Wie Marcel Blank (37) aus Selm plötzlich schwer erkrankte und trotzdem optimistisch bleibt

rnSeltene Immunkrankheit

Von einem Tag auf den anderen änderte sich das Leben von Marcel Blank (37) drastisch. Der Familienvater leidet an einer seltenen Immunkrankheit, die ihn in kurzer Zeit fast das Leben kostete.

Selm

, 27.06.2019, 16:50 Uhr / Lesedauer: 3 min

Marcel Blank (37) weiß, wie es sich anfühlt, wenn einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird. Das Gefühl ist noch ganz frisch. Es steht ihm ins Gesicht geschrieben. Der Selmer sitzt in seinem abgedunkelten Wohnzimmer. Draußen drückt die Hitze von 37 Grad, drinnen arbeitet der Ventilator an der Decke über den Köpfen von Marcel Blank, seiner Frau Julia und vom jüngsten, gerade sechs Monate alten Sohn Maximilian.

Blank, graue kurze Hose, schwarzes T-Shirt und dunkle Kappe, sitzt im Sofa und tippt mit der Fingerspitze auf einem kleinen schwarzen Kasten, der auf seinem Schoß liegt. Sein Lebensretter für den Fall der Fälle. Denn jeden Moment kann Marcel Blanks Herz stehenbleiben, kann Kammerflimmern auftreten.

Tragbarer Lebensretter ist immer dabei

Das kleine Gerät ist an eine Weste angeschlossen, die Marcel Blank unsichtbar unter seinem T-Shirt trägt, eine sogenannte „Life-Vest“. Sie misst seine Herzaktivität. Und reanimiert sein Herz, wenn es aufhören sollte zu schlagen. Ein tragbarer Defibrillator.

Hätte man Marcel Blank vor sechs Wochen auf solche medizinischen Geräte angesprochen, hätte er sie nur von seiner Arbeit als Altenpfleger gekannt. Dass sein eigenes Leben davon abhängen könnte - Marcel Blank hätte nicht daran geglaubt. Zumindest nicht so früh. Dabei fing all das eigentlich harmlos an. Zumindest dachte Blank das.

Innerhalb kürzester Zeit kaum noch Antrieb

Müde, abgeschlagen, einfach fertig habe er sich nach der Arbeit gefühlt. „Er hat nachmittags teilweise zwei Stunden auf dem Sofa geschlafen“, erinnert sich seine Frau Julia. Normal sei das für ihren Mann nicht gewesen, der eigentlich voller Tatendrang steckte. Er habe vor Spontaneität gesprudelt. „Lass uns doch mal dieses und jenes machen, hierhin fahren, mit den Kindern was unternehmen“, beschreibt sie ihren Mann.

Dass er innerhalb kürzerer Zeit viel weniger Antrieb hatte, auch häufiger gereizt war - für die Blanks war es ein Zeichen von zu viel Arbeit. Seine Arbeit als Altenpfleger ist anstrengend, stressig, fordernd.

Plötzlich stieg der Ruhepuls extrem

Irgendwann konnte Blank die Zeichen dann nicht mehr leugnen. Hier stimmte etwas nicht. Der Moment kam an einem Abend. „Ich saß vor dem Fernseher, habe Playstation gespielt“, erinnert sich der damals 36-Jährige. „Plötzlich ist mein Ruhepuls extrem hochgegangen.“ Bei 160 habe dieser gelegen. Gleichzeitig sei der Blutdruck in den Keller gegangen, so Blank.

Das Ehepaar ist spontan nach Werne ins Krankenhaus gefahren für eine EKG-Untersuchung. Dass etwas ganz und gar nicht mit ihm stimmte, merkte Blank, als er einige Fachausdrücke bei den Ärzten aufschnappte. „Aus meinem Beruf kenne ich einige Ausdrücke und wusste: Das ist was Schlimmeres.“

„Sie müssen sich auf eine lange Zeit einstellen“, habe er von den Ärzten zu hören bekommen. Die Hoffnung, es sei „nur“ ein Herzinfarkt gewesen, zerschlug sich.

Mit dem Notarzt ging es weiter nach Lünen, wo sich der Selmer einer Herzkatheter-OP unterziehen musste. Seinen 37. Geburtstag erlebte Blank auf der Intensivstation. Blank hat noch ein Foto davon auf dem Handy. Unzählige Schläuche und Kabel führen von seinem nackten Oberkörper zu Maschinen neben dem Krankenbett. Seine Herzleistung war zuvor auf nur noch 15 Prozent abgerutscht.

Wie Marcel Blank (37) aus Selm plötzlich schwer erkrankte und trotzdem optimistisch bleibt

Marcel Blank an seinem 37. Geburtstag. Kurz vorher wurde er ins Krankenhaus eingeliefert. © Marcel Blank

Eine Biopsie seines Herzmuskels lieferte dann die Diagnose: Riesenzellenmyokarditis. Eine Immunkrankheit, bei der das Immunsystem das eigene Herz als Fremdkörper erkennt und versucht, es abzustoßen. Je nach Krankheitsphase, so Blank, stirbt das Gewebe nach und nach ab. Bis zum Tod.

Das Paradoxe sei gewesen, erklärt der Selmer: „Ich habe mich fit gefühlt.“ Seiner Frau habe er direkt nach dem Eingriff in Werne gesagt: „Schatz, alles in Ordnung.“

Woher die Krankheit genau kommt? Das lasse sich nicht sagen, erklärt Blank.

Heilungschancen gibt es nicht. Marcel Blank muss Immunsuppressiva einnehmen, also Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken.

Er wurde ausgebremst

Das macht den Patienten anfällig für Infekte. Unterwegs sein, aktiv, spontan: Das geht heute nicht mehr. Marcel Blank wurde ausgebremst. Es hätte aber noch schlimmer kommen können.

Riesenzellenmyokarditis

Seltene Krankheit, die häufig bei jungen Menschen auftritt

  • Laut Altmeyers Enzyklopädie ist die Riesenzellenmyokarditis eine selten auftretende Entzündung des Myokards, also der Wandschicht des Herzens „ohne Nachweis von Viren oder anderen Erregern“.
  • Sie trete bevorzugt bei jungen, bislang gesunden Menschen auf.
  • Bei etwa 70 Prozent der Patienten sei innerhalb eines Jahres eine Herztransplantation erforderlich.

Er kam nach Essen in eine Spezialklinik, erlitt ein multiples Organversagen. Betroffen waren Leber und Niere. „Man wollte mich ins künstliche Koma versetzen“, erzählt der 37-Jährige. Ein Chefarzt wollte es vorher erst mit einer Dialyse versuchen und behielt recht. Marcel Blank erholte sich wieder, seine Herzleistung stieg wieder. Sie liegt mittlerweile wieder bei 42 Prozent.

Würden sich seine Kinder an ihn erinnern?

Es sind kleine Erfolge, kleine Schritte, die die junge Familie optimistisch macht. Dass Marcel Blank überhaupt optimistisch ist, ist schon ein Erfolg. Zwischendurch habe er sich selbst eigentlich keine Chance mehr gegeben, über Abschiedsbriefe nachgedacht. An seine drei Kinder gedacht, der Jüngste ein halbes Jahr alt, die mittlere Tochter vier, die Älteste sieben. Wie würden sie sich an ihn erinnern? Würden sich die Jüngsten überhaupt erinnern?

Aus seinen Kindern schöpft er die Kraft, weiterzumachen. Viel Unterstützung bekamen er und seine Frau dabei von der eigenen Familie und Freunden. Und sie haben gemerkt, wie wichtig die kleinen, gemeinsamen Momente sind. Sich zu treffen, zu sprechen, Zeit zusammen zu verbringen. Und Marcel Blank hat gelernt, auf seinen Körper zu hören. Er hätte viel früher darauf hören sollen, sagt er. Das sei etwas, was auch andere aus seinem Schicksal lernen sollten.

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