„Wir waren viel radikaler“: Nach 31 Jahren nimmt Maria Lipke Abschied vom Rat

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31 Jahre lang saß die Borkerin Maria Lipke im Rat - eine wichtige Stimmen der Opposition. Zum Abschied erzählt sie vom Gefühl des Jahres 1968, kleinen Provokationen und Freude an der Politik.

Bork

, 04.11.2020, 16:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Maria Lipke ist sicherlich eines der prominentesten Gesichter des Selmer Rates. Zum einen, weil sie bereits seit 1989 für die UWG im Rat saß und vorher schon als sachkundige Bürgerin aktiv war. Zum anderen, weil sie die Oppositionsarbeit immer mit voller Überzeugung geleistet hat - nicht verlegen um eine knackige Aussage oder leidenschaftliche Widerrede.

Wenn der neu gewählte Rat am Donnerstag, 12. November, im Bürgerhaus zum ersten Mal zusammenkommt, wird Maria Lipke ihm allerdings nicht mehr angehören. „Ich möchte die Zeit nicht missen“, sagt die 72-Jährige im Gespräch mit der Redaktion. „Aber ich habe vor zwei Jahren gesagt, dass das hier meine letzte Legislaturperiode ist“ - und Corona habe die Entscheidung jetzt leichter gemacht.

„Ich bin eine 68erin“

Maria Lipke ist fest verwurzelt in der Region. Ihre Mutter war Selmerin, ihr Vater Borker. Sie ist ausgebildete Bankkauffrau - in ihrem Kaufmannsgehilfenbrief steht allerdings noch Bankkaufmann, eine Anekdote, die sie gerne erzählt. Ihr politisches Interesse kommt nicht von ungefähr. „Ich bin ja ’ne 68erin“, sagt Maria Lipke. Sie hat in dieser politischen Umbruchszeit während der Studentenproteste in Münster gewohnt - damals war sie 20 Jahre alt - und ihren ersten Mann Gerhard, der 1992 verstorben ist, geheiratet. Ihr Mann war gebürtiger Berliner, und so verbrachte das Paar auch regelmäßig Ferien in Berlin. „Ich habe den ganzen Aufstand 1968 mitbekommen mit Dutschke und all‘ dem, was passiert ist.“ Mehrfach ist sie auf die Straße gegangen, zum Beispiel als der Schah von Persien 1967 zu Besuch in West-Berlin war.

Ein geringer Frauenanteil im Rat

„Das war spannend“, sagt sie über die Zeit und die damals herrschende Stimmung. „Es war uns auch wichtig und ernst gemeint. Die vielen alten Seilschaften, die es noch aus der Nazizeit gab, wollte man aufbrechen. Da waren überall Baustellen politisch.“ 1972 zieht sie zurück nach Bork, ihr Mann wird damals Lehrer an der Hauptschule, in diesem Jahr wird Maria Lipke auch zum ersten Mal Mutter. „Dann war es erst mal vorbei mit den politischen Aktivitäten“, sagt Lipke. Sie wird dreifache Mutter, kümmert sich um ihre Familie.

Auch heute bedauert sie, dass sich der Frauenanteil im Rat in den 30 Jahren nicht wirklich geändert hat. In der vergangenen Ratsperiode betrug er 18 Prozent. Für diese erhöht er sich leicht auf 21 Prozent. Es sei eben schwierig, Familie, Job und zeitaufwendige Ratsarbeit unter einen Hut zu bringen. Sie selbst sei von ihrem verstorbenen Ehemann Gerhard und ihrem jetzigen Mann Rudi immer unterstützt worden. „Sonst hätte ich das gar nicht so lange machen können“, sagt sie.

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Eine neue Gruppierung - und schwupps ist sie Mitglied

Anfang der 80er, 1984, hat „sie wieder Lust“, erzählt Maria Lipke. In diesem Jahr ist zufällig auch Kommunalwahl. „Damals gab es nur SPD und CDU“, erinnert sich Lipke. Wen sie wählen soll - sie weiß es nicht. „Als ich dann hörte, es bildet sich eine neue Gruppierung, habe ich sofort gesagt: Die wähle ich. Und dann war ich hinterher selber dabei und mein Mann auch“, sagt Lipke heute.

Diese neue Gruppierung ist die Unabhängige Wählergemeinschaft - kurz UWG -, die sich 1984 gründet. Es sei eine Aufbruchsstimmung gewesen, sagt Lipke, „wir haben gedacht, wir könnten einen Baum retten.“ Es hätten also auch die Grünen werden können. Doch auch wenn diese Partei 1983 erstmals in den Bundestag einzieht, gab es die Grünen in Selm lange noch nicht (sie gibt es erst seit 2013). Aber bei der UWG hat es gepasst. „Als Borker haben wir damals noch gefehlt“, sagt Maria Lipke. Sie wird im Frühjahr Mitglied bei der UWG, im September holt die Wählergemeinschaft auf Anhieb zehn Prozent der Stimmen für den Rat und damit vier Sitze. Maria Lipke wird 1987 Schriftführerin. Ab 1989 ist sie dann selbst Ratsmitglied.

Es gibt einen Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1987, als sie noch nicht im Rat war. „Bork sieht aus wie ein schlechtes Gebiss mit vielen Zahnlücken“, sagte Lipke damals in dem Interview, das Teil einer Serie in den Ruhr Nachrichten namens „Frauen in unserer Stadt“ war. Das mit dem Gebiss und der Zahnlücke findet sie immer noch. Ansonsten hat sich in den 33 Jahren aber vieles verändert - und Maria Lipke hat im Rat der Stadt Selm mit daran gearbeitet.

„Bork sieht aus wie ein schlechtes Gebiss mit vielen Zahnlücken“ - RN-Interview mit Maria Lipke aus dem Jahr 1987.

„Bork sieht aus wie ein schlechtes Gebiss mit vielen Zahnlücken“ - RN-Interview mit Maria Lipke aus dem Jahr 1987. © Sabine Geschwinder

Enttäuscht von wenigen Diskussionen im Rat

An ihren Start erinnert sie sich so: „Ich war am Anfang enttäuscht, dass wenig diskutiert wurde“, sagt sie. Die wirklichen Diskussionen, die fänden in den Fraktionssitzungen oder den Ausschüssen statt. Nicht unbedingt im Rat. Da seien die Meinungen in der Regel schon gebildet.

Zurückhaltend sei sie nie gewesen, sagt Lipke. Vier Ratsmitglieder seien sie damals von der UWG gewesen, also sei es normal gewesen, dass man allein im Ausschuss war. Jeder hatte den Auftrag, dieses oder jenes anzusprechen und zu erreichen. Also habe sich jeder akribisch vorbereitet. „Ich weiß noch, in der ersten Sitzung waren drei Tagesordnungspunkte schon vorbei und ich hatte immer noch nichts gesagt, weil mir alles zu schnell ging. Und dann habe ich mich zum ersten Mal gemeldet und von da ab lief das“, sagt Maria Lipke.

Ob ihr die Konfrontation Spaß macht? Da muss Maria Lipke nicht lange überlegen. „Ja“, sagt sie. „Das auf jeden Fall.“ Auch ein kleines bisschen Provokation darf mal sein. So setzt sie sich zu Beginn ihrer Ratsarbeit einfach mal strickend in eine Sitzung, um zu sehen, was passiert. „Das war mir aber nachher zu blöd“, sagt sie.

Allerdings, so schränkt sie ein, sei ja auch nicht alles Konfrontation: „90 Prozent der Beschlüsse waren einstimmig, aber die anderen 10 Prozent, die hatten es in sich.“ Dabei erinnert sie zum Beispiel an die Diskussionen zur Lutherschule, die Diskussionen um eine mögliche Ausrufung des Klimanotstandes oder auch die Verlegung der Hauptschule von Selm nach Bork. „Ich habe im Rat viel erlebt“, sagt Maria Lipke und erinnert sich besonders gerne, die auch durch die Ratsarbeit entstandenen Freundschaften in Selms Partnerstätten.

Keine Sorge, um die Zukunft der Selmer Politik

Die Ratsarbeit übernehmen nun aber andere, für den Posten als Fraktionsvorsitzender wurde Hubert Seier gewählt. Langweilig wird Maria Lipke nach ihrem Rückzug aus dem Stadtrat aber sicher nicht. „Ich hab immer zu tun“, sagt sie. Kurz vor dem Gesprächs hatte sie gerade Quitten-Marmelade gemacht. Sie hat sechs Enkelkinder, mag es, Doppelkopf zu spielen, liest etwa zwei Bücher die Woche und würde gern mal wieder an der VHS einen Sprachkurs belegen. Zumindest, wenn das coronatechnisch wieder geht.

Ein Bild aus dem Jahr 2009: Maria Lipke mit Hubert Seier. Damals war er Bürgermeisterkandidat. Nun übernimmt er den Fraktionsvorsitz von Maria Lipke.

Ein Bild aus dem Jahr 2009: Maria Lipke mit Hubert Seier. Damals war er Bürgermeisterkandidat. Nun übernimmt er den Fraktionsvorsitz von Maria Lipke. © Theo Wolters (A)

Um die Zukunft der Politik in Selm macht sie sich keine Sorgen. Sie freut sich über die junge Generation: „Endlich gehen mal wieder junge Leute auf die Straße“, sagt sie und ist sich sicher, dass diese Jugendlichen sich auch weiterhin politisch engagieren werden. Ähnelt sich die Stimmung mit der aus dem Jahr 1968? „Nein“, sagt Maria Lipke. „Wir waren damals viel radikaler, die sind doch friedlich.“

Der Klimaschutz jedenfalls, das sei doch ein wichtiges Ziel und wer sich an der Kommunalpolitik beteiligen möchte, dem kann sie nur sagen: „Ich würde jedem empfehlen, das auch zu machen.“ Weitere Tipps für die politisch interessierte Jugend hat sie auf Nachfrage ebenfalls: „Sich nicht beirren lassen und für seine Ideale einstehen.“

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