist das Rezept.

Drews singt wieder: dieses Mal die Liedzeile vom Regenbogen – eine poppiger Melodie, die ihm gerade eingefallen zu sein scheint: „Und ich schenke dir einen Regenbogen, den habe ich für dich bestellt.“

Ich bin mir sicher: Wenn mir das Ding gelingt: Das werden Sie hören.

Ihnen fällt das Komponieren ganz offensichtlich leicht, das Singen, das Auftreten – war das schon immer so?

(Lacht) Um Gottes Willen, ganz und gar nicht. Bis ich in die Pubertät kam, war ich immer ein fröhlicher Sonnenschein. Danach veränderte sich alles für mich. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen, ganz schlimm. Ich habe mir die Anatomiebücher meines Vaters angeschaut, der Arzt war, damit ich überhaupt eine Ahnung bekam, wie eine nackte Frau aussieht. Man kann es nicht anders sagen: Ich war verklemmt.

Wie haben Sie das überwunden?

Durch die Musik. Das war die Therapie meines Vaters. Er hat mir eine Gitarre in die Hand gedrückt. Als der Banjo-Spieler in der Jazzband meines Gymnasiums in Schleswig ausfiel, hatten meine Eltern mich angemeldet. Ich war erst sauer. Dann spielte ich irgendwann ein Solo. Allmählich wurde es besser. Aber an Singen war damals noch nicht zu denken.

Mit der Schüchternheit wurde es dann auch besser oder?

Aber erst langsam. Alle meine Freunde hatten damals schon Freundinnen, ich immer noch nicht, wirklich frustrierend. Ich schwärmte für Brigitte Bardot, aber die war nun einmal weit weg. Bis ich dann beschloss, zu ihr zu trampen: nach Saint Tropez mit einem Zwei-Mann-Zelt.

Und haben Sie sie getroffen?

(lacht) Ja, aber nur von Weitem, halb verdeckt von ihrer Entourage. In meinem Zelt war ich aber während der ganzen Reise alleine. Immerhin: Mir ist dabei die Idee für den Text von Ein Bett im Kornfeld gekommen.

Und spätestens das Lied hat Ihnen das Herz vieler Frauen geöffnet.

Aber nicht das von Ramona (seit 1994 Drews 28 Jahre jüngere Ehefrau). Nur ihre Eltern kannten den Titel, sie selbst interessierte sich nicht dafür und kannte mich gar nicht.

Wo haben Sie sich kennengelernt?

Ich habe sie dreimal anmoderiert bei Miss-Wahlen an denen sie teilnahm.

Ihre Frau stammt aus Dülmen, wo Sie jetzt mit Ihr in Rorup wohnen. Sind Sie da ein Exot?

Nö, inzwischen gelte ich als einer von allen. Erst am Dienstag war ich wieder mit dem Aufsitzmäher unterwegs. Alle grüßen: gute Nachbarschaft.

Würde ich Sie denn überhaupt erkennen, wenn ich Sie in Dülmen auf dem Mäher sehen würde?

Klar, ich habe dann zwar andere Klamotten an, aber ansonsten sehe ich ja ganz genauso aus. Die Haare trage ich nicht anders als auf der Bühne.

Wo wir beim Aussehen sind: Ihr Alter von 72 Jahren sieht man Ihnen nicht an. Was machen Sie dafür?

Das sind vor allem einmal die guten Gene. Und: Ich hatte es, anders als manche meiner Kollegen, nie mit Alkohol und Drogen. Mäßig leben und Sport machen, das hilft schon. Übrigens, bevor Sie das fragen: Ich bräuchte nicht mehr auf der Bühne zu stehen. Ich mache es aber, weil es mir Spaß macht. Und solange das so ist, mache ich weiter.

Und was haben Sie dafür gemacht, König von Mallorca zu werden?

Gar nichts. Ich war mit Costa Cordalis 1999 als Überraschungsgast eingeladen zur Wetten-Dass-Show: ein Gastspiel in Spanien, in der Stierkampfarena in Palma. Allerdings sagte uns der Programmchef kurz vor der Sendung, dass wir – anders als geplant – doch nicht auftreten könnten. Da waren wir natürlich nicht begeistert, aber was sollten wir machen. Die Sendeleitung hatte aber nicht mit Thomas Gottschalk gerechnet. Der sah uns und witzelte, dass der spanische König zwar nicht gekommen sei, aber wir: die Könige von Mallorca. Bei mir blieb der Titel hängen.

Mit dem Partyschlager „König von Mallorca“ haben Sie diesen Titel ja dann auch besungen: „Das Oberbayern ist mein Schloss, der Ballermann mein Jagdrevier ... Ich bin der König von Mallorca“.

Und genau den Titel wollte ich gar nicht singen. Jemand hatte ihn mir zugeschickt: dreimal. Und ich habe ihn dreimal abgelehnt. Ich habe auch Ramona gefragt: „Was meinst du, ich möchte keinen Fehler machen.“ Nach den ersten Augenblicken sagte sie aber. „Mach das bloß aus, das meinst du doch nicht ernst.“

Und warum haben Sie den Titel doch gesungen und singen ihn immer wieder?

Das war der berühmte Zufall. Ein Freund von mir, Discjockey aus Düsseldorf, rief mich an. Er habe von einem unbekannten Komponisten ein Demoband bekommen, das habe er nachts auf seiner Party gespielt – und alle hätten mitgesungen. „Das musst du singen“, sagte er mir. Er hatte recht.

Und in Selm werden Sie ihn auch singen?

Ich denke schon. Auf jeden Fall freue ich mich schon sehr auf das Wiedersehen.

 

Lesen Sie jetzt