Wie ein Landwirt und viele Paten gemeinsam einen Acker in ein Blumenmeer verwandelt haben

rnBlühstreifen-Patenschaft

Vor zwei Monaten war der Acker hinter dem Hof von Patrick Balster eine leere Fläche. Heute summen unzählige Insekten über einem violetten Blumenmeer. Die Farbe wird sich bald noch ändern.

Selm

, 07.07.2019, 04:43 Uhr / Lesedauer: 3 min

Die Blüten der Phacelia sind es, die den eineinhalb Hektar Blumenwiese am Hof von Patrick und Susanne Balster diesen violetten Schimmer geben. Der Landwirt steht gerade am Rand der Wiese und zeigt stolz auf einzelne Blumen. Bienen und Hummeln summen, Schmetterlinge flattern umher. Das Blühstreifenprojekt, zu dem die Balsters Anfang des Jahres aufgerufen hatten, ist zu einem vollen Erfolg geworden.

Für 50 Euro, so hatte Balster angeboten, würde er 100 Quadratmeter Ackerfläche mit einer Blumenmischung bepflanzen. Und die Selmer haben mitgemacht: 160 Patenschaften kann Balster heute verzeichnen. „Einige Leute oder auch Firmen haben gleich mehrere Patenschaften übernommen“, erzählt der 44-Jährige.

Wie ein Landwirt und viele Paten gemeinsam einen Acker in ein Blumenmeer verwandelt haben

Die Phacelia, die der Wiese ihren violetten Schimmer verleiht, ist vor allem bei Hummeln beliebt. © Martina Niehaus

Darüber freuen sich nicht nur die vielen Insekten, die die Fläche gerade bevölkern. Auch Heinz-Wilhelm Büscher vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) ist hochzufrieden mit der Blühstreifen-Aktion. Am Rand der Blumenwiese erklärt der 62-Jährige, was ihn an der Patenschaft begeistert.

Jeder Landwirt darf selbst entscheiden

„Bei den herkömmlichen geförderten Maßnahmen müssen Landwirte jeden Blühstreifen genau ausmessen, es gibt Richtlinien und klare Vorgaben. Das ist sehr aufwendig“, sagt Büscher. Bei Abweichungen gebe es sogar Sanktionen für die Landwirte - klar, dass da nicht jeder mitmachen wolle.

Wie ein Landwirt und viele Paten gemeinsam einen Acker in ein Blumenmeer verwandelt haben

Patrick Balster (l.) und Heinz-Wilhelm Büscher vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband. © Martina Niehaus

Doch es geht auch anders. „Es gibt seit 2019 Bio-Diversitäts-Maßnahmen, für die wir gerade Werbung machen. Hier muss man nichts ausmessen.“ Jeder Landwirt könne selbst entscheiden, ob und wie viel Fläche er zur „Bienenweide“ umwandeln möchte. Der WLV habe das Saatgut in den Ortsverbänden zur Verfügung gestellt. Im gesamten Bereich Ruhr-Lippe und Ennepe-Ruhr/Hagen waren es 2,5 Tonnen Saatgut. Im Kreis Unna seien auf diese Weise bereits 140 Kilometer Blühstreifen entstanden. „Allein in Selm gibt es mittlerweile 35 Bio-Diversitätsflächen“, erzählt Büscher.

Probleme und Missverständnisse: Blühstreifen wurden abgemäht

Anfangs gibt es auch Probleme. „Wir haben schon erlebt, dass wir eine Blühfläche angelegt haben, und dann hat die Stadt alles wieder abgemäht.“ Das sei allerdings nicht in Selm passiert. „Manchmal gab es auch Beschwerden von Leuten, die die Blumenwiesen unordentlich fanden.“

Patrick Balster und Heinz-Wilhelm Büscher wissen beide, dass das Umdenken in Sachen Insektenschutz noch nicht in allen Köpfen angekommen ist. Büscher: „Vor 20 Jahren bekam man noch ,Feldrandhygiene‘ beigebracht. Am besten fuhr man zehnmal im Jahr mit dem Mulcher um die Felder. Alles sollte ordentlich aussehen.“ Heute wüssten die Leute, dass es „nicht schlimm ist, wenn mal was stehenbeleibt.“

Selbst Patrick Balster, fast 20 Jahre jünger als Büscher, hat diese Denke noch miterlebt. „Ich habe das auch noch so gelernt: Der Feldrand soll gemulcht werden. Das ist Gift für die Natur.“

Radfahrer halten an und genießen den Anblick

Heute freuen sich Patrick und Susanne Balster darüber, wenn Passanten anhalten und die Wiese betrachten. „Das passiert oft, hier geht ja der Fahrradweg entlang“, sagt Susanne Balster. „Und die Leute genießen den tollen Anblick.“

Wie ein Landwirt und viele Paten gemeinsam einen Acker in ein Blumenmeer verwandelt haben

Blühstreifen bieten vielen Insekten Nahrung und Unterschlupf © Martina Niehaus

Nicht mehr lange, und die Wiese wird ihr Gesicht noch einmal ändern. Wenn die lilafarbene Phacelia verblüht, kommen blaue Kornblumen und roter Klatschmohn zum Vorschein, weißer Steinklee und gelbe Sonnenblumen, Dill und Koriander. „Die Mischung ist so angelegt, dass nicht alle Blumen gleichzeitig blühen. Dann haben die Insekten länger etwas davon“, erklärt Patrick Balster.

Es sind nicht nur Insekten, die Nahrung finden: Feldlerchen und andere Singvögel brüten gelegentlich in Blühstreifen und finden dort Nahrung. Feldhasen und Rehe mögen die eiweiß- und proteinreichen Kleesorten und Kräuter.

Ein Paten-Picknick am Wiesenrand ist geplant

Selbst wenn die Wiese im Herbst verblüht ist, wird Patrick Balster sie über den Winter stehen lassen - auch wenn sie dann nicht mehr einen so schönen Anblick bieten wird. „Insekten nutzen die abgestorbenen Halme zum Überwintern oder legen ihre Eier darin ab“, sagt er. Abgemäht wird dann Ende Februar - bevor die Feldhasen ihre Jungen absetzen.

Infos und Kontakt zum Bauernhof Balster
  • Der Hof der Familie Balster liegt am Buxfort 8; die Wiese liegt hinter dem Hof entlang des Radwegs.
  • Wer sich für eine Patenschaft im nächsten Frühjahr interessiert, darf sich gerne jetzt schon bei Patrick Balster melden.
  • Per Mail unter Rettet-die Bienen@outlook.de, per Telefon unter (02592) 9199300. Man darf gerne auf den AB sprechen.

Und dann möchte Patrick Balster gern eine neue Blumenwiese einsäen. „Unser Anliegen ist es, die Blühpatenschafen dauerhaft zu etablieren. Wir hoffen, dass viele der Paten im nächsten Jahr wieder mitmachen.“

Doch jetzt sollen die Paten erst einmal „ihre“ Wiese genießen. Am 7. Juli wird es ein Picknick an der Blumenwiese geben, zu dem die Paten kommen dürfen - 60 Anmeldungen haben die Balsters bereits entgegengenommen. Dann werden es nicht nur Bienen und Hummeln sein, die an der blühenden Wiese futtern dürfen.

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