Selmer wegen Totschlags zu weniger als zehn Jahren Haft verurteilt

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Im Prozess um die brutale Tötung einer 54-jährigen Frau an der Eichenstraße hat das Dortmunder Landgericht das Urteil gesprochen. Aus dem angeklagten Mord wurde am Ende ein Totschlag.

Selm

, 03.09.2020, 17:22 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als Thomas Kelm, der Vorsitzende Richter des Dortmunder Schwurgerichts, das Urteil verkündete, herrschte gespannte Stille im Saal. Neun Jahre und sechs Monate Haft verhängten die Richter. Bei einer Verurteilung wegen Mordes wäre eine lebenslange Freiheitsstrafe unumgänglich gewesen.

Die Richter sehen jedoch das Mordmerkmal der Heimtücke nicht als gegeben an. Die Staatsanwaltschaft hatte die Tat anfangs so geschildert: Der 57-jährige Angeklagte lauerte seiner Ex-Frau vor der Garage des früher gemeinsam bewohnten Hauses an der Eichenstraße in Selm auf, schlug ihr aus dem Hinterhalt mit voller Wucht mit einem Spaten ins Gesicht, zog die bereits bewusstlose Frau in die Garage und tötete sie dort mit fünf Messerstichen.

Schon nach der Vernehmung der Rechtsmedizinerin war jedoch klar, dass es sich so nicht zugetragen haben konnte. Das Opfer wies keine typischen Sturzverletzungen auf, die aber zu erwarteten gewesen wären, wäre die Frau wirklich aus voller Fahrt vom Fahrrad geschlagen worden. Wahrscheinlicher ist daher die Version, die der Angeklagte geschildert hatte. Danach stellte er seine Frau zur Rede und schlug mit dem Spaten zu, als diese nicht mehr arg- und wehrlos war. Damit schied Heimtücke als Mordmerkmal aus.

Ehe war schon lange kaputt

Die Bluttat in der Garage markierte den traurigen Tiefpunkt einer Ehe, die schon in den letzten zehn Jahren nur noch für Außenstehende existierte. „Es lag einiges im Argen“, sagte Richter Thomas Kelm am Donnerstag. Der Angeklagte habe schon vor Jahren damit begonnen, außereheliche Kontakte zu anderen Frauen zu knüpfen.

Nach einer Kur im Jahr 2018 war es aber wohl die 54-Jährige, die den Schlussstrich ziehen wollte. Und wie reagierte der Angeklagte? „Er bekam das anscheinend alles gar nicht richtig mit“, so Richter Kelm. Immer wieder habe der Selmer darauf gedrängt, seine Frau solle die Trennungsabsichten doch noch einmal überdenken. Richtig gewehrt habe er sich aber nicht.

So kam es, dass der 57-Jährige auch kleine Nickeligkeiten klaglos über sich ergehen ließ. Als er noch im gemeinsamen Haus wohnte, soll seine Frau einen Zettel auf die Kaffeemaschine geklebt haben: „Für dich kostet eine Tasse 50 Cent.“ Den gleichen Preis sollte der Angeklagte auch für ein Blatt Toilettenpapier bezahlen.

Perspektive für den Angeklagten

Mit der Haftstrafe von neun Jahren und sechs Monaten eröffnet sich dem 57-Jährigen tatsächlich noch einmal eine Perspektive, sich nach der Haft ein neues Leben aufzubauen. Die vielen Zuschauer im Dortmunder Gerichtssaal quittierten den Urteilsspruch dagegen mit verständnislosem Raunen.

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