Ab welchem Alter kann ich meinem Kind mit gutem Gewissen ein Smartphone oder Handy in die Hand drücken? Wir haben Experten gefragt. Und die haben Tipps, die auch Menschen ohne Kindern helfen.

Selm

, 21.11.2018, 11:15 Uhr / Lesedauer: 5 min

Jessica Schulte ist sich nicht ganz sicher, wann sie ihr erstes Handy bekommen hat. „So mit 14, 15 Jahren muss das gewesen sein“, vermutet die 29-Jährige, „also relativ spät.“

Wären die Kinder von Jessica Schulte in der Welt ihrer Mutter aufgewachsen, hätten die 8-Jährige und ihr 6-jähriger Bruder jetzt wohl noch kein Handy. Das fast einjährige Nesthäkchen sowieso noch nicht. Die 8-Jährige und ihr Bruder wären wahrscheinlich zur Telefonzelle gegangen, wenn der Bus nicht kommt. Hätten ein paar Münzen eingeworfen oder eine Telefonkarte in den Schlitz gesteckt und die hervorstehenden Wählknöpfe in der Telefonkabine gedrückt, um die Nummer ihrer Mutter zu wählen.

Das ausgediente Smartphone der Eltern

Doch heute läuft das anders. Schon alleine deshalb, weil es fast nirgendwo mehr Telefonzellen gibt. In Selm zum Beispiel steht eine Telefonzelle an der Langen Straße. In der Altstadt gibt es zwar noch eine rote, englische Telefonzelle. Die ist aber nur Deko - dort zu telefonieren ist unmöglich. Auch in Bork, wo Jessica Schultes Kinder zur Schule gehen, und in Cappenberg findet sich keine Zelle zum Telefonieren mehr.

Wann sollten Kinder ein Handy bekommen - und wann nicht?

Jessica Schulte mit ihrem jüngsten Sohn Ben. Das Handy liegt eigentlich nur zu Illustrationszwecken daneben. © Sabine Geschwinder

Also besitzen Kimberly Sophie (8) und Jeremy Luca (6) seit ihrer Einschulung jeder ein ausrangiertes Smartphone der Eltern. Beide kennen drei Telefonnummern auswendig: die Handynummer ihrer Mutter, die ihres Vaters und die Festnetznummer der Großmutter. „Meine eigene Festnetznummer kenn‘ ich gar nicht auswendig“, gibt Jessica Schulte zu.

Für Jessica Schulte ist es wichtig, dass ihre Kinder Bescheid sagen können, wenn der Bus nicht kommt oder etwas passiert ist. Wäre dieser Faktor nicht, würde sie ihren Kindern erst später ein Handy zur Verfügung stellen, sagt sie.

Skeptisch beim Smartphone

So richtig zufrieden ist sie nicht damit, dass ihre Kinder mit 6 und 8 Jahren schon ein Handy haben. Sie ist skeptisch. „Ich glaube, Smartphones machen abhängig.“ Sie kennt das ja von sich selbst. Da wolle man nur schnell kurz etwas nachgucken und schon sind aus fünf Minuten 20 geworden. „Man hängt ja doch stundenlang davor“, sagt Jessica Schulte. Das beobachtet sie auch, wenn sie mit ihrem elf Monate alten Sohn Ben auf dem Spielplatz unterwegs ist. Viele Jugendliche sitzen da und starren auf ihr Handy ohne zu spielen. Aber nicht nur. „Man sieht auch keine Mutter ohne Handy am Spielplatz“, sagt die 29-Jährige.

Dem Smartphone im Alltag zu entkommen ist nahezu unmöglich. Laut Zahlen des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2018 verfügt nahezu jeder Haushalt (96,7 Prozent) in Deutschland über ein Handy oder Smartphone. Vor zehn Jahren waren es 89,7 Prozent, vor 20 Jahren nur 11,2 Prozent.

In der Altersgruppe der 6- bis 13-Jährigen besitzen laut der KIM-Studie aus dem Jahr 2016 zur Mediennutzung bei Kindern, 51 Prozent ein Handy oder Smartphone. In der Altersgruppe der 14- bis 19-Jährigen sind es 97 Prozent.

Das steckt hinter der KIM- und der JIM-Studie:
  • Die repräsentativen Studien des Medienverbunds Südwest untersuchen seit 1999 wie es um die Mediennutzung von Kindern- und Jugendlichen bestellt ist.
  • Es gibt die KIM-Studie (das steht für Kinder Medien und Multimedia). Sie deckt die Alltagsgruppe der 6- bis 13-Jährigen ab. Die JIM-Studie zeigt das Verhalten der 14- bis 19-Jährigen. Seit einigen Jahren gibt es auch die Mini-KIM-Studie, die die Mediennutzung der 2- bis 5-Jährigen untersucht.
  • Die Studien gibt es hier.

Während bei den Jugendlichen die Kommunikation via Social Media, zum Beispiel über Apps wie Whatsapp, Snapchat oder Instagram im Vordergrund steht, wird das Gerät von Kindern vor allen Dingen genutzt, um mit den Eltern in Kontakt zu treten. Also um zu telefonieren und mit ihnen zu schreiben.

„Für Grundschüler ist weiterhin das Fernsehen die Medientätigkeit mit der größten Bedeutung“, resümieren die Autoren der KIM-Studie. „Computer, Internet und Smartphone gewinnen weiterhin erst ab etwa zehn Jahren und mit dem Wechsel auf eine weiterführende Schule an Alltagsrelevanz.“

Die KIM-Studie zeigt auch, welche Einstellungen Eltern zum Thema Handy und Smartphone haben. Nur 9 Prozent finden, das Handy sei wichtig, um Erfolg in der Schule zu haben. 37 Prozent sagen, das Handy sorge in der Familie regelmäßig für Streit. Aber 50 Prozent finden, das Handy sei wichtig, um mitreden zu können.

Noch völlig unklare Auswirkungen

Wann der geeignete Zeitpunkt ist, um Kindern oder Jugendlichen ein eigenes Handy in die Hand zu drücken, ist nicht so einfach zu beantworten. „Wir können momentan noch nicht sagen, was diese Geräte mit den Gehirnen junger Menschen machen“, sagt der Psychologe Christian Montag von der Universität Ulm. Er hat das Buch „Homo Digitalis - Smartphones, soziale Netzwerke und das Gehirn“, geschrieben. Das Studienmaterial in diesem Bereich sei noch unzureichend, „trotzdem bin ich der Meinung, dass es eine vorläufige Antwort geben kann, in dem man Ergebnisse aus angrenzenden Studienbereichen berücksichtigt“, sagt Montag.

Im mittleren Kindesalter - also zwischen drei bis zehn Jahren - sei das genetisch verankerte Grundbedürfnis nach körperlich betontem Spielen am höchsten. Das Ausleben dieses sogennannten ‚Rough and Tumble Plays‘ sei von großer Bedeutung, um soziale Kompetenzen zu erwerben, als auch die Grobmotorik zu schulen. „Wenn Screentime das körperlich betonte Spielen ablöst, kann es zu Problemen kommen“, so Montag. Mehrere Studien hätten zum Beispiel gezeigt, dass Internetsucht häufig mit ADHS - also dem Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom - einhergeht. Wenn nun Kinder also zu wenig Möglichkeit haben, körperlich betont zu spielen und zugleich sehr viel Zeit online verbringen, könnte das ADHS begünstigen.

Er nimmt vor allen Dingen die Eltern in die Pflicht. „Es geht darum, dass wir als Erwachsene eine Vorbildfunktion erfüllen. Kinder ahmen das nach, was sie gesehen haben. Wenn sie sehen, dass ihre Eltern ständig am Handy hängen, imitieren sie dieses Verhalten leicht.“ Hinzu komme, so Montag, dass Kinder aus Mimik und Gestik der Eltern lernen, Emotionen abzulesen – dies ist auch wichtig für die Entwicklung von interpersonellen Fähigkeiten wie Empathie. Montag vermutet, dass der ständige Gebrauch des Handys dazu führt, dass sich Eltern und Kinder weniger ins Gesicht schauen -und soziale Kompetenzen so schwieriger erlernt werden können.

Dennoch, so betont Montag, gehe es nicht darum, Panik zu schüren. „Technologie ist nicht gut oder schlecht. Es kommt natürlich darauf an, wie und in welchem Kontext das Handy benutzt wird.“ In einer seiner Studien gaben erwachsene Teilnehmer an, dass sie durchschnittlich 2,5 Stunden am Tag - inklusive Social Media-Apps - wie Facebook am Handy verbringen. Hochgerechnet sind das zwei Arbeitstage pro Woche. „Diese Zeit hat uns Silicon Valley gestohlen“, so Montag. „Die hätten wir, zumindest zum Teil, auch mit unseren Kindern verbringen können.“

Umgang mit dem Handy, Tipps von Christian Montag: - Erwachsene müssen sich darüber bewusst werden, wie die Mechanismen der Sozialen Medien funktionieren. Die Apps zielen darauf ab, dass man möglichst viel Zeit mit ihnen verbringt. - Deshalb rät Christian Montag dazu, sich vom Smartphone nicht zu abhängig zu machen. Es helfe schon, eine Armbanduhr zu nutzen, statt das Handy und einen Wecker, der morgens fürs Wachwerden sorgt. - Wenn man Zeit mit den Kindern verbringen will - und zum Beispiel auf den Spielplatz geht - sollte man das Handy bewusst zu Hause lassen. Dann kommen Eltern auch nicht in Versuchung, sich mit dem Gerät abzulenken. - Als Erwachsener eine Vorbildfunktion erfüllen und das Handy nur an bestimmten Orten nutzen, zum Arbeiten im Arbeitszimmer zum Beispiel, und dafür seltener im Wohnzimmer. Kinder lernen dann das Erwachsene das Gerät in bestimmten Situationen nutzen (z. B. für Arbeitszwecke).

Auch die Medienpädagogin Friederike Siller sieht die Eltern in der Pflicht. „Das Smartphone dem Kind in die Handy zu drücken und zu sagen: hier sind drei Regeln, reicht nicht“, sagt die Expertin. Die Eltern müssten sich gemeinsam mit dem Kind darüber auseinandersetzen, wie das Handy genutzt werden soll.

Es spreche wenig dagegen, dass das Kind ein Handy hat, um für Notfälle erreichbar zu sein, Siller fragt sich jedoch, ob es dann auch wirklich ein Smartphone sein muss. Auch um im Netz zu recherchieren, sei ein Handy hilfreich. Doch dann müsse besprochen werden, dass das Handy zu diesem Zweck genutzt wird. „Eltern und Kinder sollten gemeinsam überlegen, wie sie das Thema im Alltag händeln“, so Siller. Zum Beispiel, könnte es eine Regel sein, dass das Handy weggelegt, wenn man zusammen Zeit verbringt

Wenn es soweit ist, dass das Kind ein eigenes Smartphone bekommt - meistens vom Übergang zur Grundschule in die Sekundarstufe - sollten Eltern ihr Kind außerdem darauf vorbereiten, so Siller. „Die Eltern müssen sich auch damit auseinandersetzen, wie ihre Haltung ist: lese ich bei Whatsapp mit?“ Siller selbst liefert dafür keine Empfehlung, rät Eltern aber, sich mit dieser Frage zu beschäftigen.

Kinder würden in der Grundschule nur wenig auf die digitale Vernetzung und soziale Medien, wie Whatsapp vorbereitet, „digitales Vernetzen verlangt Kindern aber einiges ab“, sagt Friederike Siller. Schließlich lernen die Kinder gerade noch, wie zwischenmenschliche Interaktionen im echten Leben funktionieren und dann bekommen sie vom Übergang von der Grundschule in die Sekundarstufe oft ein Smartphone und seien von 0 auf 180 mit dem Sozialen Medien konfrontiert. Und auch mit den dunklen Seiten von Social Media - wie Beleidigungen und Cyber Mobbing.

Umgang mit dem Handy, Tipps von Friederike Siller: - Den Austausch mit anderen Eltern suchen, besonders in der Schulklasse. Wie stehen die Eltern zu dem Thema? - Sicherstellen, dass die Apps, die das Kind benutzt, kinderfreundlich sind. - mit dem Kind darüber reden, was es erlebt hat. - Strategien entwickeln, damit das Kind das Handy zwischendurch auch weglegt. - Familien-Routinen entwickeln: Zum Beispiel: Wird etwas gemeinsam gemacht, liegt kein Handy auf dem Tisch.

Feste Regeln

Die Regeln für den Handykonsum sind im Haushalt Schulte in Selm strikt festgelegt. Die Kinder dürfen die Handys nur für den Schulweg mitnehmen oder wenn sie alleine unterwegs sind. In der Schule dürfen sie die Handys nicht benutzen.

Wann sollten Kinder ein Handy bekommen - und wann nicht?

Kimberly Sophie, 8, und Jeremy Luca, 6, haben viele Hobbys. Das Handy dürfen sie nur manchmal benutzen. Wenn gutes Wetter ist, gehts raus, findet ihre Mutter © Jessica Schulte

Wenn beide gleichzeitig Schulschluss haben, darf nur die 8-jährige Kimberly Sophie ihr Handy mitnehmen, der 6-jährige Jeremy Luca muss es zu Hause lassen. „Ich erlaube ihnen auch mal am Wochenende ein Youtube-Video zu gucken, wenn sie fragen“, sagt Jessica Schulte. Das soll aber die Ausnahme sein. Die ganze Zeit am Handy hängen, das gehe nicht, findet sie. „Bei schönem Wetter geht es raus“, sagt die Selmerin.

Kindergerechte Seiten und Kindersicherungen
  • Stellen Sie Kindersicherungen ein. Sie können zum Beispiel die Bildschirmzeiten festlegen oder verhindern, dass ihr Kind unerläubt App-Käufe tätigt oder bestimmte Apps nutzt. Die Anleitungen für das iPhone finden Sie an dieser Stelle.
  • Bei Android-Geräten können Sie direkt im Playstore Einstellungen vornehmen. Oder sie laden sich eine App herunter, die Kinderschutz-Einrichtungen übernimmt. Zum Beispiel die Sperr-App Kids Place. Bei Samsung-Geräten ist seit 2014 eine App dafür vorinstalliert. Sie heißt Kids Mode.
  • Kinderfreundliche Suchmaschinen sind zum Beispiel Blinde Kuh, Frag Finn oder Helles Köpfchen
  • Geeignete Spiele für Kinder finden sich zum Beispiel in der Datenbank Gutes Aufwachsen. Mehr Infos gibt es auch bei Jugendschutz.net oder beim Internet ABC.
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