Kunsthistoriker untersucht den Babarossakopf

Büste in Cappenberg

Große Augen, lange Nase, Erdbeermund und eine Barttracht, die heute als hip gelten würde: Der Cappenberger Barbarossakopf ist nicht nur schön, sondern auch rätselhaft. Was verbirgt sich im Inneren des Kopfes? Wie ist er nach Cappenberg gelangt? Und wen stellt der Kopf dar? Der Kunsthistoriker Ulrich Rehm sucht Antworten.

CAPPENBERG

, 28.09.2017, 15:01 Uhr / Lesedauer: 3 min
Kunsthistoriker untersucht den Babarossakopf

Der Barbarossakopf in der Stiftskirche in Cappenberg.

Im Interview spricht Ulrich Rehm, Professor für Kunstgeschichte des Mittelalters an der Ruhr-Universität Bochum, über die Besonderheiten der weltbekannten Büste aus dem Kirchenschatz.

Stand das Foto vom Barbarossakopf auch in Ihrem Geschichtsbuch, als Sie noch Schüler waren? Nein, ich glaube nicht. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass ich ihn erstmals während meines Studiums wirklich wahrnahm in einem Aufsatz über Bildnisse im Mittelalter bei Peter Bloch.

Auch wenn die erste Begegnung mit ihm etwas später war: Sie haben den Barbarossakopf bestimmt vor Augen … … klar: Da fällt mir sofort der recht ungewöhnliche Bart auf: ein Oberlippenbart, der vom gestutzten Kinnbart getrennt ist. Die Nase ist auffallend lang. Die Augen sind weit geöffnet und haben mehrere auffallende Bögen darüber, die sich nicht allein als Augenbrauen erklären lassen. Besonders auffallend: die Korkenzieherlocken. Ich kenne keine andere mittelalterliche Darstellung mit einer solchen Frisur.

Ist er denn lebensgroß? Nein, tatsächlich misst er nur rund 30 Zentimeter – inklusive des Sockels, also nur die halbe Lebensgröße. Der Kopf wird von Engeln getragen, die auf einem achteckigen Kranz knien.

Hat der Barbarossakopf denn auch einen ganz praktischen Zweck? Es handelt sich um ein Reliquiar. Dass das von vorne herein der Zweck war, belegt auch die Inschrift auf den beiden Halsbändern. „Was hier bewahrt wird, ist vom Haar des Johannes“, ist da zu lesen. Und dazu noch ein Gebet, dass der Heilige alle erhören möge, die sich im Gebet an ihn wenden. Da passt es natürlich, dass sich der Kopf in der Stiftskirche befindet, die dem heiligen Johannes, dem Täufer geweiht ist.

Befinden sich denn tatsächlich Haare im Kopf? Bekannt ist, dass sich Reliquien in dem Kopf befinden. Später ist noch mehr dazu gekommen. Da gibt es bestimmt noch einiges zu erforschen. Nach einer historischen Inventarliste handelt es sich dabei auch um Haare des Haupts und des Bartes des Heiligen Johannes, was eigentlich erstaunlich ist.

Warum? (lacht) Weil Johannes in der traditionellen westeuropäischen Ikonografie immer als jüngerer Mann dargestellt wird: völlig bartlos.

Aber ist es denn wirklich Johannes, der dargestellt ist, oder nicht vielmehr Friedrich I. der wegen seines roten Bartes als Barbarossa in die Geschichte einging? Das ist die Frage. Fest steht, dass Otto von Cappenberg, der Bruder des Heiligen Gottfried, den Kopf 1171 in seinem Testament erwähnt: Unter den Sachen, die er dem Stift vermacht, ist „ein silberner Kopf, geformt nach dem Bilde des Kaisers.“

Wie war Otto überhaupt in den Besitz des Kopfes gekommen? Er war der Patenonkel des späteren Kaisers Friedrich I. Die Taufe hatte am Festtag Johannes des Evangelisten, also am 27. Dezember 1122, stattgefunden. Der vergoldete Kopf ist ein Geschenk an den Paten. Der hatte in seinem Testament ausdrücklich den Konvent aufgefordert, an die Taufe des Kaisers am Johannestag zu erinnern. Schon deshalb lässt sich meiner Meinung nach mit gutem Recht von einem Barbarossakopf sprechen, auch wenn er mit Johannes eng verbunden ist.

Können wir uns also Barbarossa genau so vorstellen: mit dem gepflegten Bart und dem Erdbeermund? Nein, wer eine Art Passbild vermutet, dürfte enttäuscht sein. Es handelt sich um eine idealisierte Darstellung, die den Kaiser bewusst in die Nähe der antiken Herrscher setzt. So wie bei den antiken Münzen. Bildnisse der jeweiligen Herrscher sind darauf ab gebildet, die Eigenschaften oder besondere Züge deutlich machen, also einen Wiedererkennungswert besitzen, den Einzelnen aber nicht unverwechselbar abbilden. Solche unverwechselbare Porträts kommen erst im 15. Jahrhundert auf.

Kommen wir noch einmal auf Ottos Testament zurück: „Ein silberner Kopf“ nach dem Bild des Kaisers ist da erwähnt, wie Sie sagen. Aber der Barbarossakopf ist doch golden? Stimmt, ein vergoldeter Bronzekopf. Vielleicht ein Fehler des Schreibers, weil etwas später im Testament von der silbernen Taufschale die Rede ist, die Otto ebenfalls dem Stift vermacht hat. Man darf wohl davon ausgehen, dass genau dieser Kopf gemeint ist.

Seit wann geht die Wissenschaft davon aus? 1866 hat der damalige Münsteraner Archivdirektor Philippi seine These veröffentlicht, dass der in Ottos Testament erwähnte silberne Kopf derselbe ist wie der goldene Barbarossakopf. Seither ist der Cappenberger Kopf aus den kunsthistorischen Handbüchern und den großen Mittelalter-Ausstellungen nicht wegzudenken, ja er zählte im ganzen 20. Jahrhundert zu den Ikonen mittelalterlicher Kunst schlechthin und wurde als sensationeller Vorläufer des Renaissance-Porträts gefeiert.

Eingangs hatte ich Sie gefragt, wie es war, als Sie das erste Mal ein Foto des Barbarossa-Kopfes sahen. Wie war es, als Sie ihn das erste Mal berührten? (lacht) Das kann ich nicht sagen, denn ich habe ihn bislang nie berührt. Eine Replik im Schnütgen-Museum in Köln kenne ich ganz gut, und ich habe den Kopf auch bei Ausstellungen in Münster und Aachen gesehen, aber noch nie in Cappenberg. Das wird am Donnerstag eine Premiere sein.

Am Donnerstag, 28.09., hält Ulrich Rehm ab 19 Uhr in der Stiftskirche am Schloss Cappenberg einen Vortrag zum Thema: „Warum sich einen Kopf machen? Der Cappenberger Barbarossakopf und die Tradition der Bildnisbüste“.

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