Mario Löhr: „Eine Rückfahrkarte gibt’s nicht, wenn aus der Landratskandidatur nichts wird“

rnBürgermeister im Interview

Welche Firma 800 Arbeitsplätze bringen soll, verrät der Bürgermeister nicht. Er sagt aber, wer es nicht ist, kündigt noch ein Neubaugebiet an und hat eine gute Nachricht für Falschparker.

Selm

, 13.02.2019, 16:31 Uhr / Lesedauer: 7 min

Einen Monat, nachdem er seinen Hut als SPD-Kandidat für das Landratsamt in den Ring geworfen hat, und etwa ein Vierteljahr vor dem entscheidenden Parteitag steht Bürgermeister Mario Löhr (47) Rede und Antwort: nicht nur über seinen geplanten Wechsel vom Amtshaus Bork ins Kreishaus Unna. Er sagt, warum er Selm einen Wachstumskurs verordnet hat, wie er positive Wirkung entfaltet und warum der Stadt dennoch ein Schuldenberg erhalten bleibt.


Auf einer Skala von 0 für „ganz unwahrscheinlich“ bis 5 „beschlossene Sache“: Wie sicher ist es, dass sich tatsächlich der schon seit Monaten angekündigte Großhändler für Haus- und Sanitärtechnik an der Werner Straße ansiedelt und mehr als 800 Arbeitsplätze schafft, wie Sie beim Neujahrsempfang gesagt haben?

Ich sage mal: 4,5. Die 800 Arbeitsplätze werden nicht von Anfang an da sein. Es wird zwei Bauabschnitte geben. Das Unternehmen ist bestrebt, sich hier in der Region anderweitig einzumieten. Dann werden die ersten 200, 300 Arbeitsplätze geschaffen, die man dann überleiten will, sobald der erste Bauabschnitt beendet sein wird. Der zweite Bauabschnitt soll schnell folgen. Und dann sprechen wir tatsächlich über 800 Arbeitsplätze.

Was für Arbeitsplätze?

Das ist es ja gerade. Das Unternehmen bietet vielfältige Arbeitsplätze an: im Lagerbereich, aber auch für Handwerker und im kaufmännischen Bereich.
In der jüngsten Planungsausschusssitzung war die Rede davon, dass es sich um einen Großhändler für Haus- und Sanitärtechnik handelt, einem Marktführer in Deutschland, der rund 15.000 Arbeitsplätze hat und in Bremen seinen Hauptsitz hat. Jeder, der die genannten Eigenschaften googelt, kommt auf ein Ergebnis: Cordes und Graefe Bremen KG. Stimmt das?

Ich kann dazu nichts sagen, weil wir bei dem Unternehmen im Wort stehen. Es müssen erst noch einzelne Punkte geklärt werden, dabei sind wir jetzt (Anm. d. Red.: Der Planungsausschuss hat in seiner jüngsten Sitzung Ende Januar eine Flächennutzungsplanänderung und die Aufstellung eines Bebauungsplans „Logisticenter nördlich Werner Straße“ auf den Weg gebracht). Und sobald das passiert ist, werden wir damit an die Öffentlichkeit gehen. Ich kann nur sagen: ein großes Unternehmen.

Wie groß ist die Fläche?

13 Hektar.

Noch gilt die Fläche als Acker?

Ja, aber im Flächennutzungsplan ist bereits eine Blase erkennbar, die auf das Potenzial der Fläche als Gewerbefläche hinweist. Im Kreis Unna gibt es keine Stadt mehr, die eine Gewerbefläche in dieser Größe zur Verfügung stellen könnte.

Der Regionalverband Ruhrgebiet achtet streng darauf, wo Gewerbe ausgewiesen wird und wo nicht. Wie war ihm dieses Projekt jetzt schmackhaft zu machen?

Durch die Größe der Fläche, die sich mit dem Bedarf des einen Interessenten deckt. Wir hätten die Haschmann-Fläche nicht als Gewerbe- und Industriegebiet entwickeln können mit verschiedenen Plätzen für mehrere unterschiedliche Unternehmen. Dafür hätte es keine Genehmigung gegeben. Für ein einzelnes Unternehmen war das etwas anderes.

Es ist ja nicht das erste Mal, dass sich ein Unternehmen für die Fläche interessiert.

Stimmt. Damals war es genauso. Der RVR hätte eine große Ansiedlung genehmigt. Das Unternehmen hatte sich dann aber für einen anderen Standort entschieden. Dort hat es sich aber auch nicht angesiedelt. In jedem Fall ist der Interessent jetzt aber die bessere Alternative, schon wegen der Vielgestaltigkeit der Arbeitsplätze. Und auch wegen der zu erwartenden Gewerbesteuer. Insgesamt hatten wir Gespräche mit fünf Interessenten.

Amazon war auch darunter?

Ja, da gab es Überlegungen, hier ein Verteilcenter aufzubauen. Aber Amazon wollte selber nicht bauen, sondern sich nur für zehn Jahre einmieten. Das war mir zu unsicher. Was wird in zehn Jahren sein in dieser Branche?

Wenn alles glatt läuft, die Notarverträge unterzeichnet sein werden und der Name des Unternehmens bekannt ist: Wann wird es losgehen?

So früh wie möglich. Wir gehen davon aus, dass wir Baurecht Ende dieses Jahres, spätestens im ersten Quartal 2020 bekommen werden. Mitte des Jahres soll es die ersten Bauaktivitäten geben.

Auch auf der anderen Seite der Werner Straße?

McAirlaid`s (Anm. d. Red.: ein Fließstoffhersteller, der sich 2018 in Selm angesiedelt hatte) hat uns mitgeteilt, Mitte des nächsten Jahres solle ein zweiter Bauabschnitt kommen. Die wollen eine weitere Halle von 6000 Quadratmetern bauen.

In Selm entstehen gerade nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch Bauplätze.

Die zwei kleinen Baugebiete, in Selm an der Raiffeisenstraße und in Bork am Friedhof, waren im Handumdrehen voll. Im neuen Baugebiet „Wohnen am Auenpark“ (Anm. d. Red.: in Verlängerung des neuen Campus-Platzes) wollen wir Einfamilienhäuser realisieren, aber vor allem auch Eigentumswohnungen. Wir werden dann noch mit zwei weiteren Baugebieten auf den Markt gehen: zum einem hinter dem Lidl in Bork, das wird aber erst Mitte 2020/21 so weit sein, und dann wird es noch ein kleines Baugebiet in Selm geben.

Wo?

Dazu möchte ich jetzt noch nichts sagen, denn da laufen noch die Abstimmungsgespräche.

Was landesweit fehlt, ist günstiger Wohnraum …

… sozialen Wohnungsraum wird es geben. Am Campusplatz (Anm. d. Red.: da entstehen 100 Wohnungen) wollen die Wohnungsbaugesellschaften, der Bauverein zu Lünen und die Wohnungsgesellschaft Lünen, nach meinem letzten Kenntnisstand rund 20 Prozent der Wohnungen in die Sozialbindung geben.

Das Wohnen im Lutherquartier mit rund 28 Wohnungen und drei Mehrfamilienhäusern am Zechenbusch kommen ja auch noch hinzu. Wer wird dort alles wohnen?

Wir merken, dass es viele Anfragen von auswärts gibt. Bei den Baugebieten kann man über 40 Prozent von außerhalb sprechen. Auch aus dem Münsterland, hauptsächlich aus dem Ruhrgebiet.

Wer in Selm wohnt und hier arbeitet, hat das Problem nicht. Aber Pendler klagen oft über die Schwierigkeiten. Der Weg von Selm allein in die Nachbarstadt Werne kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln da schon eine echte Schwierigkeit werden. Gibt es Lösungsansätze?

Es gibt Gespräche mit dem Kreis. Mein Ziel ist es, dass die Bürger von morgens bis abends leicht von A nach B kommen können. Da muss es Lösungen geben.

Mehr Arbeitsplätze, mehr Wohnungen, mehr Bürger – warum setzen Sie so auf Wachstum?

Das ist meine Strategie immer gewesen. Wir haben durch den Stärkungspakt erlebt, wie schmerzhaft das ist, wenn man liebgewonnene Sachen aufgeben muss. Entweder gibt man sich damit zufrieden oder man geht vorwärts. Und dann die gesamte Diskussion über Gebühren, Grundsteuer, Beiträge. Eine kleinere Einheit muss alles finanzieren, mehr Bürger können das auf mehr Schultern verteilen. Zuzug ist aber nur möglich, wenn es auch Arbeitsplätze gibt. Und außerdem zahlen die Unternehmen auch Steuern, nicht nur Gewerbesteuer, sondern auch Grundsteuer B. Selm hat vieles zu bieten …

… aber auch Schwächen.

Stimmt, aber da arbeiten wir dran, nicht nur alleine, sondern auch mit anderen, etwa mit dem Handel.

„Das Hauptzentrum wird die Kreisstraße sein.“
Mario Löhr, Bürgermeister

Thema Kreisstraße?

Ja, die Kreisstraße habe ich deutlich im Fokus. Da sehe ich unser Zentrum mit den beiden Nebenzentren Bork und Ludgeristraße, die wir auch weiter unterstützen möchten. Aber das Hauptzentrum wird die Kreisstraße sein. Da wird es Veränderungen geben. Die fangen jetzt gerade oben bei Rüschkamp an (Anm. d. Red.: dort entstehen eine neue Tankstelle und ein Burger-King und etwas weiter Richtung Selm Aldi und Rewe) und das wird sich mittelfristig in Richtung Kreisverkehr fortsetzen. Es ist bekannt: Wir haben da sieben Immobilien erworben und führen jetzt Gespräche mit einem Investor, der sich langfristig auf dieser Fläche einmieten möchte. Dafür wird es bauliche Veränderungen geben.

Haben Sie einmieten gesagt?

Ja, einmieten auf der Fläche, nicht in den Immobilien. Wir werden, wenn es nach mir geht, einen Erbpachtvertrag abschließen. Ich habe gesagt, dass wir bei dem Thema keinen Verlust machen dürfen. Und wir haben viel Geld in die Hand genommen. Mit einem Erbpachtvertrag lässt sich das darstellen.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wollte die Stadt das Gebäude, in dem ehemals Sams Dönerbude war, kaufen, um sie zu Gunsten eines Parkplatzes abzureißen. Was ist daraus geworden?

Das ist ein weiteres Gebäude, von dem ich sprach. Und da wird sich ganz schnell etwas tun, denn sobald die Kreisstraße wieder geöffnet ist, stellt sich das Parkproblem.

Wann wird die Kreisstraße geöffnet sein?

Auf jeden Fall vor den Sommerferien.

Aber schon jetzt gibt es Ärger wegen fehlender Parkplätze.

Ja. Es hatte Irritation gegeben, weil eine Kollegin angekündigt hatte, dass schon jetzt Knöllchen verteilt würden auf den erneuerten Kreisstraßenabschnitten. Das war aber nicht abgestimmt.

Man darf also zurzeit unbehelligt parken rechts und links der Kreisstraße: also da, wo ausdrücklich keine Parkplätze vorgesehen sind?
Ja, so lange die Umbaumaßnahme Kreisstraße läuft, verteilen wir keine Knöllchen.
Es boomte in den vergangenen Jahren bundesweit. Jetzt trübt sich die Konjunktur gerade ein. Der aktuelle Selmer Haushalt setzt allerdings weiter auf Wachstum. Ist das am Ende zu optimistisch?

Nein, wir planen ja immer ganz konservativ und haben inzwischen einen knappen Überschuss. Klar, ich kann heute nicht sagen, was mit der Gewerbesteuer passiert und ob wir Schlüsselzuweisungen bekommen in der veranschlagten Höhe. Im sozialen Bereich kann ich die Entwicklung gar nicht einschätzen. Notfalls müssen wir nachsteuern, ob bei Sanierungsarbeiten etwa hier im Amtshaus oder bei den Stellenbesetzungen.

Selm ist im Stärkungspakt NRW für überschuldete Kommunen. 2021 ist Schluss damit. Wird Selm dann alleine über die Runden kommen?

Darauf arbeiten wir die ganze Zeit hin. Die Maßnahmen laufen ja auch. Ob wir dann aus der Überschuldung wirklich raus sind? Die Kämmerin hat gesagt: „Eher noch nicht.“ Wir hoffen auf den Altschuldenfonds, das gilt für alle anderen Stärkungspaktkommunen sicherlich ebenso. Wir werden dann noch einen großen Batzen an Krediten haben. Aber die Investitionskredite tilgen wir. Und auch wenn zurzeit so viel gebaut wird: Es ist ja nicht vor allen Dingen, die Stadt, die investiert. Ich setze lieber auf Investoren, die das Geld bringen und das Risiko tragen.

Wir haben viel über Arbeitsplätze gesprochen. Sprechen wir jetzt doch über Ihren Arbeitsplatz. Sie wollen das Bürgermeisteramt gegen das des Landrats eintauschen. Ist das eine Entscheidung für den Kreis oder gegen Selm?

Ich kann nur sagen: Die neun Jahre, die ich hier war – es werden jetzt schon zehn – waren für mich eine wichtige Zeit. Ich arbeite hier gerne und mir macht das auch Spaß, alleine so einen Gedanken geäußert zu haben, einen Rodelhügel zu bauen, mit dem man mal eben eine Million Euro Entsorgungskosten sparen kann. Ich bin froh, Selm entwickeln zu helfen. Für mich steht aber fest: Ich werde auch weiter mit meiner Familie in Selm wohnen bleiben. Jetzt hat sich eine Möglichkeit gezeigt, eine neue Herausforderung zu suchen. Dann werde ich 49 sein. Ob die Partei das auch so sieht, wird sich auf dem Parteitag entscheiden. Egal wie das ausgeht, für mich gibt es keinen Schritt zurück.

Wann ist der Parteitag?

Der Termin wird wahrscheinlich am 27. Mai sein.

Einen Tag nach der Europawahl also?

Egal, wie die Europawahl ausgehen wird: Ich will ein deutliches Zeichen setzten, dass die SPD was bewegen kann. Dafür will ich werben. Ich will den Bürgerinnen und Bürgern zuhören und sagen, was geht und was nicht.

„Ich habe aber auch gezeigt, dass ich mit fast allen zusammenarbeiten kann.“
Mario Löhr, Bürgermeister


Haben Sie keine Angst, mit der Krise der SPD herunter gezogen zu werden?

Nein, ich weiß, wo ich meine Wurzeln habe: in der Sozialdemokratie. Ich habe aber auch gezeigt, dass ich mit fast allen zusammenarbeiten kann. Da will ich mich von der AfD und den Rechten distanzieren, aber mit allen bin ich im Gespräch, um das Beste für die Stadt und künftig auch für den Kreis herauszuholen. Dass sich im Kreis mit SPD-Kandidaten Wahlen gewinnen lassen, haben zudem die Bürgermeisterwahlen in Schwerte und Kamen gezeigt.

Haben Sie schon jemanden im Blick als Ihren Nachfolger oder Ihre Nachfolgerin in Selm?

Da werden ja zurzeit viele Namen gehandelt, manche bringen sich auch selbst ins Gespräch. Ich lasse mich mal überraschen. Die SPD wird auf jeden Fall einen Kandidaten oder eine Kandidatin präsentieren. Ich will der Findungskommission nicht vorgreifen.

Sie sind noch einmal Vater geworden. Was für ein Selm wünschen Sie sich für Ihre kleine Tochter?

So wie jetzt schon: ein Selm mit vielen Freizeitangeboten, mit Vereinen, Hallen-und Freibad, aber auch mit Tageseinrichtungen und guten Schulen: eine Stadt, in der sie sich wohlfühlen und glücklich aufwachsen kann.

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