Mumie, Machtsymbol, Mordwerkzeug: Äpfel sind mehr als nur gesundes Obst

rnApfel-Wissen

Die Apfelernte läuft auf Hochtouren. Gleichzeitig blühen einzelne Apfelbäume schon wieder. Wie das kommt, was Mumien sind und wo es frisch gepresste Prinzen und Kaiser gibt, lesen Sie hier.

Lünen

, 12.10.2020, 10:00 Uhr / Lesedauer: 5 min

Als Klaus Heigis mal wieder Äpfel pflückte, hielt er inne. Was ihm da vor dem Gesicht baumelte, hatte er noch nie gesehen: eine echte Rarität. Etwas, das er seiner Frau Helga mittags mit nach Hause brachte: eine Art bunter Schneemann mit großem Herz auf der Brust - zu schön, um es für sich zu behalten, meinte die Frau aus Brambauer und brachte das kleine Wunder der Natur zu dieser Redaktion. Um was es sich da handelte und welche zum Teil skurrilen Blüten Äpfel sonst noch treiben - an den Bäumen und sonstwo - haben wir zusammengetragen: aktuelles Apfelwissen in Fragen und Antworten.

Was hat Klaus Heigis auf einer der zehn Streuobstwiesen gepflückt, die der Arbeitskreis Umwelt und Heimat in Brambauer und Niederaden pflegt?

Eine seltene Laune der Natur: zwei Äpfel, die an einem Stiel zusammengewachsen sind - also nur eine Versorgungsleitung haben. Hartmut A. Kemper, der beim Kreis Unna zuständig ist für das Streuobstwiesen-Programm, spricht von Zwillingsäpfeln. So etwas passiere bereits im Herbst bei der Blütenbildung, erklärt er. Dann werden bereits die Knospen für das neue Jahr angelegt und haben sich in diesem Fall nicht richtig geteilt. Die Doppelfrucht hat zwar nur einen Stiel., aber zwei Kerngehäuse. Warum das passiert? Ein Experte der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau vermutet in der Main-Post angesichts eines ähnlichen Fundes dort als Ursache für die Anomalie klimatische Störungen – etwa extreme Trockenheit.

Häufiger als siamesische Zwillingsfrüchte sind verschrumpelte Trockenfrüchte am Apfelbaum zu sehen. Um was handelt es sich da?
Um sogenannte Fruchtmumien: Anders als die alten Pharaonen wurden sie nicht einbalsamiert. Mausetot sind sie trotzdem. Und wenn niemand Hand anlegt, schicken sie sich an, mehrere Apfelgenerationen zu überdauern - eine Gefahr für den ganzen Garten, vor der der Pflanzenschutzdienst der Landwirtschaftskammer NRW warnt. Er macht als Verursacher die sogenannte Monilia-Fruchtfäule aus: eine ansteckende Pilzkrankheit, die nicht nur vor allem Äpfel, Birnen und Quitten, sondern auch Kirschen, Zwetschgen und Pfirsiche befallen kann. Der Rat der Experten: Schnell die Fruchtmumien absuchen und am besten über die Biotonne entsorgen. Im Kompost könnte der Erreger überdauern und sich weiter ausbreiten.

War es jetzt eigentlich ein Apfel, der auf dem biblischen Baum der Erkenntnis wuchs?

Zahllose Künstler haben das zumindest so gemalt: Eva, die dem Adam im Paradies den Apfel reicht: die verbotene Furcht. Auch Goethe lässt Eva im „Faust“ sagen: „Der Äpfelchen begehrt ihr sehr / Und schon vom Paradiese her.“ Tatsächlich ist in der Bibel aber an keiner Stelle von einem Apfelbaum die Rede. Der Fruchtbaum wird schlichtweg nicht näher benannt. Dass die biblischen Autoren an einen Apfelbaum Gedacht haben, gilt eher als unwahrscheinlich, wie der Historiker Alexander Demandt meint: Denn der Apfel sei in Palästina gar nicht heimisch - anders etwas als der Feigenbaum, der viel häufiger genannt werde. Es sind auch praktischerweise die großen Blätter des Feigenbaums, die sich Adam und Eva nach dem Genuss des Apfels vor ihre Blöße halten und nicht die des Apfelbaums - zumindest auf den vielen biblischen Gemälden.
Woher kommt der Zankapfel?
Aus der griechischen Mythologie. Dort ist es der Zankapfel - ein goldener Apfel mit der Aufschrift „der Schönsten“ - , der nicht nur unter den Göttinnen Rivalitäten auslöst, sondern gleich Jahrzehnte lange Kämpfe in der ganzen hellenischen Welt: den Krieg um Troja.
Im deutschen Märchenschatz ist der Deutschen liebstes Obst nicht nur Anlass zum Streit, sondern gleich ein Mordwerkzeug. Wo?
Im Märchen Schneewittchen. „Spieglein, Spieglein an der Wand, / Wer ist die Schönste im ganzen Land?“, will da die eifersüchtige Königin wissen. Sie präpariert einen Kamm und die rote Seite eines Apfel mit Gift. In beiden Fällen sinkt Schneewittchen in Ohnmacht. Nach dem Genuss des Apfels scheint sie verloren - aber dann kommt der Prinz.
Was ist mit dem Adamsapfel?

Die Schöpfungsgeschichte hat ihre Spuren im Alltag hinterlassen. Angeblich soll Adam das Kerngehäuse des Apfels im Hals steckengeblieben sein, als er den Fehler erkannte, von der verbotenen Frucht gegessen zu haben. Deshalb heißt der Schildknorpel des Kehlkopfes - nur bei Männern ist er nach der Pubertät mit dem Stimmbruch sichtbar - umgangssprachlich Adamsapfel, wie der Duden berichtet.
Apropos Wortherkunft: Woher kommt das Wort Apfel?
Laut Duden ist die Herkunft des Wortes Apfel ungeklärt. Mittelhochdeutsch findet sich der „apfel“ und althochdeutsch „apful“. Damit handelt es sich um die einzige Baumfrucht, deren Name germanischen Ursprungs ist, wie der Historiker Demandt sagt. Ob Birne, und Quitte, Pflaume, Kirsche und Aprikose, Walnuß oder Esskastanie: Alle Namen leiteten sich aus dem Lateinischen ab. Die Römer hätten die Bäume auch zumeist in Mitteleuropa akklimatisiert.
Was bedeutet der Reichsapfel?
Er war neben Zepter und Krone Zeichen der herrschaftlichen Gewalt deutscher Könige und Kaiser. Aus dem Globus, dem Zeichen der Weltherrschaft in der Hand des römischen Kaisers, war der Reichsapfel geworden: eine goldene Kugel mit Kreuz.

Vertan: Diese Apfelbaum hat noch im Oktober geblüht.

Vertan: Diese Apfelbaum hat noch im Oktober geblüht. © Sylvia vom Hofe


Warum treiben einige Apfelbäume noch im Oktober Blüten?
Die jeweiligen Bäume haben sich vertan und Temperaturschwankungen falsch gedeutet. Aus den herbstlichen Blüten entstehen in der Regel aber keine Früchte. Dazu müsste zur gleichen Zeit eine andere Sorte der gleichen Obstart in der Nachbarschaft ebenfalls blühen, damit Insekten die Blüten bestäuben könnten.

Ist der Holzapfel, als die Wildform des Apfels, genießbar?

Ja, aber wenn überhaupt besser gekocht oder gedörrt. Die Kleinen, kugelförmigen Früchte ohne Vertiefung an Stiel oder Kelch sind sehr herb und hart - und tragen ihren Namen Holzapfel nicht umsonst. Im 17. Jahrhundert wurden die Früchte kleingeschnitten dem sogenannten Holzäpfelbier zugesetzt: ein offenbar zweifelhafter Genuss, der sich nicht durchgesetzt hat.
Wie viele Apfelsorten gibt es?

Mehr als 2000 Apfelsorten gibt es allein in Deutschland, 20.000 bis 30.000 weltweit. Viele Sorten - insbesondere die alten, die sehr schmackhafte, aber nicht ganz so makellos schöne Früchte bilden - drohen aber gerade zu verschwinden. Die meisten Sorten, die im Handel erhältlich sind, gehen nur auf drei oder vier Sorten zurück: eine genetische Verarmung, die angesichts des Klimawandels besonders besorgniserregend ist. Alte Sorten gelten oft als robuster. Deutschland hat sich deshalb zum Erhalt der Obstsortenvielfalt verpflichtet. Ein vom NRW-Umweltministerium und der EU gefördertes und vom NABU koordinierte Projekt zum „Erhalt der genetischen Ressourcen im Obstbau in NRW“ setzt dort an.
Was sind alte Apfelsorten?

Heute kennt jeder deutschlandweit Elstar, Jonagold, Gala oder Boskoop. Danach wird es aber auch schon eng. Die Menschen um 1900 kannten weit mehr Sorten, die sich von Region zu Region Unterschieden. Zu den beliebtesten gehörten Cox orange und Jakob Lebel, der Westfälische Gülderling und das Rheinische Seidenhemdchen: alte Sorten, die auf Streuobstwiesen gediehen - und zum Teil heute noch gedeihen. Der Lüner Arbeitskreis Umwelt und Heimat zum Beispiel pflegt in Niederaden und Brambauer zehn Streuobstwiesen. Dort sind unter anderem anzutreffen: Kaiser Wilhelm und Prinz Albrecht von Preußen, zwei beliebte alte Sorten.
Warum gibt es nur noch so wenige Streuobstwiesen?

Lange prägten Wiesen mit knorrigen Apfelbäumen die Landschaft: sogenannte Streuobstwiesen. Sie mussten nicht nur Straßen und Baugebieten Platz machen. Die EWG-Verordnung „zur Sanierung der Obsterzeugung“ in der Gemeinschaft bahnte 1969 der Zerstörung der Kulturlandschaften den Weg - mit Belohnungen. Je Hektar gerodeter Streuobstpflanzungen wurde eine Prämie von 1.830 DM ausgezahlt. Betreut durch die Landwirtschaftskammer Münster wurden zwischen 1970 und 1973 3.137 Hektar Obstpflanzungen gerodet. Der Niederstamm-Obstbau wurde dagegen gefördert. Nach Schätzungen des NABU gingen die deutschen Streuobstbestände von etwa 1,5 Millionen Hektar um 1950 auf rund 300.000 bis 400.000 Hektar im Jahr 2008 zurück.
Wo sind Äpfel alter Sorten erhältlich?
Zum Beispiel beim Lüner Arbeitskreis Umwelt und Heimat. Das Obst ist im Bio-Garten, Hasenweg 2, in Brambauer erhältlich. Dort wird auch in Herbern gepresster Saft aus den unbehandelten Lüner Streuobstwiesen-Äpfeln verkauft: der 5-Liter-Karton für 7 Euro. Interessenten müssen sich aber vorher anmelden beim zweiten Vorsitzenden, Klaus Papius, Tel. (0231) 87 36 16.
Und was können Gartenbesitzer machen, die eine reiche Ernte hatten und nicht wissen, wohin mit ihren Äpfeln?
Die Naturfördergesellschaft des Kreises Unna (NFG) sammelt unbehandelte Äpfel von Obstwiesen im Kreis Unna, um sie zu vermosten zu naturtrüben Apfelsaft. Der letzte Abgabetermin in diesem Jahr an der Raiffeisen Hellweg-Lippe eG im Industriepark Unna, Alfred-Nobel Straße 19 , ist Freitag, 30. Oktober: Je 100 Kilogramm werden 19 Euro gezahlt.

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