Maria 2.0 auch in Selm: Es geht unter anderem um die Forderungen, Missbrauch in der Kirche zu verfolgen und Frauen Zugang zu kirchlichen Ämtern zu geben. Der Protest ist kreativ.

Selm

, 08.05.2019, 05:20 Uhr / Lesedauer: 4 min

Die Aktion Maria 2.0 steht unter dem provokanten Titel „Kickt die Kirche aus dem Koma“. Die Aktion wurde Anfang des Jahres von einer Gruppe von Frauen aus Münster ins Leben gerufen. Diese hatten angesichts der aktuellen Situation in der katholischen Kirche das Gefühl ein Zeichen setzen zu müssen.

„Die Frauen haben darüber gesprochen, wie schwierig es ist, Menschen, die fern der Kirche stehen, zu erklären warum man überhaupt noch dabei ist, bei all dem Grauen, das in den letzten Jahren immer wieder und immer mehr zu Tage getreten ist“, erklärt Jutta Kersting, ehrenamtliche Mitarbeiterin der katholischen Kirchengemeinde St. Ludger. „Seit Jahren werden immer die gleichen Fragen diskutiert und trotz der allseits beteuerten Reformbereitschaft ist die Abschaffung bestehender Machtstrukturen nicht in Sicht.“

Aufruf zum Streik

Mit einem Offenen Brief an Papst Franziskus und klar formulierten Forderungen sind die Frauen gestartet. Sie gehen aber einen Schritt weiter. Sie rufen alle Frauen und Männer, die die Aktion unterstützen, auf, in der Woche vom 11. bis zum 18. Mai 2019 in einen „Kirchenstreik“ zu treten. Diese Menschen betreten in dieser Zeit keine Kirche und tun keinen Dienst. Vor den Kirchen werden sie Gottesdienst feiern und die Forderungen nachdrücklich und kreativ zum Ausdruck bringen. Es geht darum zu informieren und zu diskutieren und deutlich zu machen, dass jetzt die Zeit zum Handeln ist und Veränderung stattfinden muss.

„In Selm werden wir diese Aktion auf verschiedene Weise unterstützen“, kündigt Jutta Kersting an. Frauen, aber auch Männer seien dazu eingeladen, sich anzuschließen. Was Maria 2.0 konkret mit Selm zu tun hat, haben Jutta Kersting und ihre Mitstreiterinnen in zehn Antworten auf zehn Fragen der Redaktion formuliert.

Zehn Fragen und Zehn Antworten:

? Warum unterstützen Frauen aus der Kirchengemeinde St. Ludger Selm die Initiative der Münsteraner Frauen?

Weil uns die Anliegen und Forderungen der Münsteraner Frauen aus der Seele sprechen. Auch wir glauben, dass Veränderungen in den Strukturen der katholischen Kirche dringend notwendig sind. Frauen darf der Zugang zu den Weiheämtern (Priesterin, Bischöfin) nicht länger verweigert werden. Denn nur so können Frauen den Einfluss nehmen, den es für eine innere Erneuerung unserer Kirche braucht.

? Die Initiative ist Ausdruck einer Hilflosigkeit und Wut gegenüber der Kirchenhierarchie und deren Folgen. Wie wütend sind Sie als Selmer Frauen?

In der Aktion liegen weniger Wut und Hilflosigkeit als vielmehr die große Sorge um den Fortbestand unserer Kirche. Menschen wenden sich in zunehmendem Maße von der Kirche ab, weil sie diese als verlogen, nicht zeitgemäß und diskriminierend empfinden. Diese Sorge wird in Selm von vielen aktiv in unserer Kirchengemeinde tätigen Menschen geteilt.

? Die Probleme, die die Münsteraner Frauen ansprechen, sind ja bundesweite Probleme. Wie virulent sind sie konkret in Selm?

Die Probleme, die die Frauen ansprechen sind nicht allein auf Deutschland bezogen. So erklärt sich ja auch das europaweite Medieninteresse an Maria 2.0. In großen Teilen Europas werden die Kirchen leerer. Auch bei uns in Selm sind die Gottesdienste nicht mehr überfüllt. Jedes Jahr taufen wir ca. 70 Kinder, aber durch Tod und Kirchenaustritte verlieren wir bis zu 200 Gläubige im Jahr. Es ist endlich ein Umdenken erforderlich.

Die Initiatorinnen aus Münster haben vier Kernforderungen aufgestellt: Ein rigider Umgang mit Missbrauchstätern, ein Zugang von Frauen zu allen kirchlichen Ämtern, die Abschaffung des Pflichtzölibats, sowie die Anpassung der kirchlichen Sexualmoral an die heutige Lebenswirklichkeit. Diese Forderungen unterstützen wir. Wandelt sich Kirche nicht, ist die Befürchtung groß, dass der Zuspruch noch geringer wird – eben auch in Selm.

? Wie viel Mut gehört dazu, in Selm zu Aktionen wie, nicht mehr die Kirche zu betreten, aufzurufen?

Zu einem ersten Treffen sind über 20 Frauen gekommen. Die jüngsten waren Ende 20, die ältesten über 80. Das zeigt, wie sehr die Initiative auf offene Ohren trifft und wie viele Menschen die Sehnsucht nach Veränderung in unserer Kirche teilen. Bei so einer breiten Zustimmung zu der Aktion brauchte es daher nur wenig Mut, Maria 2.0 auch in den Gottesdiensten der Gemeinde vorzustellen.

? Befürchten Sie Druck vom Bistum oder der Gemeindespitze?

Nein, Druck ist nicht zu erwarten. Auch im Inneren der Bischofskonferenz hat sich das Diskussionsklima verändert. Immer mehr Bischöfe denken laut über Veränderungen beim Pflichtzölibat, in der Sexualmoral und beim Frauenpriestertum nach. Die Gremien der Gemeinde, Pfarreirat und Seelsorgeteam haben sich ebenfalls für die Aktion ausgesprochen. Aber uns ist auch bewusst, dass nicht alle Menschen in unserer Gemeinde unser Handeln gut finden. Der Wunsch nach Veränderung schafft auch Unbehagen und macht Angst. Das ist auch in Ordnung und darf so sein.

? Die Münsteraner Frauen wollen nicht nur im Aktionszeitraum keine Kirche betreten, sondern auch keinen Dienst tun. Wie würde sich ein solcher Streik in Selm auf das Gemeindeleben auswirken?

Auch wir werden eine Woche lang alle Ehrenämter ruhen lassen. Eine Woche ohne Lektorinnen, Kommunionhelferinnen und Messdienerinnen wird die Gottesdienste sichtbar ärmer machen. Wenn Frauen allerdings länger oder gar auf Dauer ihre Ämter niederlegen würden, hätte das gravierende Auswirkungen auf unsere Gemeinde – nicht nur auf Gottesdienste, sondern auf etliche Angebote, die ehrenamtlich ausgeführt werden.

? Was glauben Sie, können Sie konkret in Selm mit der Aktion bewirken?

Wir wollen mit unserer Teilnahme ein sichtbares Zeichen setzen. Deshalb auch die Aufforderung die Kirchen nicht zu betreten und an den normalen Gottesdiensten nicht teilzunehmen. Wir möchten zeigen, um wieviel leerer so mancher Gottesdienst wäre, wenn Frauen und Männer, die Veränderung wünschen fehlen würden.

? Haben Sie an die Zeit nach dem Kirchenstreik gedacht? Geht es dann, wie gehabt, weiter? Kann es das?

Lassen Sie uns nicht von Kirchenstreik sprechen. Wir möchten lieber von einem prophetischen Zeichen sprechen, dass wir setzten möchten. Ohne gravierende Veränderungen wird unsere Kirche keine Chance haben. Die Woche wird ein Anfang sein. Wir werden an dem Wunsch nach Veränderung dran bleiben und nicht nach einer Woche zum (Kirchen-)Alltag zurückkehren.

? Wie werden die alternativen Gottesdienste in Selm aussehen?

Bunt und kreativ, wie wir Frauen sind. Am Samstag, 11. Mai, finden um 17 Uhr vor der Ludgerikirche und um 18.30 vor der Kapelle St. Josef Gottesdienste vor den Türen statt. Ebenso am Sonntag, 12. Mai, vor der Stephanuskirche. Alle Gottesdienste finden parallel zu den Gottesdiensten in den Kirchen statt. Am Freitag, 17. Mai, laden wir dann alle Frauen und Männer, Jugendliche und Kinder, die sich Veränderung für unsere Kirche wünschen zu einem Begegnungsfest auf dem Platz vor der Josefskapelle ein. Hier werden wir auch mit verschiedenen Aktionen zeigen, dass unser Glaube lebendig ist.

? Wie viele Frauen unterstützen in Selm bislang diese Aktion?

Es sind nicht nur Frauen, die die Aktion Maria 2.0 unterstützen. Auch viele Männer sind dabei. Wir sind auf ein breites, positives Echo in der gesamten Gemeinde gestoßen und hoffen, dass sich viele auf den Weg machen um sich für die Veränderung in unserer Kirche einzusetzen. Vielleicht auch diejenigen, die in den letzten Jahren häufig von uns als Kirche enttäuscht wurden, da wir nicht ihre Lebenswirklichkeit in den Blick genommen haben.

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