Kronzeuge belastet angeklagten Selmer Rocker

Bandidos-Prozess

Beim großen Bandidos-Prozess am Landgericht Münster hat am Dienstag erstmals der Kronzeuge ausgesagt. Es ging um den wiederholten Drogenschmuggel nach Finnland. Dabei belastete der Zeuge den Selmer Angeklagten schwer - obwohl ihm aus dem Publikum mit dem Tod gedroht wurde.

Selm/Münster

08.03.2016, 17:56 Uhr / Lesedauer: 2 min
Bewacht von einem Sondereinsatzkommando und weiteren Beamten des Zeugenschutzes wurde der Kronzeuge der Anklage im Bandidos-Prozess am Dienstag zum ersten Mal ins Landgericht gebracht.

Bewacht von einem Sondereinsatzkommando und weiteren Beamten des Zeugenschutzes wurde der Kronzeuge der Anklage im Bandidos-Prozess am Dienstag zum ersten Mal ins Landgericht gebracht.

Mit Blaulicht und Martinshorn brachte die Polizei den Kronzeugen am Dienstagmorgen zum Landgericht. Als er den Saal betrat, beobachtete der Vorsitzende des Gerichts eine Besucherin, die ihre Hand zur Kehle führte und mit eindeutiger Geste am Hals vorbei zog.  

Die Einlassungen des Mannes vor der 3. Großen Strafkammer waren dann sehr zähflüssig. Jeden Satz musste der Vorsitzende Dr. Dyhr aus dem Zeugen herausholen, ihn immer wieder an seine fast zwei Jahre alten polizeilichen Vernehmungen erinnern.

Im Kern blieb er bei seinen Darstellungen. Demnach habe ihm der mitangeklagte frühere Präsident der Steinfurter Bandidos Ende 2012 einen Job angeboten. Er sollte eine Dreiliter-Wodkaflasche, die mit Amphetamin-Öl gefüllt war, in einer Reisetasche von Düsseldorf nach Tampere bringen. Der Kronzeuge ahnte, dass darin kein Schnaps war.

Mehrere Drogen-Kurierflüge nach Finnland

Im finnischen Tampere wurde er vom Flughafen abgeholt und zu einem Haus gebracht, in dem der Steinfurter Bandidos-Chef und der Selmer Angeklagte auf ihn warteten. Solche Kurierflüge habe er dann mehrmals von unterschiedlichen deutschen Flughäfen wiederholt. Immer für 500 Euro pro Liter. Mal sei das Öl in einer Dreiliter-Weinbrandflasche gewesen, mal habe er auch nur größere Geldmengen von den finnischen Bandidos abgeholt.

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Der Selmer Bandido habe das Amphetamin-Öl in Holland besorgt und die Flaschen präpariert. Ob der Selmer auch fertiges Amphetamin herstellte, konnte der Zeuge nicht sagen. Jedenfalls habe er in dessen Lagerhalle kein Drogenlabor gesehen. Einige Male sei auch ein anderer Angeklagter aus dem laufenden Prozess als Kurier nach Tampere gereist.

Kronzeuge sprach über den Überfall auf einen Südkirchener 

Neben den Amphetamin-Geschäften berichtete der Kronzeuge auch von dem Überfall auf den Südkirchener Drogendealer. Zusammen mit dem englischen Angeklagten habe er im Auftrag des Bandidos-Präsidenten fünf Kilo Amphetamin für den Südkirchener von Enschede über die Grenze gebracht.

Doch statt ihm das Rauschgift in Deutschland zu übergeben habe der Engländer dem Dealer „was aufs Maul gegeben“ und die 1000 Euro Botenlohn kassiert. Mit dem Marihuana seien sie dann nach Magdeburg gefahren, um es an die dortigen Bandidos zu verkaufen. Dies alles habe der Steinfurter Präsident eingefädelt.

 

Am nächsten Freitag geht die Vernehmung des Kronzeugen weiter.

So wird ein Kronzeuge beschützt
Von Mitte 2012 bis Mitte 2014 gehörte der Kronzeuge den Bandidos an, bis er vor ihnen nach Spanien flüchtete und sich von dort an das Landeskriminalamt NRW wandte, um „auszupacken“. Einen gewaltigen Sicherheitsaufwand betrieb das Gericht am Dienstag zum Schutz des 39-jährigen vorbestraften Mannes:
  • Ein vielköpfiges Sondereinsatzkommando wartete bereits am Landegericht, als der Ex-Rocker von Beamten des Zeugenschutzes in die Tiefgarage gefahren wurde.
  • Hinter der normalen Einlasskontrolle am Haupteingang gab es eine zweite noch schärfere Kontrolle vor dem Gerichtssaal. Dabei wurden die zwölf Sicherheitsbeamten der Justiz von SEK-Leuten unterstützt. Besucher mussten ihre Handys abgeben.
  • Zu Beginn der Verhandlung ermahnte der Kammervorsitzende Dr. Jochen Dyhr die Zuhörer, dem Kronzeugen nicht zu drohen, auch wenn sie nicht gut auf ihn zu sprechen seien. Zuwiderhandlungen werde das Gericht bestrafen. Eventuell sogar mit Haft, so Dr. Dyhr. Die Geste zu Anfang des Prozesstages - eine Besucherin hatte zum Kronzeugen eine "Kopf ab"-Geste gemacht - gab der Richter zu Protokoll und behielt sich eine Reaktion vor.

 

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