Selm ist Treffpunkt für Deutschlands Stickfreunde

Süchtig nach Nadeln

Sie mögen es bunt und fantasievoll, und sie kommen aus ganz Deutschland nach Cappenberg: Mehr als 20 Leute machen sich regelmäßig auf den weiten Weg zu dem kleinen Laden am Cappenberger Damm. Dort gehen sie gemeinsam einer Leidenschaft nach, die viele andere mit den Augen rollen lässt: Sticken.

SELM

, 30.08.2017, 15:48 Uhr / Lesedauer: 3 min

Anke Cramer wohnt in Flensburg. Elke Benitt 800 Kilometer südlich in Pforzheim. Und Thomas Weckenbrock ist genau dazwischen, in Duisburg, zuhause. Cappenberg liegt für keinen von ihnen gerade um die Ecke. Und doch machen sich die Drei genauso wie mehr als 20 andere regelmäßig auf den Weg zu dem kleinen Laden am Cappenberger Damm, gleich neben dem Wasserturm, um das zu tun, was ihnen in ihrer Freizeit am meisten Freude macht: Sticken, am liebsten über Kreuz.

Sticken? Susanne Schmidt kennt solche Nachfragen schon, mit diesem zweifelnden Unterton, so als ob sich der andere nur verhört hätte. „Jawohl“, sagt die 53-jährige Gastgeberin: „Sticken. Meistens Kreuzstich.“ Jetzt bloß nicht an den röhrenden Hirsch in Omas Wohnzimmerwand denken. Das moderne Sticken sei anders: bunter, fantasievoller, frecher. Genauso wie die moderne Handarbeitsrunde.

So sieht's beim Treffen der Stickfreunde bei "Farbenfroh" aus:

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So eine, wie sie sich am Samstag im Handarbeitsgeschäft „Farbenfroh“ in den Räumen des einstigen Cappenberger Edeka-Geschäfts versammelt hat – mit Anke, Elke, Thomas und all den anderen. „Wir duzen uns hier“, macht Ladenbesitzerin Susanne von Anfang an klar. Wer an zwei Tagen fast 20 Stunden lang an einer langen Tafel hinter dem Schaufenster eng an eng nebeneinander sitzt und bunte Fäden an vier Zentimeter kurzen Nadeln durch den Stoff zieht, kann kein einsilbiger, ungeselliger Mensch sein. Und auch kein humorloser.

Aus Zufall süchtig geworden

„Wir hängen alle an der Nadel“, sagt Gerda Schaper aus Dortmund-Sölde. Die anderen lachen, auch wenn der Spruch schon alt ist. Wahr sei er trotzdem: „Wer einmal angefangen hat, legt die Sticknadel nicht so schnell wieder aus der Hand“, bestätigt Marion Thomas aus Bochum. Im Gegenteil: „Man sucht sich immer neue Mitstreiter.“ Etwa auf der Creativa in Dortmund, auf anderen Messen oder im Stickereimuseum im sauerländischem Oberhundem. „Und natürlich hier bei Susanne in Cappenberg, wo es ein Spezialgeschäft gibt, wie ich es nirgendwo sonst kenne.“

Thomas Weckenbrock (54) ist aus Zufall süchtig geworden. Er klebt die winzige Nadel an einen Magneten – „sonst verliert man die so schnell“ – und beginnt zu erzählen: von seinem Teenagerzimmer, das er verschönern wollte. „Ich war damals 17 und ging einkaufen“: einen Teppich für immerhin 99 Mark. „Als ich zuhause den Karton öffnete, muss ich blöd aus der Wäsche geguckt haben. Denn der Teppich musste erst gestickt werden.“

FOTOSTRECKE
Bildergalerie

So viel Spaß macht das Sticken

Wir waren beim Treffen der Stickfreunde im kleinen Laden "Farbenfroh" am Cappenberger Damm. Hier gibt's viele Fotos.
30.08.2017
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Abstrakt, bunt und winzig: das Stickbild von Susanne Schmidt im Kreuzstichdesign.© Foto: Sylvia vom Hofe
Passend zur Jahreszeit: Apfelmotive.© Foto: Sylvia vom Hofe
Ein Bild nach historischer Vorlage.© Foto: Sylvia vom Hofe
Quadrate im Kreuzstich.© Foto: Sylvia vom Hofe
Eine winzige Landschaft.© Foto: Sylvia vom Hofe
Auch im Querformat.© Foto: Sylvia vom Hofe
Dasselbe Motiv in zwei verschiedenen Größen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Mit einem Blick ist es nicht getan.© Foto: Sylvia vom Hofe
Nicht alle Motive finden Platz in dem Laden am Cappenberger Damm.© Foto: Sylvia vom Hofe
Susanne Schmidt in ihrem Laden am Cappenberger Damm.© Foto: Sylvia vom Hofe
Natürlich stickt die Ladenbesitzerin selbst. Ebenso gerne entwirft sie aber auch Designs.© Foto: Sylvia vom Hofe
Eine Arbeit die beruhigt, wie Susanne Schmidt meint.© Foto: Sylvia vom Hofe
Im Stickrahmen steckt das Werkstück.© Foto: Sylvia vom Hofe
Drei Wochen, nachdem Susanne Schmidt ihr Geschäft eröffnet hatte, erhielt sie eine böse Diagnose.© Foto: Sylvia vom Hofe
Genaues Nachzählen ist nötig.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die Stickerin überträgt die Vorlage.© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
Stickrahmen und Zubehör gibt es im Laden.© Foto: Sylvia vom Hofe
Vorlagen für neue Bilder gibt es jede Menge.© Foto: Sylvia vom Hofe
Dieses Motiv wartet auf Fertigstellung.© Foto: Sylvia vom Hofe
Vorlage und Stickbild.© Foto: Sylvia vom Hofe
Früher war hier ein Lebensmittelladen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Susanne Schmidt färbt Stoffe selbst.© Foto: Sylvia vom Hofe
Sprüche lassen sich sticken.© Foto: Sylvia vom Hofe
So sieht das Stickgarn aus.© Foto: Sylvia vom Hofe
Auch Garn mit Metallfäden gibt es.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das Testbild von Anno Dazumal mit einer Technik von Anno Dazumal: dem Sticken.© Foto: Sylvia vom Hofe
Susanne Schmidt liebt Halloween. Das ist nicht zu übersehen, wenn man richtig hinschaut.© Foto: Sylvia vom Hofe
Anna, die jüngste Tochter von Susanne Schmidt, trägt das Club-T-Shirt.© Foto: Sylvia vom Hofe
Ein Bekenntnis, das frei von Nebenwirkungen ist.© Foto: Sylvia vom Hofe
Gerda Schaper aus Dortmund zeigt ihr Werk.© Foto: Sylvia vom Hofe
60 mal 60 Zentimeter wird das Werk messen, wenn es fertig ist.© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
Mit bloßem Auge sind die Details kaum zu erkennen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Das ist eine der größeren Sticknadeln.© Foto: Sylvia vom Hofe
Beim Sticken.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Faden geht auf und ab durch das Tuch.© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Fortschritt ist sofort zu erkennen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Doro Hueber-Kiesel ist aus Pforzheim angereist. Das heißt: eigentlich aus Norwegen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Elke Benitt stammt ebenfalls aus Pforzheim.© Foto: Sylvia vom Hofe
Der Kreuzstich.© Foto: Sylvia vom Hofe
Durch die Lupe ist die Handarbeit besser zu erkennen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Anke Cramer (l.) stickt, seitdem sie ein kleines Mädchen war.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die beiden frauen sind aus Norddeutschland angereist.© Foto: Sylvia vom Hofe
Die ganze Stickrunde arbeitet zwei Tage lang zusammen.© Foto: Sylvia vom Hofe
Schlagworte Selm

Längst entwirft der Lagerist und Staplerfahrer selbst die Motive, die er mit Nadel und Faden in textile Bilder verwandelt: zurzeit einen großen Wichtel. Während die Kollegen in der Pause eine rauchen gingen, mache er ein paar Kreuzstiche. Unmännlich findet er das nicht. Seine Frau auch nicht: „Sie war beruhigt, als ich ihr damals sagte, die Stickereien an den Wänden seien von mir und nicht von einer Verflossenen.“

„Vermutlich hätten wir uns ohne das Sticken nie kennengelernt“, sagt Anke Cramer, das Nordlicht. Und ohne Facebook, wo sich alle auf Susanne Schmids Seite "Farbenfroh – sticken und mehr" über Garne und Muster austauschen. Die Flensburgerin und zwei andere Frauen übernachten im Gasthof "Altes Feld" in Selm. Fahrradwanderer kennt man da, Kulturreisende auch. Sticktouristen sind dagegen neu. Sie wollen wiederkommen.

Drei Fragen an Ladeninhaberin Susanne Schmidt: 

Wie kamen Sie zum Sticken?

Durch meine Tante, Gisela Schwalk. Sie war Standesbeamtin in Lünen und hat Sticken geliebt. Als ich es vor etwa 25 Jahren ausprobierte, wusste ich sofort, warum. Dabei kann man wirklich abschalten.

Warum haben Sie vor fünf Jahren den Laden „Farbenfroh“ am Cappenberger Damm eröffnet?

Mein Mann und ich hatten damals noch die Aral-Tankstelle an der Cappenberger Straße. Ölwechsel und Benzingespräche machten mir zwar auch Spaß, das Sticken und Designen von Vorlagen aber mehr.

Und wie läuft es?

Drei Wochen nach der Eröffnung des Ladens wurde bei mir Krebs diagnostiziert. Eine schwere Zeit. Auch der Laden gab mir Kraft. Heute wirft er leider immer noch nichts ab und ich muss zusätzlich jobben, aber ich fühle mich wohl.

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