Lagerkoller verhindern: Wie Paare und Familien Auswirkungen des Coronavirus meistern können

rnExpertengespräch

Das Leben steht still – und damit bei vielen kopf. Das Coronavirus und seine Folgen werden zur Belastungsprobe für Paare und Familien. Wie Ehe- und Lebensberaterin Ina Fornefeld die Dinge sieht.

Kreis Unna

, 03.04.2020, 11:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Alltag von Paaren und Familien ist normalerweise klar strukturiert. Alles ist durchgetaktet: Frühstück, Kinder für KiTa oder Schule fertig machen, ab zur Arbeit oder um Einkauf und Haushalt kümmern – und spätestens abends sitzen wieder alle an einem Tisch.

Jetzt ist nichts mehr wie es vorher war. Kinder sind Zuhause, viele Berufstätige ebenfalls. Und plötzlich hocken Paare und Familien 24 Stunden an sieben Tagen die Woche aufeinander. Keine Abwechslung mehr durch soziale Kontakte oder etwaige Freizeitaktivitäten – das fällt alles dem Coronavirus zum Opfer.

„Was Jahre lang einfach gelaufen ist, wird jetzt plötzlich zum Problem.“
Ina Fornefeld

Ein Zusammenleben unter erschwerten Bedingungen, nennt Ina Fornefeld das. Sie ist Leiterin der Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle des Bistums Münster mit Sitz in Lünen. „Was Jahre lang einfach gelaufen ist, wird jetzt plötzlich zum Problem.“ Und in Paaren und Familien, in denen es vielleicht schon vor Ausbruch der Corona-Krise Konfliktpotenziale gegeben hat, kommt jetzt „noch mehr Druck in den Kessel“, wie Fornefeld sagt.

Beratung für Alleinstehende, Paare und Familien

Das insgesamt siebenköpfige Team der Lünener Beratungsstelle hat deshalb ein Krisentelefon eingerichtet, will bei Lebens- und Familienproblemen trotz des weitreichenden Kontaktverbotes da sein.

Das Team der Beratungsstelle Lünen der Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum Münster mit Leiterin Ina Fornefeld, Johanna Jost, Tobias Kettrup, Ingrid Löblein, Maria Luthe-Stolina, Maria Thiemann und Sabine Borgschulte.

Das Team der Beratungsstelle Lünen der Ehe-, Familien- und Lebensberatung im Bistum Münster mit Leiterin Ina Fornefeld, Johanna Jost, Tobias Kettrup, Ingrid Löblein, Maria Luthe-Stolina, Maria Thiemann und Sabine Borgschulte. © Bistum Münster

Die Fragen, die sich in der derzeitigen Situation ergeben, sind freilich vielfältig. Wie soll man der Erwartungshaltung des Chefs im Homeoffice gerecht werden, wenn da gleichzeitig zwei Kleinkinder um Aufmerksamkeit buhlen? Wenn er im Homeoffice sitzt und sie als Krankenschwester nach der Schicht mit der Erwartung nach Hause kommt, er hätte im Haushalt vielleicht auch mal die Finger gerührt, um ihr den Rücken freizuhalten – wie lassen sich gewohnte Rollenbilder aufbrechen? Aber auch Alleinerziehende oder Alleinlebende und längst nicht nur junge Paare haben mit der Herausforderung zu kämpfen.

„Man braucht auch mal Pause, Pause vom Partner und Pause von den Kindern.“
Ina Fornefeld

„Alle Veränderungen in der gewohnten Lebensstruktur stellen Einzelne genau wie Paare und Familien immer wieder vor Herausforderungen“, sagt Fornefeld. Jetzt kommt alles auf einen Schlag – man kann sich im Zweifel nicht mal mehr aus dem Weg gehen. Abstand aber bleibt nach ihrer Einschätzung auch in der Corona-Krise ein wichtiger Faktor für das Zusammenleben. Fornefeld: „Man braucht auch mal Pause, Pause vom Partner und Pause von den Kindern.“

Tipps der Berater

Einfache Kniffe gegen den Lagerkoller

  • Bewegung so viel und so gut es geht: Im Garten oder auch im Haus
  • Jedem Familienmitglied Freiräume und Auszeiten geben, Rückzugsmöglichkeiten schaffen
  • Alltag so gut es geht strukturieren, gemeinsame Zeiten festlegen
  • Lieblingsbücher lesen, Lieblingsfilme ansehen, in Fotoalben schmökern, Spiele spielen, Buden bauen, Ostereier bemalen, neue Rezepte ausprobieren, Tagebuch schreiben
  • Statt einer WhatsApp-Nachricht einen Brief an die Großeltern und andere schreiben, die gerade einsam sind
  • Konflikte unterbrechen – und sich unterbrechen lassen –, um sie später, wenn die Gemüter sich beruhigt haben, in Ruhe aufarbeiten zu können
  • Sich der Ausnahmesituation bewusst machen und deshalb mit mehr Toleranz reagieren
  • Den Humor nicht verlieren; „denn Lachen macht es leichter“, sagen die Berater

Lagerkoller: Zeiten bewusst planen

Ihr Tipp: Spätestens jetzt miteinander Bilanz ziehen, was gut und was weniger gut läuft – und mit den Erkenntnissen gemeinsam darüber nachdenken, was man verändern sollte. „Dinge miteinander absprechen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist“, rät sie. Dazu gehöre unter anderem, Zeiten ganz bewusst einzuplanen.

„Meine Zeit, deine Zeit, unsere Zeit – es ist wichtig, den Alltag so gut es geht zu strukturieren“, so Fornefeld. Es brauche Zeit für sich selbst, um einmal Durchatmen zu können. Aber auch bewusst Zeiten füreinander, in denen man etwas Schönes miteinander macht. Joggen, spielen oder Fotos mit gemeinsamen Erinnerungen ansehen. „Etwas Lustvolles tun, das Spaß macht – das kann Sexualität einschließen, muss aber nicht darauf begrenzt sein“, so Fornefeld.

Scheitern ist Okay: „Ruhe bewahren und noch mal versuchen“

Auf diesem Weg könne man auch mal scheitern. „Das ist Okay“, sagt Fornefeld. „Ruhe bewahren und es noch mal versuchen, anders, weil es anscheinend nicht läuft.“ Schlimmstenfalls drohe die Situation zu eskalieren. Und das wäre in der jetzigen Zeit wirklich das allerschlechteste aller Szenarien.

Wer Hilfe braucht, kann sich an das Krisentelefon der Beratungsstelle des Bistums Münster richten, die ihr Angebot ausdrücklich an alle Hilfesuchenden im Kreis Unna adressiert. Wegen der Corona-Pandemie gibt es auch dort im Moment zwar keine Face-to-Face-Beratung, die Berater stehen aber zu festen Beratungszeiten unter Tel. (02306) 30171214 zur Verfügung.

Ausführliche Informationen auch zu den Telefon-Sprechzeiten finden sich auf der Internetseite der Beratungsstellen des Bistums Münster.
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