Obdachlose in Selm: Gibt es das Problem der Wohnungslosigkeit hier überhaupt?

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In größeren Städten sind sie zwar präsenter, das bedeutet aber nicht, dass es sie in Selm nicht gibt: Wohnungslose Menschen leben auch hier. Wie groß ist das Problem? Und wo gibt es Hilfe?

Selm

, 25.12.2019, 19:25 Uhr / Lesedauer: 3 min

In einer Winternacht geht ein Ehepaar von Haus zu Haus, sucht Obdach. Türen schließen sich vor ihren Nasen, eine nach der nächsten. Nein, nein, nein. Kein Mensch schenkt dem Mann und seiner hochschwangern Frau Hilfe.

Die biblische Geschichte von Maria und Josef auf ihrer Suche nach einem Dach über dem Kopf und vor allem natürlich das in einer Scheune geborene Jesuskind ist jedes Jahr Zentrum von Weihnachtsgottesdiensten und Krippenspielen. Es ist eine Geschichte, die vielleicht auch zum Nachdenken anregt: Wie würde ich mich verhalten, wenn zwei Menschen vor meiner Tür stehen? Würde ich helfen? Und: Könnte das in einer Stadt wie Selm überhaupt passieren? Hier gibt es doch gar keine Obdachlosen, oder?

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Zumindest auf die letzte dieser Fragen hat die Diakonie, die in Selm eine Beratung für wohnungslose Menschen und Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind anbietet, eine klare Antwort: „Nein.“ Auch in Selm gibt es Menschen, die obdachlos sind, sagt Diakonie-Mitarbeiterin Janine Birk auf Anfrage der Redaktion. Das ist also kein Problem, das es nur in größeren Städten gibt, - auch wenn es dort in Fußgängerzonen deutlicher zutage tritt, obdachlose Menschen präsenter sind.

Eine Notschlafstelle für Obdachlose gibt es in Selm

Draußen auf der Straße leben in Selm tatsächlich wenig Menschen, erklärt auch die Stadt auf Anfrage der Redaktion. Nach Erfahrung der Diakonie übernachten Wohnungslose in Selm eher bei Freunden, Bekannten oder anderen Familienmitgliedern. Oder sie kommen in der Notschlafstelle in Selm unter: Die hält die Stadt in Bork an der Straße Auf dem Südfeld vor. Platz ist hier für 24 Menschen. In den einzelnen Wohneinheiten sind jeweils drei Zimmer, ein Gemeinschaftsbad und eine Gemeinschaftsküche.

Es ist allerdings nicht so, dass Betroffene dort einfach spontan aufschlagen können. Das geht über das Ordnungsamt: Dort kann sich ein obdachloser Mensch melden und um Unterbringung bitten. „Nach Überprüfung der persönlichen und finanziellen Verhältnisse wird per Verfügung ein Platz in der Notunterkunft zur Verfügung gestellt“, beschreibt Malte Woesmann den Vorgang.

„Mittelmäßig ausgelastet“ ist die Notunterkunft nach Auskunft der Stadt Selm. Sie muss immer Kapazitäten vorhalten. „Die Zahl der untergebrachten Obdachlosen lag in den vergangenen Jahren im Schnitt bei zwischen sechs bis zehn Personen. Auffällig ist hierbei, dass der Anteil an jungen Männern und Familien tendenziell steigend ist“, so Woesmann.

26 Menschen aus Selm haben Wohnsitz bei Diakonie angemeldet

Allein 26 Menschen, so erklärt es Janine Birk, hatten im Jahr 2019 ihre Postanschrift bei der Diakonie in Selm. „Weil sie keine Meldeadresse hatten.“ So eine Meldeanschrift braucht man, um Leistungen über das Sozialgesetzbuch beziehen zu können. Konkrete Zahlen, wie viele Menschen insgesamt in Selm wohnungslos sind, gibt es nicht. „Es ist aber auch von einer Dunkelziffer auszugehen“, sagt Janine Birk.

Ihrer Einschätzung nach steigt das Problem der Wohnungslosigkeit mit Blick auf die vergangenen Jahre. „Viele der zum Personenkreis zählenden sind SGB-II- Leistungsempfänger mit der Konsequenz, dass der Wohnraum angemessen sein muss.“ Heißt: Die Miete plus Nebenkosten muss bei 352,50 Euro liegen. Überschuldung, Sucht, eine psychische Erkrankung, Mangel an geeignetem Wohnraum - all das könne ein Grund sein, wohnungslos zu werden.

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So ist auch die Erfahrung der Stadt: „Rauswurf aus dem Elternhaus, Zwangsräumungen, JVA-Aufenthalte, Drogen- und Alkoholabhängigkeit, Krankheiten oder andere schwere menschliche Schicksale“, nennt sie als mögliche Ursachen. In den allermeisten Fällen also Dinge über die es nicht einfach ist, zu sprechen. Sie zu offenbaren und sich selbst oder anderen gegenüber einzugestehen.

Beratung für Wohnungslose von der Diakonie in Selm

„Häufig kommen die Menschen deswegen zu spät. Eben dann, wenn die Wohnung schon verloren ist. Neben den Gründen, die zur Wohnungslosigkeit geführt haben, tritt auch häufig eine allgemeine Perspektivlosigkeit ein“, erklärt Janine Birk.

Bei der Wohnungslosenhilfe der Diakonie finden Betroffene Hilfe. Auf ganz unterschiedlichen Ebenen: Ein Berater vor Ort kann mit ihren über Möglichkeiten zur Sicherung des Lebensunterhaltes sprechen, auch über den Abbau von Schulden, er kann Hilfestellungen bei der Wohnungssuche geben, Übernachtungsmöglichkeiten vermitteln oder bei der Jobsuche helfen.

Auch für Menschen, die von Wohnungslosigkeit bedroht sind

„Weil es oft am Alltäglichen mangelt, gibt es bei uns die Möglichkeit Wäsche zu waschen und zu trocknen, zu duschen oder im Begegnungsraum Zeitung zu lesen und einen Kaffee zu trinken“, heißt es auf der Homepage der Diakonie über die Beratungsstelle in Lünen, St. Georg-Kirchplatz 4a. In Selm gibt es einmal in der Woche eine Beratung: immer dienstags von 14.30 bis 16 Uhr in den Räumen der evangelischen Kirchengemeinde an der Teichstraße 31.

Die Beratung richtet sich sehr deutlich aber auch an Menschen, die nicht obdachlos sind, aber von Wohnungslosigkeit bedroht sind. „Menschen haben große Scham zu offenbaren, dass sie mittellos sind und zum Beispiel zu leistende Jahresendabrechnungen nicht begleichen können“, sagt Janine Birk. Wenn sie sich aber überwinden und bei der Beratungsstelle der Diakonie an die Tür klopfen, werden sie nicht abgewiesen. Auf der Homepage des Wohlfahrtsverbandes steht: „Jeder Betroffene ist uns willkommen.“

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