Tote Krähen

„Kadaver aufzuhängen, passt nicht mehr in die Zeit“: Landwirte und Jäger zu Krähen-Skandal

Die alte landwirtschaftliche Praxis, tote Krähen zur Abschreckung auf Felder zu hängen, hat zuletzt für viel Aufsehen gesorgt. Örtliche Landwirte würden selbst aber andere Methoden finden.

„Aus der Zeit gefallen“, nennt Wernes Ortslandwirt Robert Schulze Kalthoff den Vorfall. „Unsensibel“ kommentiert Carl Schulz-Gahmen, Ortslandwirt in Lünen. Und Friedhelm May, Selms Ortslandwirt, sagt: „Das sieht nicht schön aus und ich kann es auch gar nicht haben, wenn Tiere gequält werden.“

Die Rede ist von einer überkommenen landwirtschaftlichen Methode: Man hängt tote Krähen an ihren Füßen kopfüber über die Felder verteilt an Pfählen auf. Damit wollen die Landwirte die lebendigen Artgenossen abschrecken und fernhalten. Im Juni hatte ein Leser solche toten Krähen auf einem Spargelfeld im Nordkreis des Kreises Unna entdeckt und die Bilder der Redaktion zur Verfügung gestellt.

Bekannt ist diese Methode allen drei Landwirten. „Das ist so üblich“, sagt Carl Schulz-Gahmen. Und Robert Schulze Kalthoff bemerkt: „Das hat man früher mal gemacht, um andere Krähen abzuschrecken, bis vor 20 oder 30 Jahren ungefähr. Aber heute geht das nicht mehr. Kadaver aufzuhängen, passt nicht mehr in die Zeit.“

„Tierschutz wichtiger als Erträge“

Dennoch zeigen alle drei auch ein gewisses Verständnis für das Vorgehen: „Krähen sind wirklich nicht meine Freunde“, sagt Friedhelm May und fragt: „Haben Sie mal gesehen, wie Krähen Hasenjunge jagen, zu dritt, zu viert? Eine lenkt die Hasenmutter ab, die anderen stechen dem Jungen die Augen aus.“ Auch fräßen die Rabenvögel immer wieder ganze Maisflächen weg, „wie an einem Buffet“. Seit die EU die Beize – eine Schicht aus einem Pflanzenschutzmittel, die auf das Saatgut aufbebracht wird – 2013 verboten hat, seien den Landwirten die Mittel genommen worden.

„Man kann sich nicht gegen Krähen schützen“, sagt May. Über seine geernteten Heuballen hat der Landwirt Silikonschutzgitter gezogen, damit die Krähen die Folie nicht aufpicken können. „Aber inzwischen wird alles – und eben auch der Tierschutz – über die Erträge von uns Landwirten gestellt“, fasst May sein Empfinden zusammen.

Carl Schulz-Gahmen würde die Krähen erschießen, falls sie überhandnehmen. So wie er es mit den Tauben gemacht hat, die im Frühjahr 2020 aus der Stadt zu ihm auf die Felder kamen und ihm die Erbsen wegfraßen. Dafür hatte er sich bei der Unteren Jagdbehörde eine Sondergenehmigung besorgt. „Das war das erste und bisher einzige Mal“, sagt Schulz-Gahmen. „An den Füßen aufhängen würde ich sie aber nicht. Das ist sehr unsensibel Spaziergängern gegenüber. Da sind ja auch Kinder dabei.“

„Man tut’s halt nicht mehr“

Auch Robert Schulze Kalthoff ist nicht gut Freund mit den Krähen. „Böllerschüsse zum Beispiel helfen nur kurzfristig“, berichtet er. „Sie lassen sich sehr schlecht bejagen, machen aber sehr viel kaputt. Zum Beispiel picken sie Lämmer, zerstören Silofolie oder fressen Vogeleier.“ Die toten Krähen seien eigentlich das Einzige, das helfe: „Krähen sind sehr schlaue Tiere“, sagt Schulze Kalthoff, „und wo eine tote Krähe ist, schreckt das die anderen ab. Aber man tut’s halt nicht mehr. Den Shitstorm kann man sich ersparen.“

Heinz-Georg Mors hat die Praktik der toten Krähen zur Abschreckung sogar noch in seiner Jägerausbildung gelernt. Er ist Leiter des Selmer Hegerings, der sich in Zusammenarbeit mit Landwirten dafür zuständig sieht, den Wildtierbestand so zu regulieren, dass die Kulturlandschaft bewahrt bleibt. Regelmäßig führt der Hegering auch sogenannte Krähentage durch, bei denen Jäger großflächig Krähen erschießen. „Die Krähen nehmen extrem überhand und richten großen Schaden an. Zum Beispiel picken sie Rehkitzen die Augen aus. Aber die Methode der aufgehängten toten Krähen ist nicht mehr zeitgemäß“, sagt auch Mors. Wichtig ist ihm zu betonen, dass er die Krähen nicht als Sport bejagt: „Wenn wir die Jagd komplett einstellen, dann haben wir keinen Spaß mehr an der Natur. Wir haben eine Kulturlandschaft und da muss man auch regulieren.“

Über die Autorin
Freie Mitarbeiterin
In und um Stuttgart aufgewachsen, in Mittelhessen Studienjahre verbracht und schließlich im Ruhrgebiet gestrandet treibt Kristina Gerstenmaier vor allem eine ausgeprägte Neugier. Im Lokalen wird die am besten befriedigt, findet sie.
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Kristina Gerstenmaier