Orlowski gewinnt neue Wähler, Zolda verliert sogar welche

rnKommentar zur Stichwahl

Nicht einmal eine Stunde nach Schließung der Wahllokale steht Thomas Orlowski (SPD) als neuer Bürgermeister fest. Das hohe Tempo offenbart aber auch einen Schönheitsfehler der Stichwahl.

Selm

, 27.09.2020, 20:57 Uhr / Lesedauer: 2 min

Mit sympathisch-schelmischem Lächeln schaut Michael Zolda von vielen CDU-Wahlplakaten hinab. Breit strahlen konnte am Abend der Stichwahl aber jemand anderes: Thomas Orlowski (SPD). Er baute seinen Vorsprung von vor zwei Wochen noch deutlich aus.

Offenbar vermochte CDU-Mann Zolda nicht, was seinem SPD-Rivalen Orlowski gelang. Erstens: Möglichst viele Selmerinnen und Selmer für sich gewinnen, die beim ersten Wahlgang noch für einen der anderen vier Kandidaten gestimmt hatten. Zweitens: Die eigenen Leute noch einmal motivieren, für ihn abzustimmen.

Vielleicht stieß auch manchem Zoldas überraschendes Bekenntnis in unserem Live-Talk unangenehm auf: dass es Absprachen zwischen CDU, SPD und Bürgermeister über einen gemeinsamen Kandidaten gab, an die sich Thomas Orlowski nicht gehalten habe. Hinterzimmerpolitik betreiben und nachtragend sein - das kam noch nie gut an.

Umso schöner die versöhnliche Geste nach Bekanntgabe des Ergebnisses: zwei Männer, die sich Respekt zollen und die beide Selms Politik gestalten wollen. Der eine jetzt als SPD-Bürgermeister, der andere als starker Mann der starken CDU-Fraktion.

Dass die Wahlhelferinnen und Wahlhelfer nicht einmal eine Stunde brauchten, um die Stimmen auszuzählen, hat einen traurigen Grund: die miese Wahlbeteiligung von gerade einmal 40,9 Prozent. Beim ersten Wahlgang waren es immerhin noch 52 Prozent - auch nicht berauschend.

„Weiter-so“-Kandidaten unter sich

Nach dem klaren Votum für ein „Weiter-so-Selm“ im Rat mit den beiden „Weiter-so-Kandidaten“ scheint das Wahlinteresse abrupt nachgelassen zu haben. Zwar konnte der strahlende Sieger 1085 Stimmen mehr auf sich vereinigen als im ersten Wahlgang, aber die 3368 Stimmen der anderen vier Kandidaten vermochte er nicht einmal zu einem Drittel auffangen: Michael Zolda musste sogar auf 23 Stimmen verzichten, die er noch vor zwei Wochen hatte: ernüchternd. Die 12.932 Nichtwählerinnen und Nichtwähler - also die Mehrheit der wahlberechtigten Selmer Bürgerschaft - haben darauf verzichtet, mitzubestimmen, ob aus Desinteresse oder Protest. In jedem Fall eine vertane Chance.

Der Auftrag der Wählerinnen und Wähler ist klar: weiter aufwärts mit Selm. Von Blockade war da nicht die Rede. Dass es im Getriebe der großen Koalition nicht mehr so geräuschlos laufen wird wie in der Vergangenheit, ist dabei alles andere als schlimm. Mehr Überzeugungsarbeit leisten zu müssen, um Partner in einem bunter gewordenen Rat zu finden, kann auch helfen, die Akzeptanz der Entscheidungen zu steigern.

Bürgermeister Orlowski wird diese neuen Mehrheiten organisieren müssen: nur eine Herausforderung unter vielen angesichts der begonnenen Investitionsprojekte und der anhaltenden Schuldenkrise.

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