Selmer über seine Corona-Erkrankung: „Von Feiern die Finger lassen“

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Peter Müller ist einer von 140 Selmerinnen und Selmern, die Corona hatten. Er berichtet von der Krankheit, die bei ihm milde verlaufen ist. Einen Ratschlag hat er aber trotzdem.

Selm

, 21.10.2020, 20:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Als Peter Müller* (55) an einem Donnerstag das Ergebnis seines Corona-Tests bekommt, ist er bereits vorbereitet. Dass er Corona hat, das hat er sich bereits gedacht. Zwei Tage zuvor ging es am Abend mit trockenem Husten los, in der Nacht kam dann das Fieber.

„Ich habe mich dann um drei Uhr nachts hingesetzt und eine Liste gemacht mit allen Leuten, die ich vorher getroffen habe“, sagt der Selmer. Am nächsten Tag geht er direkt zu seinem Hausarzt und lässt einen Corona-Test machen. Das Testergebnis erhält er einen Tag später, am Donnerstag. Genauso wie die Quarantäne-Verfügung der Stadt Selm und den Anruf des Gesundheitsamtes, das nach seinen Kontaktdaten fragt.

Pragmatische Herangehensweise an Corona

Sorgen habe er sich nicht gemacht, erzählt der Selmer. „Ich bin ein eher rationaler Mensch“, berichtet er beim Gespräch am Telefon. Genauso geht er auch mit seiner Krankheit um. Er liest viel über Corona. „Klar, das Damoklesschwert hängt über einem“, sagt er. Jederzeit könne es sein, dass sich der Zustand plötzlich verschlechtere, aber dann müsse man halt die 112 anrufen und sich ins Krankenhaus bringen lassen, „da habe ich einfach großes Vertrauen in das deutsche Gesundheitssystem“, sagt er.

So sieht die Quarantäne-Verfügung aus, die die Stadt Selm an Peter Müller geschickt hat.

So sieht die Quarantäne-Verfügung aus, die die Stadt Selm an Peter Müller geschickt hat. © privat

Aber sein Zustand verschlechtert sich nicht. Mit Husten und Fieber hat Peter Müller die Covid-Symptome, die laut RKI mit 45 und 38 Prozent am häufigsten auftreten. 20 Prozent haben Schnupfen, 15 Prozent beklagen eine Störung des Geruchs- und/oder Geschmackssinns. Wobei dieses Symptom erst im späteren Verlauf der Pandemie dauerhaft erfasst wurde. In vielen internationalen Studien beklagten mehr als die Hälfte der Probanden nicht mehr schmecken oder riechen zu können, wie das RKI erklärt. Diese Symptome hatte Peter Müller aber nicht. Nur Husten und Fieber. Das aber recht hartnäckig, eine ganze Woche lang.

81 Prozent haben leichte Verläufe

Peter Müller hat währenddessen auch gearbeitet. Er hat Arbeitsaufgaben erledigt, die er von zu Hause aus mit dem PC bewerkstelligen konnte. „Ich wurde schätzen, dass mein Energielevel bei etwa 80 Prozent lag“, sagt er. Peter Müllers Krankheitsverlauf kann also als milde bezeichnet werden. Er befindet sich damit in guter Gesellschaft. Derzeit wird angenommen, dass etwa 81 Prozent der diagnostizierten Personen einen milden Krankheitsverlauf haben, schreibt das RKI.

Das ist auch der Grund, warum Peter Müller seine Geschichte erzählen möchte, er möchte Angst nehmen und zeigen, dass es den meisten Corona-Kranken so geht, wie ihm. Die Krankheit ernst nehmen, sich aber auch nicht von Angst verrückt machen lassen. Peter Müller gehört mit seinen 55 Jahren bereits zur Risikogruppe - die beginnt ab 50 Jahren, allerdings joggt er mehrfach in der Woche und ist auch ansonsten sportlich aktiv.

Mehr Fälle bei Risikopatienten erhöhen Risiko für schwere Verläufe

In Selm haben sich bislang 140 Menschen mit dem Virus infiziert - zwei sind in Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung gestorben. Wie schwer die einzelnen Verläufe waren, wird beim Kreis Unna nicht erfasst. „Dafür müssten wir Rücksprache mit den Ärzten führen“, sagt Max Rolke vom Kreis Unna, „für uns ist aber vor allen Dingen wichtig, dass die Leute in Quarantäne sind und dass sie keine weiteren Menschen anstecken.“ Die Mitarbeiter dort legen ihr Augenmerk also auf die Fallrückverfolgung. Beim Kreis ist lediglich die Zahl derer erfasst, die im Krankenhaus behandelt werden - aktuell sind das 24 Menschen.

Laut RKI erfahren 14 Prozent aller Covid-Kranken einen schwereren und etwa 5 Prozent einen kritischen Krankheitsverlauf. Das RKI verweist in seinem Situationsbericht vom 20. Oktober ebenfalls darauf, dass seit Ende Juli die Anzahl der Todesfälle kontinuierlich bei unter einem Prozent der Gesamtfälle liegt.

Das liege vor allen Dingen daran, dass zuletzt viele junge Menschen infiziert waren. Das RKI warnt aber auch: „Aktuell nehmen jedoch die Erkrankungen unter älteren Menschen wieder zu. Da diese häufiger einen schweren Verlauf durch Covid 19 aufweisen, steigt ebenso die Anzahl an schweren Fällen und Todesfällen“, so das RKI. Das könne vermieden werden, wenn die Ausbreitung des Virus durch die bekannten Infektionsschutzmaßnahmen verhindert werde.

Risikofaktor Feier

Auch Peter Müller ist erleichtert, dass er - so sieht es nach bisherigen Erkenntnissen aus - niemanden angesteckt hat. Zum Beispiel seine über 80-jährige Mutter oder seine Freunde vom Sport. Müller war nämlich noch beim Sport - eine Gruppensportart - gewesen, bevor seine ersten Symptome aufgetreten waren. Dass sich niemand aus der Gruppe angesteckt hat, nimmt er auch als Hinweis darauf, dass das vorgeschriebene gute Lüften wirklich etwas bringt.

Anders war das bei der Veranstaltung, wo er sich wohl mit dem Coronavirus infiziert hat. Eine Geburtstagsfeier. Nicht groß, weniger als 20 Leute. Gesittet, wie Peter Müller sagt. Niemand hat auf den Tischen getanzt, ausschweifend war es überhaupt nicht. „Aber es war kalt, da macht man nicht alle Fenster auf.“ Im Nachhinein sei herausgekommen, dass der größte Teil der Feiernden sich mit dem Virus infiziert hatte. „Das ist mein Ratschlag, dass man vielleicht lieber die Finger von Feiern lassen sollte“, sagt Peter Müller rückblickend.

„Es gibt Begleitumstände, die eine ungewöhnlich hohe Übertragung begünstigen“, schreibt dazu auch das RKI. Zu diesen gehörten vor allem Situationen, in denen sich kleine, infektiöse Partikel (aerosolisierte Partikel) im Raum anreichern. Dazu tragen kleine Räume, keine oder geringe Frischluftzufuhr, längerer Aufenthalt sowie die vermehrte Freisetzung kleiner Partikel durch Aktivitäten mit gesteigerter Atemtätigkeit wie Schreien, Singen, Sporttreiben oder andere schwere körperliche Aktivität bei.“

Striktere Regeln im Bereich feiern

Weil es in den vergangenen Wochen vermehrt zu Ansteckungen in diesem Bereich gekommen war, haben Bund und Länder gerade im Bereich private Feierlichkeiten striktere Regeln erlassen. So hatten sich beispielsweise bei einer privaten Hochzeitsfeier in Ascheberg von den insgesamt 88 Gästen alleine aus dem Kreis Coesfeld 33 Gäste mit dem Coronavirus angesteckt - aus dem Kreis Unna waren es noch einmal 19 Personen gewesen.

Für kreisfreie Städte und Landkreise, die einen Inzidenzwert von 35 überschreiten, gilt deshalb aktuell, dass nur noch 25 Menschen in öffentlichen und angemieteten Räumen feiern dürfen. Bei einer Inzidenz ab 50 wird diese Zahl auf 10 Teilnehmer limitiert.

Auf dem Weg zurück

Am Tag des Gesprächs gilt Peter Müller wieder als gesundet in der Statistik des Kreises Unna. In der Quarantäne haben Freunde für ihn eingekauft und das Essen vor die Tür gestellt. Er hat die frische Luft seines Balkons genossen und manchmal mit viel Abstand über geöffnete Fenster mit Menschen geredet.

Nun ist er seit mehreren Tagen symptomfrei und darf wieder am öffentlichen Leben teilnehmen. Das hat er direkt zum Joggen am frühen Morgen genutzt. „Das war perfekt, ein schönes Gefühl, wieder durch die Selmer Wälder zu laufen“, sagt Müller nach 14 Tagen Quarantäne. Aber so ganz frei fühle er sich noch nicht. Treffen mit Freunden hat er lieber in die nächste Woche geschoben. Sicher ist sicher. Und beim Lauf hat er lieber den kürzeren Weg mit Abkürzung gewählt - die 14 Tage Pause machen sich bemerkbar. Doch der lange Jogging-Weg wartet schon. „Morgen wieder“, sagt Peter Müller.

*Name von der Redaktion geändert.

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