Vor dem Griff zum Obst und Gemüse greift jeder Kunde automatisch zu den dünnen Plastikbeuteln, damit die Ware gebündelt, gewogen und nach Gewicht bezahlt werden kann. Das soll sich ändern.

Selm

, 17.06.2019, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ob Rewe, Lidl oder Aldi: Wer loses Obst und Gemüse im Angebot hat, stellt dem Kunden bislang auch kostenlos dünne Plastiktütchen zum Transport zur Verfügung. Für den Umweltschutz und die Vermeidung von Plastikmüll wollen die Einzelhandelsketten nun aber neue Wege gehen, auch in Selm.

Aldi verlangt künftig einen Cent pro Tütchen, Rewe führt bundesweit das Mehrwegfrischenetz ein und Edeka Geldmann setzt verstärkt auf Papier und recyclebare Plastiktüten. Änderungen, die bei den Kunden gut ankommen.

Kunden ärgern sich über Verpackungen

„Man hat ja gar keine Chance, auf Plastik zu verzichten. Das ist eine Katastrophe“, sagt Kundin Gabriele Kuhn. Angelika Pelkeit versucht, soweit es geht auf Müll-Vermeidung zu achten. „Bananen müssen nicht in Plastiktüten“, sagt sie, beoachte aber immer wieder, wie andere das machten.

„Wir haben Zuhause zwei große gelbe Tonnen. Wir sind ein Sechs-Familien-Haus. Aber wir kommen damit meist nicht aus. Es ist alles in Plastik verpackt, und manches doppelt und dreifach.“ Daran müsse sich etwas ändern, sind beide Frauen überzeugt. Und haben gleich eine Lösung: „Wir bräuchten wieder Verkaufstheken. Das würde auch Arbeitsplätze schaffen“, sagt Gabriele Kuhn.

Weniger schädliche Plastiktüten: Selmer Einzelhandel sagt Plastikmüll den Kampf an

Obst in umweltschädlichen Plastiktüten sollen in Selm bald der Vergangenheit angehören. © Stephanie Tatenhorst

Fliegender Händler nutzt Kunden-Gefäße

Karim Rmadan bediente seine Kunden am Freitag aus dem väterlichen Verkaufswagen mit Käsecreme-Spezialitäten, Oliven, eingelegtem Gemüse und vielen weiteren Dingen, die nach Kundenwunsch verpackt und abgewogen wurden.

„Wir nutzen gerne die Dosen unserer Kunden, wenn die welche mitbringen“, sagt der junge Mann. „Die müssen nur groß genug sein, dass wir sie nicht mit unseren Löffeln berühren. Das darf aus hygenischen Gründen nicht passieren“, erklärt Rmadan. Die Zahl der Kunden, die diese Möglichkeit aber nutze, sei gering. „Manche bringen mal Gefäße mit, mal nicht. Aus Bequemlichkeit greifen die meisten noch auf unsere Tüten und Becher zurück“, erklärt er. Tragetüten wollten der Großteil der Kunden allerdings nicht. Da hieße es meist: „Das geht so.“

Hiesige Händler kennen Kundenwünsche

„Unsere Kunden fragen uns nach Alternativen“, bestätigt Jimmy Gawdi, der in Selm den Rewe-Markt betreibt. „Das geben wir dann weiter an unsere Zentrale in Dortmund. Alleine können wir nichts bewirken.“ Dort ist das Thema längst bekannt, und neue Wege werden beschritten:

„Seit dem 15. Oktober 2018 bietet Rewe die Alternative für den Knotenbeutel an und appelliert an die Kunden, vermehrt zu losem Obst und Gemüse zu greifen, das einen verpackungsfreien Einkauf ermöglicht“, erklärt Pressesprecherin Annika Amshove mit Blick auf das Mehrwegfrischenetz. Allerdings: „Anders als bei den Plastiktragetaschen, für die es schon vor der Auslistung mehrere Alternativen gab, die die Umstellung erleichterten, ist die Bekanntheit, Verbreitung und Nutzung der Mehrwegfrischenetze noch verhältnismäßig gering.“

Edeka Geldmann setzt verstärkt auf Papier

„Soweit es möglich ist, wollen wir Schritt für Schritt vom Einweg weggehen und bei der Verpackung eher auf Taschen aus Papier setzen“, erklärt Georg Geldmann, der den Edeka an der Botzlar-Straße betreibt. Wo das nicht geht, sollen alsbald nur noch recyclebare Plastiktüten zum Einsatz kommen. Denn Papier kann in manchen Fällen nicht fest genug oder bei Nässe reißbar sein. Das will man vermeiden.

Dass Kunden eigene Gefäße mit zur Fleisch-, Wurst- oder Käsetheke bringen, geht im Edeka jedoch nicht. „Das ist aus hygienischen Gründen nicht erlaubt“, erklärt Geldmann. Hier gelten nämlich europäische und nationale Vorschriften, die eingehalten werden müssen, und die Sicherheit der angebotenen Lebensmittel muss durch den Betreiber gewährleistet werden. Für die örtliche Überwachung ist die Kreisverwaltung zuständig.

Mehrweg ist eine Möglichkeit der Müllvermeidung

Welche Art von Müll entsteht, ist den Kundinnen Gabriele Kuhn und Angelika Pelkeit eigentlich egal. Die Menge müsse generell sinken. Mehrwegsysteme wären da eine Möglichkeit. Etliche Bäcker nutzen dies schon bei den Coffee to Go-Bechern. Entweder nehmen sie die Becher an und befüllen sie - oder der vom Kunden eigens gekaufte Becher wird gegen einen neuen Mehrwegbecher eingetauscht. Es gibt bereits Konzepte, die die Lebensmittelüberwachung überzeugt haben. Bis die flächendeckend eingeführt sind, wird es aber wohl noch dauern.

Aldi setzt auf Tüten-Gebühr

Um den Müllanteil zu senken, will Aldi für die dünnen Obst-Tüten 1 Cent pro Stück nehmen. Die sogenannten Knotenbeutel - dann aus nachwachsenden Rohstoffen - sollen ab Sommer erhältlich sein. Aldi setzt dabei auf Erfahrungen, die man bei der Abschaffung der klassischen Plastiktüte machte.

„Die Zahlen bestätigen, dass die Bepreisung der Plastiktaschen Verbraucher sichtlich zum Umdenken bewegt hat. Ein ähnliches Prinzip verfolgen wir mit dem symbolischen Cent für unsere Einwegtüten im Obst- und Gemüsebereich“, so

Kristina Bell, Group Buying Director Quality Assurance & Corporate Responsibility.

Ab Herbst sollen dann außerdem wiederverwendbare Mehrwegnetze verfügbar sein.

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