Jessica Denne und Anne-Merle Kohlschreiber (von links) sind neu in der Pfarrgemeinde St. Ludger in Selm. Als Pastoralreferentin und Pastoralassistentin übernehmen sie Aufgaben in der Seelsorge, in der Verwaltung oder in der Jugendarbeit. © Julian Preuß
Katholische Kirche

Neue Gemeinde-Mitarbeiterinnen lassen sich von Kirchen-Skandalen nicht abschrecken

Wenn über die katholische Kirche gesprochen wird, dann oft über Negatives. Dennoch ist die Pfarrgemeinde St. Ludger in Selm zur beruflichen Heimat für zwei junge Frauen geworden.

So oft wie Anfang August brauche sie Google-Maps nicht mehr, um sich in Selm zurechtzufinden, sagt Jessica Denne. Mittlerweile habe sie sich im Ort ihres neuen Arbeitgebers etwas eingelebt. Denn seit dem 1. August arbeitet die 30-Jährige als Pastoralreferentin in der katholischen Pfarrgemeinde St. Ludger.

Neu ist ebenfalls Anne-Merle Kohlschreiber. Die 22-Jährige hat erst vor wenigen Wochen ihr Bachelor-Studium der Religionspädagogik in Paderborn beendet. Sie möchte dahin, wo ihre neue Kollegin schon ist und ebenfalls Pastoralreferentin werden. Dafür arbeitet sie in St. Ludger drei Jahre lang als Pastoralassistentin, was vergleichbar mit einer Ausbildung ist. Sie erhält Einblicke in die Seelsorge, Jugendarbeit, Administration und schulischen Religionsunterricht.

In der Selmer Gemeinde kreuzen sich die Wege zweier junger Frauen, die sich für einen hauptamtlichen Job in der katholischen Kirche entschieden haben. Und das trotz der harschen Kritik, der sich die katholische Kirche immer wieder stellen muss.

Luxuswohnen, Homophobie und Missbrauch

Der limburgische Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst wurde 2013 nach der 30 Million Euro teuren Sanierung des Bischofshauses von seinen Pflichten entbunden. Im März 2021 sorgte die Glaubenskongretion der katholischen Kirche für enormes Aufsehen, als sie die Segnung homosexueller Paare verbot. Und immer wieder kommen neue Missbrauchsfälle von Priestern ans Licht.

Was also bewegt junge Frauen, für eben diese skandalträchtige Kirche hauptamtlich zu arbeiten? Es ist der Glaube sowie die eigenen Erfahrungen und positiven Erlebnisse in den Heimatgemeinden, die Jessica Denne und Anne-Merle Kohlschreiber zu dieser Entscheidung gebracht haben.

Anne-Merle Kohlschreiber: „Möchte ich das?“

„Natürlich habe ich mir vorab die Frage gestellt: ‚Möchte ich das?‘ Und die Antwort war: ‚ja‘“, erklärt Kohlschreiber. Die 22-Jährige ergänzt: „Ich habe mich in meiner Gemeinde am Niederrhein in der Nähe von Kleve immer wohl gefühlt und wurde als Frau nie unterschätzt.“

Mit der Zeit habe sich die heutige Pastoralassistentin immer mehr ehrenamtlich engagiert. „Ich war bei den Firmungen aktiv und konnte viele Projekte verwirklichen – beispielsweise ein Besuch im Hospiz. Das hat mir viel Spaß gemacht“, sagt Kohlschreiber. Aus diesem Grund habe sie die hauptamtliche Seite der kirchlichen Arbeit kennenlernen wollen.

Unterstützung bekam sie dabei von ihren Eltern, die beide selber ehrenamtlich in der Kirche aktiv sind. Bei ihren Freundinnen und Freunden habe ihre Berufswahl allerdings für Gesprächsstoff geführt, obwohl die meisten von ihnen wenig mit der Kirche zu tun hätten. „Wir haben viel miteinander gesprochen und ich habe viele Fragen gestellt bekommen. Es gab aber nie negative Reaktionen. Da hatte ich echt Glück“, erzählt Kohlschreiber.

Denne: Institution Kirche steht zu viel im Vordergrund

„In der letzten Zeit ist viel mehr über die Institution Kirche und nicht über Kirche als Gemeinschaft gesprochen worden“, weiß auch Jessica Denne. Aus Sicht der studierten Theologin sei die eigentliche Botschaft der Kirche – das Hoffnungsvolle und Bestärkende – zuletzt zu kurz gekommen. Dabei mache genau das die Kirche noch immer attraktiv.

Dafür brauche es eine konsequente Aufarbeitung der Skandale. Nötig sei auch eine Ehrlichkeit, die manchmal schmerzt. Denne weiß aber auch: „Wir können die große katholische Kirche nicht ändern.“ Umso mehr möchte sie sich im Kleinen für den Glauben einsetzen und diese Überzeugung den Menschen in Selm authentisch vermitteln.

Wie genau, das wird sich in den nächsten Wochen und Monaten noch herausstellen. Denne wird überwiegend im Jugendbereich arbeiten und als Bindeglied zwischen den Gruppen, der Verwaltung, der Seelsorge und der Pfarrei stehen. Die Gruppenleiter habe sie bereits kennengerlernt. „Ich habe viele Ideen und Bock, etwas Neues und Innovatives zu machen“, sagt sie. Dafür müsse sie aber erst kennenlernen, was es in der Pfarrei bereits gibt.

Denne ist fest davon überzeugt, ihre Ideen mit den ehrenamtlichen und hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umsetzen zu können. Das liege auch an den flachen Hierarchien innerhalb der Pfarrei. „Wir haben das Gefühl mittendrin zu sein. Der Pfarrer ist stark daran interessiert, dass mehrere Stimmen zu Wort kommen“, berichtet Denne, während Kohlschreiber zustimmend nickt.

Glaube als fester Teil des Privatlebens

Beide wollen sich zeitnah den Menschen in der Gemeinde vorstellen und dann auch die Gottesdienste besuchen. Denne möchte sich aber die Möglichkeit offenhalten, in ihrem Wohnort Lüdinghausen zur Kirche zu gehen. Denn der Glaube ist bei Denne und Kohlschreiber ebenfalls ein fester Bestandteil des Privatlebens.

„Ich habe beispielsweise in jedem Raum ein Kreuz hängen und bete, wenn es passt“, sagt Kohlschreiber. Sie finde es okay, das Symbol offen zu zeigen und verweist auf die Kreuz-Kette an ihrem Hals. Denne sieht das ähnlich. Sie habe zu Hause ein Kreuz, dass ihr eine ehemalige Mitbewohnerin geschenkt habe. Das zeigt: Der Glaube bedeutet viel mehr, als Teil der Institution Kirche zu sein. Er ist eine Lebenseinstellung, die die Botschaft der Kirche noch immer attraktiv macht. Und die muss nicht immer traditionell kirchlich sein.

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