McAirlaid‘s: Die erste Maschine ist da, jetzt fehlen noch Mitarbeiter - nicht nur dort

rnNeue Arbeitsplätze

Eine gute Arbeit vor der Haustür hatte Waldemar Winkenstern gesucht. Nun kann er bald in Selm anfangen. Auf der Suche nach Mitarbeitern ist aber nicht nur der Vlieshersteller.

Selm

, 30.09.2018, 07:09 Uhr / Lesedauer: 4 min

Diesen Umweg leistet er sich zweimal die Woche, selbst wenn es noch dunkel ist: Montags auf dem Weg zur Arbeit und freitags wieder zurück, biegt Waldemar Winkenstern stets von der Werner Straße in die Schachtstraße ab.

Im Vorbeifahren schaut er sich dann an, wie die Bauarbeiten an der 50 mal 100 Meter großen Produktionshalle des Vließherstellers McAirlaid’s fortgeschritten sind. Es geht jetzt schnell voran. Denn Anfang Oktober fangen die ersten Mitarbeiter dort an. Unter ihnen: Waldemar Winkenstern.

Der Chef führt jeden Freitag Personalgespräche.

Ein anderer, der die täglich wachsende Produktionsstätte regelmäßig in Augenschein nimmt, ist Peter Lehnhoff. „Ich bin mindestens jeden Freitag vor Ort“, sagt der 54-Jährige aus Herne. Er ist der Leiter der Selmer Niederlassung des expandierenden Herstellers für saugstarke, synthetische Unterlagen, die etwa in Fleisch- und Gemüseverpackungen zum Einsatz kommen.

In einem Baucontainer hat er seit Monaten sein Büro. Dort führt er jeden Freitag Einstellungsgespräche. Damit die Produktion zum Jahresende volllaufen könne, brauche er 50 Beschäftigte, sagt er an einem dieser Freitage, während draußen auf der Baustraße schon die nächste Bewerberin wartet. „Inzwischen sind wir 27.“ Zu 70 Prozent aus Selm wie Waldemar Winkenstern, der Rest aus Lünen.

Unternehmen denkt bereits über Erweiterung nach.

„Herr Winkenstern ist einer der ersten, die ich eingestellt habe“, sagt Lehnert. „Das war Mitte März“ - drei Wochen vor dem ersten Spatenstich auf der damaligen Freifläche zwischen Werner Straße und Steigerstraße: ein großes Grundstück, auf dem nicht nur Platz ist für eine Produktionshalle, sondern auch noch für eine weitere. Dass die Erweiterung des Standortes bereits mehr als eine vage Idee ist, hatte Andreas Schmidt, Geschäftsführer des Vliesherstellers mit Produktionsorten in Berlingerode, Heiligenstadt, im estnischen Tallinn sowie im US-amerikanischen Rocky Mount bereits im Frühjahr angekündigt. Vliesstoffe für die Hygiene seien eben gefragt.

Arbeitsplätze vor Ort ebenfalls, insbesondere für Menschen mit geringer Qualifikation, wie Antonia Mega vom Jobcenter des Kreises Unna am Telefon ergänzt. Mit einer Arbeitslosenquote von 7,2 Prozent im August liegt der Kreis noch über dem Durchschnittswert des Landes NRW (6,8 Prozent), der deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 5,2 Prozent.

McAirlaid‘s: Die erste Maschine ist da, jetzt fehlen noch Mitarbeiter - nicht nur dort

Hygieneunterlagen für Lebensmittel: So sehen die Vliesstoffe aus, die McAirlaids herstellt. © Foto: Sylvia vom Hofe

„Die Zusammenarbeit mit McAirlaid’s läuft sehr gut“. Das Schöne aus ihrer Sicht: Das Unternehmen suche nicht nur Fachkräfte, in der Regel Mechatroniker und Energieelektroniker, sondern auch Helfer, die die Maschinen und Anlagen bedienen: Das seien Jobs, die schon nach relativ kurzer Zeit erlernbar seien: eine Chance für Menschen, die bislang vergebens eine Arbeitsstelle gesucht hätten. „80 Prozent meiner Beschäftigten habe ich über das Jobcenter vermittelt bekommen“, so Lehnhoff.

Nach diesem Donnerstag werden weitere dazu kommen. In Zusammenarbeit mit Arbeitsagentur und Jobcenter hatte es einen Kennenlerntermin im Selmer Bürgerhaus gegeben: 36 Arbeitssuchende, die Lehnhoff persönlich trafen. Jeder Dritte sei als potenzieller Mitarbeiter in Frage gekommen, sagt der Niederlassungsleiter.

Wie schwer es ist in Zeiten der boomenden Konjunktur ist, Mitarbeiter zu finden, bemerken auch andere Selmer Unternehmen. Kanne Brottrunk würde „von heute auf morgen“ drei Stellen besetzen. Grundsätzlich würde das in Bork ansässige Unternehmen „eigentlich immer“ gelernte Fachkräfte in der Lebensmitteltechnik sowie Produktionshelfer gesucht. Interhydraulik, das Unternehmen, das in der ehemaligen Zeche Hermann seinen Sitz hat, hat ebenfalls gerade zwei freie Stellen: Christina Lensing teilt mit, dass ein Industriemechaniker und ein Produktionshelfer im Bereich Metall - beides gelernte Kräfte. „Für die Schlauchproduktion stellen wir aber auch regelmäßig ungelernte Mitarbeiter als Helfer ein“ - vorausgesetzt, sie finden welche.

Auch Peter Lehnhoff von McAirlaids’s helfe dabei nicht nur der „enge Draht“ zu den Mitarbeitern der Arbeitsvermittlung, sondern auch das Förderangebot unter anderem mit Eingliederungszuschüssen.

Die Aussicht auf mehr Zeit mit der Familie hilft.

Waldemar Winkenstern war selbst initiativ geworden. Er hatte auch vor seinem Wechsel zu McAirlaid’s eine feste Arbeitsstelle: als Karosseriebauer und wollte sich verändern. Ein Werk, das sich gerade im Aufbau befindet: Daran wollte er mitwirken. Die Aussicht, mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können und mehr Zeit für die Familie zu haben, sei auch verlockend gewesen - so sehr, dass er dafür zunächst Monate mit fast vier Stunden langen Autofahrten und schmerzhaften Trennungen von seiner Frau und dem heute neun Monate alten Töchterchen in Kauf nahm.

„Natürlich fällt das nicht immer leicht“, erzählt der 26-Jährige am Telefon. Es ist Sonntag, der nächste Abschied steht gerade kurz bevor. Dennoch beschwert sich der Selmer nicht, ganz im Gegenteil: Der Jobwechsel sei genau richtig gewesen für ihn. Die Maschinen, an denen er jetzt arbeite, seien 30 Meter lang. Er hat sie in Gang zu halten und damit die Produktion der Vliesmeterware, die später in die passende Größe für die jeweiligen Packungen geschnitten wird. „Mir macht das Spaß.“ So viel, dass er bereits einige seiner Freunde gewonnen hat, ebenfalls zu McAirlaid’s zu wechseln,

Sein Arbeitgeber hat für ihn und zwei Kollegen, die ebenfalls aus Selm sind, eine Wohnung an der thüringischen Grenze gemietet. „Da wohnen und kochen wir zusammen“ - eine Zweck-WG, aus der er aber bald ausziehen kann. „Noch zwei Wochen“, sagt er. Wenn McAirlaid‘s Anfang Oktober die ersten Maschinen nach Selm bringt, ist Winkenstern dabei.

McAirlaid‘s: Die erste Maschine ist da, jetzt fehlen noch Mitarbeiter - nicht nur dort

Waldemar Winkenstern aus Selm ist einer der ersten Mitarbeiter des neuen Selmer Unternehmens, © Foto: Winkenstern

„Berlingerode behalten wir auch weiter als Standort“, sagt Lehnert. Dort werde das Rohmaterial produziert, „in Selm veredeln wir es“. Aufgrund der wachsenden Nachfrage brauche das Unternehmen, das nach eigenen Angaben Weltmarktführer ist, mehr Platz, deshalb die Trennung der beiden Produktionsschritte. Ob in Selm oder Berlingerode: Produziert werde jeweils in drei Schichten.

Frauen sind noch in der Minderheit.

Bis es richtig losgeht, braucht Lehnert aber noch weitere Kollegen. Das Gespräch mit der Bewerberin, die an diesem Freitagnachmittag draußen vor dem Bürocontainer gewartet hat, läuft gerade. Sie wäre eine der wenigen Frauen im Team. Die Tatsache, dass die Einarbeitung 265 Kilometer von Selm entfernt erfolgt, mache die Sache für Mütter zurzeit nahezu unmöglich, hatte Lehnert vorher noch eingeräumt. Das wird sich bald ändern: Gerade ist die erste Maschine in der noch im Bau befindlichen Halle eingetroffen. „Bis Ende Februar werden wir 58 Mitarbeiter sein.“ Tendenz: weiter steigend.

Das ist auch bei anderen Unternehmen so. Interhydraulik hatte 2008 durchschnittlich 130 Beschäftigte. „2013 lagen wir bei einem Durchschnitt von 151.“, sagt Christina Lensing. Inzwischen sind es 186.

Lesen Sie jetzt