Kriegsreporter aus Selm in Berlin ausgezeichnet

Otto-Brenner-Preis für Ashwin Raman

Kriegsreporter Ashwin Raman aus Selm hat in Berlin den ersten Preis der Otto-Brenner-Stiftung für seine Dokumentation "Das 13. Jahr – Der verlorene Krieg in Afghanistan" entgegen genommen. Warum er gewonnen hat? Wir dokumentieren die Laudatio im Wortlaut.

SELM/BERLIN

, 22.11.2015, 12:38 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kriegsreporter aus Selm in Berlin ausgezeichnet

Die Verleihung der Otto-Brenner-Preise 2015: Das Foto zeigt Moderatorin Anja Höfer und Preisträger Ashwin Raman.

Der Film wurde in der ARD in der Reihe „Die Story im Ersten“ zur besten Sendezeit am Abend ausgestrahlt. Ashwin Raman, der mit seiner Frau Monika seit 20 Jahren in Selm lebt, zeigte darin die Zustände in Afghanistan, wo seit 13 Jahren die Bundeswehr stationiert ist – um den Frieden zu sichern und die nationale Armee auszubilden und zu stärken. Kurz vor dem geplanten Abzug der deutschen Truppen dokumentiert der Film, dass die Baustelle noch lange nicht geschlossen ist.

800 Produkte eingereicht

Der Film wurde als bester unter 800 Einreichungen aus Zeitungen, Hörfunk und Fernsehen ausgezeichnet. Der erste Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Sonika Mikich, Chefredakteurin des WDR, sprach die Laudation, die wir hier im Wortlaut zitieren:

„(...) Sein Werk, seine Art zu arbeiten, sind keinem Zeitgeist unterworfen. Er ist keiner, der in die Kamera quatscht, wo der Presenter viel wichtiger ist als das Gemachte. Keiner, der rein und raus rauscht – und dann ab zum nächsten Ego-Trip. Er ist keiner, der Moden mitmacht.

Ashwin Raman nimmt sich viel Zeit, denn Zeit bedeutet Autorität. Er will, dass Journalismus wieder dieses Bild bekommt: abbilden, einordnen, aufklären. Zerstreuen gehört nicht dazu. Wie alle guten Kriegsreporter hat er ein gutes Motiv: Er geht ins Herz der Dunkelheit, weil wir, die Öffentlichkeit, wissen sollen, was wirklich passiert. Er gehört zur Spezies der Journalisten, die sich der Wahrheit verschrieben haben – und zwar unter großer persönlicher Gefahr. Seit Jahrzehnten wagt er sich tief in Kriegs- und Krisengebiete und fragt sich: Wer ist Opfer und wer Täter? Er holt aus kleinsten Begegnungen mit Menschen vor Ort große Erkenntnisse hervor, bringt sie zum Sprechen.

Der Zuschauer ist berührt von den vielen Momentaufnahmen, die Raman zu einem großen Narrativ verknüpft: Nämlich, wie dünn die Firnis der Zivilisation ist und wie schnell Werte verloren gehen. Raman ist Veteran solcher Berichterstattungen.

Raman hat im Film „Das 13. Jahr“ nicht den Focus auf die Warlords, die Geschäftsleute, die Mächtigen gelegt. Der Film entwickelt seine Wucht im Beiläufigen. Wir erfahren von ausgebeuteten indischen Gastarbeitern in den Kantinen, von gefährdeten Übersetzern. Von knapp 5000 getöteten einfachen Soldaten der afghanischen Nationalarmee, von 3000 getöteten Zivilisten allein 2014. Wir lernen, dass sich Afghaninnen im Gefängnis sicherer führen als draußen, wo ihnen wegen ihres freien Lebenswandels Gefahr droht. Und es ist wirklich erstaunlich: Im Gefängnis haben sie Englischunterricht und dürfen Sport treiben. Er beobachtet einen Hundekampf – grausam, verboten, aber nicht abschaffbar. 3 Milliarden Euro deutsche Entwicklungshilfe hin oder her. Kinderprostitution ist verbreitet. Da werden Knaben als Mädchen verkleidet und müssen aufreizend vor einem Männerpublikum tanzen, um hinterher mit einem von ihnen mitzugehen. Die widerlichen Heucheleien der Frommen.

Raman ist ein unsentimentaler Analyst. Weil er sein eigener Kameramann ist, weil er über die Jahre ein großes Informantennetz geknüpft hat, holt er das Relevante heraus. Mit kargen Bildern und nüchternen Worten.

13 Jahre Einsatz haben wenig gebracht: Die Zivilbevölkerung ist enttäuscht. Die Taliban warten in Ruhe die erneute Machtübernahme ab. Und die Milliarden an Entwicklungshilfe sind irgendwie versickert. Die afghanische Armee ist genauso ratlos wie ihre hochentwickelten Trainer aus dem Westen.

Wie hieß es damals? Die Sicherheit Deutschlands wird am Hindukusch verteidigt. Die Realität des Augenzeugen und Reporters ist bitter: Die 13 Jahre währende Infusion von Sicherheit und Stabilität war zu gering. Dieses Land ist für die Demokratie verloren. Ich beglückwünsche Ashwin Raman zum ersten Preis.“ 

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