Nach dem Leitpfosten-Massaker: Straßenbaubehörde kapituliert in Selm vor Verkehrsrüpeln

rnWerner Straße

Echter Schutz war es nie. Aber immerhin haben die Leitpfosten zwischen Werner Straße und Seitenstreifen Radfahrern etwas Sicherheit vermittelt. Damit ist jetzt plötzlich auch Schluss.

Selm

, 31.08.2019, 04:26 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Was blieb uns anderes übrig.“ Frank Hoffmanns Stimme am Telefon klingt so, dass man zu sehen glaubt, wie er den Kopf schüttelt. Es habe doch, sagt er, anders einfach keinen Zweck mehr gehabt. Das Ganze sei „sehr traurig“.

So kommentiert der Sachgebietsleiter beim Landesbetrieb Straßen NRW, was seine Behörde und die Stadt Selm am Montag (26. August) auf der Werner Straße gemacht haben: eine Art Kapitulation.

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„Es ist so, dass an der Werner Straße fünf bis zehn Leitpfosten in der Woche umgefahren werden“, hatte Frank Hoffmann im Dezember 2018 gesagt. Das sei verglichen mit anderen Straßen und Städten schon „eine ganze Menge“. Dabei stieg die Zahl seitdem noch.

„Zig Leitpfosten“ landeten jede Woche im Straßengraben

Im Frühjahr war schon von mindestens 15 die Rede, zuletzt von „zig Leitpfosten“, die Woche für Woche im Straßengraben des vier Kilometer langen Straßenabschnitts zwischen dem Selmer Ortseingang und der Kreuzung mit dem Cappenberger Damm landeten.

Nicht die Kosten für die Plastikpfosten - etwa 10 Euro pro Stück - haben der Behörde Sorgen gemacht, sondern die Personalkosten: Das Team der Straßenmeisterei habe mit der Werner Straße und ihren ein Meter hohen Plastikpfosten überproportional viel zu tun gehabt.

Kaum standen sie wieder, kamen bereits die nächsten Fahrzeuge - in der Regel solche mit Überbreite - und haben sie umgeschmissen. Eine besondere Form von Sachbeschädigung. Nie habe sich jemand selbst als schuldig bekannt oder sei von anderen als Verursacher angegeben worden. „Eigentlich verwunderlich“ findet Hoffmann das bei einer so viel befahrenen Straße.

Bessere Angebote für Fahrradfahrer haben bei der Sanierung gefehlt

Die Leitpfostenreihe zwischen Fahrbahn und Seitenstreifen diente als Schutzmaßnahme für Radfahrer, denen die Straßenbaubehörde sonst wenig zu bieten hatte bei der Sanierung der Werner Straße zwischen Ende 2016 und Ende 2018.

Für den Radwegebau durch das Land selbst gebe es eine klare Prioritätenliste. Selm habe da weit unten gestanden. Die Stadt selbst hätte das umgehen und einen sogenannten Bürgerradweg bauen können, „aber dann hätte sie selbst die nötigen Grundstücke erwerben müssen“, so Hoffmann. Das wäre teuer geworden und hätte die gerade von Gewerbetreibenden händeringend erwartete Sanierung noch um Jahre verzögert.

„Warum dann keine festen, im Asphalt verschraubten Leitpfosten?“, fragt Christian Jänsch, Sprecher des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs in Selm. Klare Antwort von Hoffmann: „Weil mir da die Unfall- und Verletzungsgefahr zu groß wäre.“

Hoffmann: „Für Schutzplanken hat der Platz gefehlt“

Schutzplanken für Radfahrer wie entlang des Westenhellwegs in Bergkamen (L 736) schieden für Selm aus einem anderen Grund aus: „Die Straße ist zu schmal dafür.“

Der Landesbetrieb Straßen NRW habe sich „diese Sache eine ganze Zeit lang angeschaut“ und dann zusammen mit der Stadt entschieden: „Die Leitpfosten kommen an der Stelle weg.“ Eine Entscheidung, die sich nicht so leicht wieder revidieren lässt.

Die Straßenmeisterei des Landes hat die Pfosten am Montag nach außen versetzt - von der linken Seite der Radfahrer auf ihre rechte. Die Stadtwerke Selm hätten anschließend die Löcher im Asphalt geschlossen.

Strecke ist bliebt bei Radlern

Dass das alles andere als fahrradfreundlich ist, weiß Frank Hoffmann auch. „Zumal uns bekannt ist, dass auf der Werner Straße regelmäßig Radfahrer unterwegs sind - und nicht wenige“.

Das ist ein falsches Signal

Kommentar von der Autorin Verkehrte Welt: Seit Monaten schauen sich die Verantwortlichen an, wie die Starken auf der Werner Straße die Schwachen bedrängen. Das Problem ist bekannt, die Behörde greift endlich durch - aber handelt im Sinne der Starken. Dass der Behördensprecher das schade und traurig findet, macht es nicht besser: Der Verteilungskampf zwischen Autos und Fahrrädern ist einmal mehr zu Gunsten der Luftverpester entschieden worden - als wenn es die Debatte um Klimaschutz und Fahrradfreundlichkeit nie gegeben hätte. Ein falsches Signal, denn es geht um mehr als nur um irgendwelche weißen Plastikpfosten. Wer käme schon auf die Idee, Tempolimits aufzuheben, nur, weil sich so viele nicht daran halten. Schwarzarbeit zu legalisieren, weil sie nicht auszumerzen ist? Bei Ladendiebstahl ein Auge zuzudrücken, weil er immer wieder vorkommt? Das wäre eine Kapitulation des Rechts vor dem Unrecht - so wie jetzt auf der Werner Straße.
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