Coronavirus

Nein zum Impfen: Was einen Selmer antreibt trotz wachsenden Drucks

Das Impftempo stagniert. Einige Menschen wollen sich nicht impfen lassen, obwohl sie das könnten. Auf sie wächst der Druck. Einer von ihnen ist ein ehemaliger Bürgermeisterkandidat von Selm.

Hamburg hat als erstes Bundesland die 2-G-Regel umgesetzt. Seit Samstag (28.8.) dürfen Gastwirte und Veranstalter entscheiden, ob sie nur noch Geimpfte und Genesene einlassen. Ein Modell, das Schule machen könnte in der Republik. Lediglich Getestete ohne Impfschutz oder überwundene Corona-Erkrankung bleiben dann außen vor – solche Leute wie Willi Gryczan-Wiese aus Selm.

Er sagt, er sei weder Corona-Leugner noch AfD-Anhänger. Impfen lassen will sich der ehemalige Selmer Bürgermeisterkandidat aber trotzdem nicht. Inzwischen wird es für ihn eng. Das findet der 71-jährige Architekt und Raumplaner ungerecht. Er macht sich Sorgen – weniger um seine Gesundheit als um den Zustand der Gesellschaft, die nicht mehr bereit sei, Andersdenkende zu tolerieren, wie er sagt. Ein Streitgespräch mit einem, der nicht mitmachen will, über Solidarität, Freiheit und ihren Grenzen.

Verhärtete Fronten zwischen Impfwilligen und Impfgegnern

Auf dem Tisch liegt ein dickes Bündel Papier. „Meine Test-Bescheinigungen der letzten Wochen“, sagt Willi Gryczan-Wiese. „Diese ist von heute“, sagt er und hebt den oberen Zettel in die Höhe. „Wieder eine positive Nachricht. Ich bin negativ.“ Der Selmer lacht wie immer, wenn er diesen Spruch macht. Und das ist oft. Aber die Spannungen der letzten eineinhalb Jahre, seitdem das Coronavirus den Alltag bestimmt, lassen sich nicht einfach weglachen. Sie haben sich verhärtet. Genauso wie die Fronten zwischen Impfwilligen und Impfgegnern.

Dabei wäre es doch so einfach: Inzwischen gibt es in Deutschland – im Gegensatz zu anderen Teilen der Welt – ausreichend Impfstoff. Rollende Impfteams kommen fast vor die Haustür. Gryczan-Wiese und andere bräuchten nur den Ärmel hochzukrempeln – zum eigenen Schutz und zum Schutz aller anderen. Das machen sie aber nicht. Die Impfquote stagniert bei derzeit 60,7 Prozent – zehn Prozentpunkte unter dem EU-Durchschnitt.

Alt-68er kultiviert den Widerspruchsgeist

Willi Gryczan-Wiese nennt sich selbst „unbequem“, und das schon von Jugend an. „Ich bin ein 68er.“ Damals begann er, die Dinge zu hinterfragen – ob Atomkraftnutzung oder Datenspeicherung – , sich zu empören und zu engagieren. Seine Erfahrung damals als linker Student: „Ich wurde von vielen beschimpft und zum Feindbild erklärt.“ Statt sich mit den Positionen von ihm und seinen Mitstreiterinnen und Mitstreitern auseinanderzusetzen, seien sie alle in eine Schublade gesteckt worden. „Dann brauchte man sich mit den Inhalten nicht weiter zu befassen.“ Diese Taktik habe Jahrzehnte überdauert, sagt er. Sein radikaler Widerspruchsgeist ebenfalls. Oder ist es Sturheit?

Gryczan-Wiese ist ehemaliger SPD-Ratsherr. Er organisierte 2018 das Bürgerbegehren zum Erhalt der Lutherschule, das zwar erfolgreich war, den Abriss aber trotzdem nicht aufhalten konnte. 2020 trat er als parteiloser Bürgermeisterkandidat an und erzielte von den fünf Bewerbern das viertbeste Ergebnis. Er ist Sprecher des Selmer Klima-Treffs. Ausgerechnet einer, der sich für das Gemeinwohl einsetzt, macht dicht, wenn Gesundheitsminister Jens Spahn appelliert: „Impfen ist eine persönliche Entscheidung – aber auch eine, die uns alle als Gemeinschaft betrifft.“ Jeder und jede Einzelne entscheide darüber, wie gut alle durch Herbst und Winter kämen.

Vertrauen auf das eigene Immunsystem

Der Selmer hat seine Entscheidung getroffen. Obwohl er keine chronische Krankheit hat, die dagegen sprechen könnte. Obwohl seine Frau und sein Sohn längst geimpft sind. Obwohl auch sein Hausarzt ihm den Pieks empfohlen hat und in der Vergangenheit kaum eine medizinische Errungenschaft so stark zur weltweiten Gesundheitsvorsorge beigetragen hat wie die Schutzimpfung. Ob er selbst als Kind Pocken oder Diphterie geimpft wurde, weiß Gryczan-Wiese nicht. „Danach aber nie.“

„Ich bin gesund“, sagt der 71-Jährige. Dass er allein wegen seines Alters zur Risikogruppe gehört, will er so nicht gelten lassen. Es gehe darum, wie fit man sei. „Seit Beginn der Corona-Pandemie achte ich noch mehr auf mein Immunsystem.“ Gesunde Ernährung, Sport, Yoga. Das sei entscheidend dabei, wie gut der Körper mit einer Infektion zurechtkommt. Das Risiko sieht er bei sich, nicht bei den anderen.

Statistik: Die meisten Opfer sind an Covid gestorben und nicht mit

Dass die Chance groß ist, sich früher oder später mit dem Coronavirus anzustecken, weiß er. Dass ihn das töten könnte wie bereits 36 Selmerinnen und Selmer oder 92.223 Deutsche bundesweit, „denke ich aber nicht“. Die meisten Verläufe seien schwach wie bei einer Grippe, meint er. In der Öffentlichkeit würde aber immer mehr über die gesprochen, die gestorben sind – mit oder an Covid.

„Die meisten waren ohnehin schwer krank, und Covid kam noch oben drauf“, sagt Gryczan-Wiese. Das stimmt nicht. Ende Juli 2021 hatte das Statistische Bundesamt veröffentlicht, dass 83 Prozent aller Corona-Opfer 2020 an Covid 19 als Grundleiden gestorben seien. Nur in 17 Prozent der Fälle war es eine Begleiterkrankung. Tatsächlich waren die meisten Opfer schon hochbetagt, aber eben längst nicht alle. Von Menschen mit Spätfolgen, sogenanntem Long-Covid – die Ärzte-Zeitung schätzt ihre Zahl auf mehr als 350.000 – weiß Gryczan-Wiese. Auch seine Cousine gehöre dazu. Aber auch das beeinflusst nicht das Ergebnis seiner persönlichen Risiko-Nutzen-Abwägung zur Impfung.

Ist der Anteil der Geimpften in der Bevölkerung hoch, dann kann sich eine Krankheit dort nicht ausbreiten: ob Röteln, Masern, Kinderlähmung oder jetzt Covid 19. Ein solcher Impfschutz für eine ganze Region heißt Gemeinschaftsschutz oder auch Herdenimmunität. Um Covid 19 kontrollieren zu können, muss dieser Wert laut Mitteilung des Robert-Koch-Instituts vom Juli bei mindestens 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen liegen und bei 90 Prozent der mehr als 60-Jährigen. Was passieren muss, damit Gryczan-Wiese dabei ist?

Kostenpflichtige Tests ändern nichts für Gryczan-Wiese

Dass das Testen ab dem 11. Oktober Geld kostet, wird nichts ändern. Dass er als Nur-Getesteter an manchen Veranstaltungen nicht teilnehmen kann, stört ihn schon mehr. Das Oktoberfest in Olfen – die erste große 2-G-Veranstaltung der Region – interessiert ihn dabei noch nicht. „Aber wenn es künftig mich direkt betrifft, werde ich schon nachdenken“ – nicht doch über eine Impfung, wie er sagt, sondern über eine Klage. Denn dann sieht er den Gleichheitsgrundsatz verletzt. Und ein Versprechen gebrochen. „Eine Impfpflicht sollte es nie geben.“ Das hätten Politikerinnen und Politiker stets betont. „Jetzt gibt es aber die Impfpflicht, wenn auch durch die Hintertür“.

Willi Gryczan-Wiese eckt an, auch im Bekanntenkreis. Manche hätten sich inzwischen von ihm kopfschüttelnd abgewandt, sagt er. Er nimmt das in Kauf. Andere teilten seine Vorbehalte oder fürchteten Nebenwirkungen, trauten sich aber – anders als er – nicht, offen darüber zu sprechen. Zu schnell würde man ihnen den Aluhut aufsetzen und sie in die Ecke der Spinner, Verschwörungstheoretiker und Rechten setzen. „So ein Quatsch.“

Der Selmer zitiert am Ende des Gesprächs Kurt Tucholsky: „Nichts ist schwerer und erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und zu sagen: Nein!“ Tucholsky kämpfte in der Weimarer Republik gegen Todesstrafe, Krieg und Pressezensur. Was er von der Impfung gehalten hätte, muss Spekulation bleiben.

Über die Autorin
Leiterin des Medienhauses Lünen
Leiterin des Medienhauses Lünen Wer die Welt begreifen will, muss vor der Haustür anfangen. Darum liebe ich Lokaljournalismus. Ich freue mich jeden Tag über neue Geschichten, neue Begegnungen, neue Debatten – und neue Aha-Effekte für Sie und für mich. Und ich freue mich über Themenvorschläge für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen.
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Sylvia vom Hofe