Plattdeutscher Autor: In Vergangenheit abtauchen

Helmut Holz im Interview

Er ist 74 Jahre alt, war jahrzehntelang Redakteur und Schalke-Reporter für die Ruhr Nachrichten - und er schreibt Bücher auf Plattdeutsch: Helmut Holz. Woher er den Dialekt kann, wie seine Karriere als Autor begann, wovon seine Bücher handeln und wo das wahre Platt gesprochen wird, hat er uns im Interview verraten.

SELM/LÜNEN/WERNE

, 20.04.2016, 05:43 Uhr / Lesedauer: 5 min

Trotz seiner 74 Jahre ist Helmut Holz bis heute aufmerksamer Leser der Ruhr Nachrichten, für die er jahrzehntelang als Redakteur in Selm und Schalke-Reporter selbst schrieb. Heute lebt er im Lüner Ortsteil Wethmar, doch seine Wurzeln liegen in Langern bei Werne - genauer: in der Bäckerei seines Vaters Auf Hauschopps Knapp neben dem ehemaligen Jagdhaus. Sie ist auch Ausgangspunkt vieler seiner Geschichten.

Sein Hobby, das Schreiben, begann mit der Rente. Er schrieb „Dönekes“ auf Plattdeutsch. Vier Bücher und ein Reime-Band entstanden, zwei Bücher gehen jetzt in die zweite Auflage. Wieso begann Helmut Holz eigentlich, auf Platt zu schreiben? Hier unser Interview:

Die zweite Auflage ihres Buches steht an – ein Buch in Plattdeutscher Sprache. Wie kommen Sie eigentlich dazu? Die Antwort ist auch verknüpft mit meinem Ausscheiden in Selm. Da hat mich ein Kollege gefragt: Was machst du denn als Rentner? Dem habe ich gesagt, dass ich die Geschichten, die ich als Brotfahrer in der Bäckerei meines Vaters erlebt habe, in einem Buch niederschreibe.

Sie arbeiteten in der Bäckerei mit. Dann haben Sie sich aber entschieden, zur Presse zu gehen. Warum? Ja, ich war in mehreren Redaktionen, die es heute nicht mehr gibt, und habe dann 25 Jahre in Gelsenkirchen gearbeitet als Schalke-Reporter.

Die Anekdoten stammen aber aus dem Leben als Brotfahrer… Ja, die sind einfach haften geblieben.

Können sie etwas zum Besten geben? Die Anekdoten sind etwas lang, aber ich kann die Geschichte mit der Ampel erzählen: Das erste Buch hat eine Geschichte, die eine Frau aus dem Dorf meiner Mutter erzählt hat. Als sie nach Lünen fuhr, um ihren Sohn im Krankenhaus zu besuchen, nahm sie sich ein Fahrrad von der Nachbarin, fuhr los und stand dann in Lünen an einer Ampel. Das hatte sie noch nie gesehen und ist rüber gegangen, als kein Auto kam. Die Ampel war da aber Rot. Auf der anderen Straßenseite stand ein Polizist, der das beobachtete und die Frau anhielt mit der Frage: Was machen Sie denn hier? „Ick ben rüer goahn“, sagte die Frau. „Aber es war doch Rot.“ „Watt is datt denn? Ick ben bloaß rüer goahn und et kam keen Audo.“ „Was haben Sie denn da für ein Fahrrad?“ „Datt is goar nit mien.“ Dann lief das Gespräch so weiter. „Licht haben Sie ja auch nicht.“ „Iss do vandage hell“, sagte die Frau. Dann hat der Polizist nach mehrfachem Hin und Her eingesehen, wen er da vor sich hatte und hat gesagt: „Dann fahren Sie mal vorsichtig zum Krankenhaus zu Ihrem Sohn und wieder nach Hause.“ Solche Geschichtchen sind das.

Was mir dann im Grunde selber passiert ist. Ich bin mit 14 Jahren als Autofahrer erstmals angehalten worden. Mein Vater saß neben mir auf dem Brotwagen. Wir sind nach Cappenberg gefahren und ein Polizeiwagen hielt uns an. Ihnen wäre aufgefallen, dass man keinen Fahrer gesehen habe – ich war also wohl noch so klein, dass ich kaum übern Lenker gucken konnte. Das hat dann damals auch keine Nachwirkung gehabt, es hat 25 Mark gekostet. Später passierte etwas Ähnliches: Da gab es wieder Ärger. Da hat mein Vater, er war ein guter Schauspieler, mich auf der Stelle zu Recht gewiesen – was mir denn einfalle, er werde nächstes Mal den Schlüssel abziehen… Da hat die Polizei sich irgendwie selber gefragt: Was sollen wir denn jetzt machen? Wir haben Verwarnungsgeld gezahlt, dann war es gut.

Eine andere Geschichte war die mit dem Namen Holz: Wir klingelten in Hamm bei Bekannten, da fragte oben aus dem Fenster eine Frau: „Wer ist da?“ Da sagte mein Vater: „Holz ist da.“ Da rief die Frau: „Holz? Et iss doch Sundach vandage, da kummt doch kien Holz. Datt geit doch gar nich.“ 

Diese Geschichten haben sie auf Plattdeutsch aufgeschrieben. Wie schwer ist Ihnen das gefallen, denn Schrift- und Wortsprache sind ja noch mal unterschiedlich… Das Problem ist sicher, dass Plattdeutsch eigentlich keine Rechtschreibung hat. Ich versuche, mich am Gehör zu erinnern, wie mein Vater es ausgesprochen hätte. Sicher gibt es zwischen dem ersten und meinem vierten Buch Unterschiede – man meint ja, man muss sich verbessern.

1974 bis 1980 habe ich Dönekes für die Glocke in Oelde geschrieben. Der Kulturredakteur war ein Bekannter des Sportredakteurs, dem gefiel das. Zu dem ging ich dann nach meiner Verrentung, der vermittelte mir den Verlag.

Und wie war das da? Die waren etwas skeptisch im Verlag – vielleicht 1000 Exemplare in sechs Jahren, so die Einschätzung. Ich hatte noch einen bekannten Illustrator aus meiner Schalkezeit, Wilfried Rothmann. Den habe ich 30 Jahre nach dem letzten Kontakt angerufen, und er hat die Geschichten sehr schön illustrativ umgesetzt. Genau nach der Plattdeutschen Vorlage.

Sie haben vier Bücher auf Plattdeutsch geschrieben. Ja, ich dachte immer, es dürfe nicht mehr als 80 Seiten stark sein. Daran habe ich mich immer gehalten. Eigentlich sind es fünf Bücher: In jedem Buch hatte ich Gedichte, nein Reime, Gedichte ist zu hoch gegriffen, die habe ich in einem kleinen Gedichtband veröffentlicht.

Wenn Sie die vor sich liegen haben, wie führt sich das an? Das hat mir Spaß gemacht. Man taucht in seine Vergangenheit ab.

Beim Schreiben? Ja, vor allem gedanklich. Wir sind mal zu Möbel Turflon in Werl gefahren. Am Straßenrand stehen die alten, hellwegischen Apfelbäume nahe der Straße. Auf der Straße liegen die Äpfel, und keiner hebt sie auf. Darum ist der Titel „Das Geld liegt auf der Straße.“

Welche Auflage hatten diese Bücher? Ich weiß, dass knapp 1800 verkauft wurden von dem Ampellicht und „Man mott sich auch to helpen wiäten“. Jetzt ist keines mehr da.

Haben Sie damit Geld verdient? Sagen wir mal: Ich habe nichts dazu getan…

Das machen Sie also aus Freude daran? Und ich habe nichts dazu gelegt. Aber weil ich eine Abnahmepflicht hatte, konnte ich die Bücher selbst verkaufen. Da musste ich auslegen, aber habe auch ein bisschen was eingenommen. Die zweite Auflage ist aber nun so gedruckt worden. Sie ist digital noch mal neu gedruckt worden, unverändert.

Plattdeutsch – haben Sie das denn selbst gesprochen? Nicht wirklich. Mein Vater sprach das. Es hat keine große Zukunft und stirbt aus, wenn man es in Theatern nicht erhalten würde. Das ist schade, denn es ist ein Stück Kultur. Aber ich glaube auch, dass man es nicht aufhalten kann.

War denn das ein Ansporn beim Schreiben der Bücher? Jein. Eigentlich nicht so richtig. Mit jeder Zeile, jedem Döneken fielen mir wieder neue Dinge ein. So kam das mehr und mehr zusammen. Ich traf am Cappenberger See mal den ehemaligen Direktor des Gymnasiums Altlünen, dessen Frau Platt spricht. Dann traf ich einen Hund, einen kleinen Spitz, der erinnerte mich an unseren „Molly“ damals – und so kam das dann zusammen.

Wie ist denn die Rückmeldung von Leuten, die Platt sprechen, bei Ihnen? Ich bekomme viel positives Feedback. Eine Frau sprach mich mal an: „Du schreibst auf Platt? Du kannst doch gar kien Platt sprechen!“ Der WDR hatte ja mal im Radio Plattdeutsch-Beiträge, hat das aber beendet mit der Begründung, dass Platt überall anders gesprochen wird. In Lüdinghausen anders als in Ascheberg und wieder anders in Nordkirchen. Das ist so. Jeder behauptet immer, das richtige Platt wird nur bei uns gesprochen – insofern habe ich kein Problem damit zu sagen: Das richtige Platt habe ich aufgeschrieben.

Es gibt kein münsterländisches Platt? Doch. Schon. Es gibt auch sauerländisches Platt, das ziemlich deutlich anders ist.

Wie haben Sie reagiert, als Sie hörten, dass es eine zweite Auflage geben soll? Das hat mich gefreut. Der Verlag hat einen Weg gefunden, die Bücher zu digitalisieren – darum ist die Produktion günstiger. Es gibt jetzt wohl noch mal je 200 Bücher. Entgegen der Einschätzung des damaligen Verlegers, dass man für 1000 Bücher sechs Jahre braucht, kann ich sagen, dass ich für das zweite von Herbst 2011 nur viereinhalb Jahre gebraucht habe.

Wie kam es denn dazu? Ich wollte selbst Bücher bestellen, aber da hörte ich beim Verlag, dass es keine mehr gibt. Daraufhin wurden neue gedruckt.

Sie wohnen in Lünen mit der Nähe zu Cappenberg – um Sie herum wird kein Platt gesprochen? Nein. Ich spreche auch sonst nicht Plattdeutsch, es sei denn, man wird auf das Buch angesprochen – dann geht das schon mal etwas hin und her. Ich glaube, hier spricht man nur noch Platt, wenn sich ältere Bauern begegnen.

Haben Sie mal Kontakt zu Sprachforschern gehabt? Das wird mir zu theoretisch. Mich hat mal ein Experte aus Münster angerufen, der etwas machen wollte zur Nähe des Plattdeutschen zum Niederländischen. Aber daran hatte ich kein Interesse, darum habe ich das abgelehnt.

 

Um diese Bücher geht es
Der Schnell Verlag (Steinhagen) bringt von den plattdeutschen Geschichtensammlungen „Äs dat Ampellecht op Raut stonn“ und „Man mott sick blaoß to helpen wiëtten“ von Helmut Holz ein zweite Auflage heraus. Die Bücher haben jeweils 80 Seiten und sind passend illustriert.
Neben diesen beiden Werken sind in gleicher Aufmachung und auch in inhaltlich ähnlicher Art zwei weitere Bücher von Helmut Holz im Münsterländer Platt im Schnell Verlag erschienen: „Wenn de Welt unnergeiht...“ und „Das Geld ligg op de Straot“.
Hier die ISBN-Nummern: "Äs dat Ampellecht op Raut stonn“, Schnell-Verlag, ISBN 978-3-87716-703-8 für 8.80 Euro; „Man mott sick blaoß to helpen wiëtten“; ISBN 978-3-87716-690-1; 8,80 Euro.

 

Hier können Sie sich das gesamte und ungeschnittene Gespräch mit Helmut Holz anhören:

 

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