Keine Ablöse für England-Wechsel von Borks Talent

Fußball-Drittligist Bradford City

Der Weltfußball lieferte bis zum Ende des Transferfensters am 31. August Schlagzeilen durch Rekordablösen im Millionenbereich. Mittendrin im Transfergewusel war auch der PSV Bork. Der Fußballverein hat beim Wechsel von Joel Grodowski zum englischen Drittligisten Bradford City allerdings auf viel Geld verzichtet.

BORK

, 04.09.2017, 17:28 Uhr / Lesedauer: 3 min
Keine Ablöse für England-Wechsel von Borks Talent

Fußballer Joel Grodowski (r.) ist im Sommer zu Bradford City gewechselt.

Rund 60.000 Euro hätte der Wechsel den Statuten des Weltfußballverbandes Fifa zufolge einbringen können – eine Summe, die den PSV über Nacht schuldenfrei gemacht hätte.

Vor fast genau vier Jahren hat der PSV Bork seinen neuen Kunstrasenplatz eingeweiht. Für den neuen Platz nahm der Verein damals ein Darlehen über 60.000 Euro für den Eigenanteil der Anlage an der Waltroper Straße auf. Eine Investition in die Zukunft. Denn inzwischen gelten ganzjährig nutzbare Kunststoffanlagen als überlebenswichtig, um Jugendarbeit voranzutreiben.

Mit einem Schlag hätte der Fußballverein, der keine Abteilung des Gesamtvereins PSV Bork ist, sondern eigenständig ist, seine Verbindlichkeiten im Sommer tilgen können. Der Grund war der Wechsel des 19-jährigen Talents Joel Grodowski zum englischen Drittligisten Bradford City. Einer Berechnung der Redaktion zufolge hätte die Ablöse bei rund 60.000 Euro gelegen – für jeden der beiden Jugendvereine PSV Bork und VfB Waltrop, bei denen Grodowski gespielt hat.

Geld ist nicht geflossen

Geld ist im Fall von Joel Grodowski nicht geflossen – und wird es wohl auch nicht. Beide Vereine haben auf die sogenannte Ausbildungsentschädigung schriftlich verzichtet. In dem Dokument, das der Redaktion vorliegt, steht, dass der PSV keinen „Anspruch auf jegliche Entschädigung“ hat.

Bei den Vorbereitungen des Transfers kam das Schreiben zunächst in Joel Grodowskis Elternhaus an, wo Vater Ingo Grodowski, gleichzeitig Trainer des PSV, es an den Borker Vorstand und die Waltroper weitergeleitet hatte. Vertreter beider Vereine unterschrieben daraufhin. „Bradford hätte sonst Abstand von einer Verpflichtung genommen“, sagte Dietmar de Sacco, Geschäftsführer der Borker Fußballer, und sprach von einer Frage der Moral: „Wir wollten Joels Fußballlaufbahn nicht im Weg stehen. Das wollten wir uns moralisch nicht ans Knie heften.“

De Sacco und auch Vorstand Bodo Hicking argumentierten, dass ihr Verein das Geld nie bekommen hätte – weil Bradford dann aus finanziellen Gründen kein Interesse mehr an dem Spieler gehabt hätte. 120.000 Euro Ablöse für einen Kreisligakicker? Zu teuer.

Auch Waltrops Jugendleiter Thomas Breimann unterschrieb mit der gleichen Begründung: „Joel hätte den Vertrag sonst nicht bekommen.“ Joel Grodowski gab zu dem Thema kein Statement ab. „Ich danke beiden Vereinen dafür. Das habe ich ihnen auch sofort gesagt“, sagte hingegen Vater Ingo Grodowski immer wieder.

Fifa regelt Ablösen

Dass die Vereine eigentlich finanziell profitieren sollen, regeln Fifa-Regularien. In einem Dokument „zum Reglement bezüglich Status und Transfer von Spielern“ heißt es: „Frühere Vereine, die einen Spieler ausgebildet haben, erhalten (...) eine Ausbildungsentschädigung (...) bei der Unterzeichnung des ersten Profivertrags durch den Spieler.“ Die Ausbildungsentschädigung soll Klubs zugutekommen, die zur Ausbildung eines jungen Spielers beigetragen haben, heißt es.

Profitieren könnte der PSV aber trotzdem noch: nämlich über den sogenannten Solidaritätsmechanismus der Fifa. Wechselt Joel Grodowski den Verein für eine Ablösesumme, wird auch der PSV automatisch mit einem Prozentsatz beteiligt. In fünf Jahren ist der PSV Bork, der von Sponsoren und Mitgliedsbeiträgen lebt, um Jugendarbeit leisten zu können, wieder schuldenfrei. Dann ist der Kunstrasenplatz ganz geregelt abbezahlt – auch ohne die Grodowski-Einnahmen.

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Unser Redakteur Sebastian Reith kommentiert die Sachlage:

Das Geschäft machen nur die großen Player

Eins vorweg: Reich wäre der PSV Bork durch eine verweigerte Unterschrift nie geworden. „Friss oder stirb“ – Bork musste verzichten oder Joel Grodowski hätte nicht nach England wechseln können. Moralisch ein höchst fragwürdiges Vorgehen, aber ein legales. Es war die kostengünstige Variante bei einem riskanten Geschäft. Das ist ökonomisch klug, schließlich gibt es keine Garantie, dass Grodowski sich in England auch durchsetzt. Der Knackpunkt liegt im System. Warum gibt es Regeln der Fifa, wenn man sie aushebeln kann? Joel Grodowski reiht sich hier in eine Liste mit prominenten Namen wie Neymar und Kylian Mbappe (beide Paris St.-Germain) – ebenfalls Transfers, bei denen getrickst wurde – nur in anderem Stile. Handeln müssen die Verbände Fifa und Uefa. Nicht die großen Klubs entdecken die Spieler, sondern die Vereine an der Basis. Und das gilt es zu honorieren. Anstalten, dass sich etwas ändert, gibt es derzeit nicht. Regulation ist uninteressant und juristisch kompliziert. Daher wird es dabei bleiben: Die kleinen Vereine werden unfair behandelt – das Geschäft machen nur die großen Player.

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